Niels Frevert Paradies der gefälschten Dinge


Grönland / Rough Trade


von

In seinem Hit mit der Hamburger Band Nationalgalerie besang Niels Frevert Anfang der Neunziger ein Mädchen, dessen Name nicht unbedingt nach purem Rock’n’Roll klang: Sie hieß Evelyn. Man dachte an Evelyn Hamann oder gar Evelyn Künneke, die so schöne Schlager sang wie „Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst“ oder „Allerdings, sprach die Sphinx“. Da hätte man schon ahnen können, dass Freverts Liebe eigentlich dem Chanson gehört. Auf seinen unglaublich guten letzten beiden Alben hat er sie dann endlich zelebriert – mit dem lässigsten Sound, den man mit akustischer Gitarre, Klavier, Schlagzeug und ab und zu ein paar Streichern produzieren kann.

„Paradies der gefälschten Dinge“ ist jetzt das richtig große Erwachsenen-Entertainment. Es gibt Bacharach-Bläser und Orchester, Bossa Nova und Schwermut, Dichtung und Wahrheit. Auch wenn alles mit mehr Dramatik und Opulenz inszeniert wird, spinnt Frevert seine Texte noch immer aus den kleinen Momenten, singt mit Lindenberg’scher Lakonie und Schnoddrigkeit von der „Nadel im Heuhaufen“, vom relativen Glück und von Erinnerungen, die laut grölend von ihrer eigenen Aftershow-Party kommen, ringt Wörtern wie „Stachelbeergestrüpp“ oder „Surrertaste“ den letzten Tropfen Melancholie ab.

Frevert inszeniert Drama und surreales B-Movie, erzählt ein herzzerreißendes Telefongespräch am Rande des Nervenzusammenbruchs („Schwör“) und zeichnet eine komische Miniatur über den Kirchentag in Hamburg („UFO“). „Speisewagen“ steigert sich von einem kleinen Groove in eine große Liebeserklärung, die leicht rockende Alltagspoesie „Muscheln“ entfaltet sich zu hanseatischem Soul. „Hab gehört, Selbstgespräche dürfen nicht verwendet werden vor Gericht“, singt Frevert im letzten Song. „Und du sagst: Ich war nicht mal vorgeladen/ Bin ja nur Zeuge der Stereoanlage.“ Im Paradies der gefälschten Dinge gibt es naturgemäß, das macht dieses Album so gut, keine Unschuld.


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