R.E.M.: "Murmur" (Deluxe Edition) (Kritik & Stream) - Rolling Stone






R.E.M. „Murmur“ (Deluxe Edition)



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Mit dem Zeitgeist ist das so eine Sache. Der weht auch nicht immer dort und so, wo und wie er vielleicht möchte. Im auch damals durchaus trendbewussten England verpennte man 1983 die Anfänge von R.E.M. – dass deren Debüt vom „Rolling Stone“ zum Album desselben Jahres erklärt wurde, registrierte man dort in manchen Zirkeln wohl ziemlich fassungslos.

Angesagt war purer Synthesizer-Pop und mit ihm neue Helden wie Depeche Mode, Thomas Dolby und Frankie Goes To Hollywood. Zudem war selten mehr Studioperfektion angesagt als 1983. In England waren das Debüt der Eurythmics und das „Synchronicity“-Album von Police auch Meisterwerke an Produktion. In Amerika wiederum erreichten Toto (mit op. 4) und Quincy Jones (mit „Thriller“) ein kaum zu überbietendes Niveau an Perfektion.

„Murmur“
war so ziemlich das absolute Gegenteil von all dem. Mitch Easter gibt in seinen Liner Notes zu dieser Deluxe-Ausgabe zu, dass er alles andere als ein Profi war und deswegen Don Dixon als Co-Produzenten anheuerte, weil der sich im Gegensatz zu ihm mit 24Spur-Mischpulten auskannte und die Plattenfirma I.R.S. darauf bestand, dass nach der „Chronic Town“-EP das Debüt in 24Spur-Technik aufgenommen werden müsse.

Was man sich davon versprach, ist- gemessen am Resultat- nach wie vor ein wenig rätselhaft. Denn „Murmur“ wurde nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte des sogenannten College Rock, sondern eigentlich auch die Geburtsstunde dieser nun schon seit einem Vierteljahrhundert andauernden Lo-Fi-Mode. Alle hörbar prägenden Vorbilder vom Byrds-Debüt bis zum Soft Boys-Meisterstück „Underwater Moonlight“ waren high-fideler aufgenommen als dieses Erstlingswerk.

Was der Sänger öfter zu murmeln beliebte, erschloss sich dem Zuhörer durchaus nicht immer. Wie Jay Boberg in den Liner Notes erzählt, warf ihn der Chef der französischen Lizenzfirma hochkant aus seinem Büro, nachdem er ihm drei Songs von „Murmur“ vorgespielt hatte: Er werde diese Platte nicht veröffentlichen, weil dieser Sänger überhaupt nicht singen könne und niemand in Frankreich je eine Platte von dieser Band kaufen werde!

Da hätte es auch nichts genützt, wenn Boberg dem guten Mann erklärt hätte, dass R.E.M. live eine ganz andere Baustelle waren als bei diesem bewusst auf etwas mysteriösen Sound hin produzierten Studio-Werk; dass sie es bei Tourneen im eigenen Land schon zu einer beachtlichen Gefolgschaft gebracht hatten und die Fan-Gemeinde so groß geworden war, dass die LP schließlich bis auf Platz 36 der „Billboard“-Hitparade kletterte.

Bei uns und auf dem Kontinent allenfalls ein Geheimtipp unter Kennern, war „Murmur“ in England ein totaler Flop. Was rückblickend betrachtet doch etwas merkwürdig erscheint, denn an Ohrwurmqualitäten von „Perfect Circle“, „Talk About The Passion“ oder „Radio Free Europe“ gibt es ja gar nichts zu deuteln.

Im Konzert-Repertoire hatte die Band schon andere wie „7 Chinese Bros.“ (hier auf der Bonus-CD beim im Kanada mitgeschnittenen „Live At Larry’s Hideaway“ zu hören wie auch das Cover von „There She Goes Again“, alles vorher jahrelang schlechter klingend auf Bootleg zu haben). Die alle im Konzert in komplett anderen Tempi und Arrangements zu erleben, machte den ganzen Unterschied aus.

Dieses Konzert, jetzt in ansprechender Qualität überspielt, ist denn auch der eigentliche Bonus dieser (bislang immer noch nur via Import erhältlichen) Deluxe-Ausgabe. Im übrigen kann (wie in manchen Zirkeln skeptisch angemerkt bis verärgert beklagt) überhaupt keine Rede davon sein, dass die klangliche „Aura“ des Debüts durch das neuerliche Remastering beschädigt worden sei. Bei korrektem Pegelabgleich relativieren sich die Unterschiede zu der 1992 als „I.R.S. Years Vintage 1983“ erschienenen Überspielung bis auf einen gelinden Kompressionseffekt doch sehr. (Universal/Import)

Franz Schöler


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