Replays

Eine andere Firma als Bear Family Records hätte sich an ein solch fast schon monströses Projekt gar nicht erst heran gewagt. Was die mit Vol. 1 von THE COMPLETE SUN SINGLES (BCD 15801) vorlegte, wird am Ende nicht weniger ab sechs 4-CD-Boxen umfassen und die Geschichte jenes unabhängigen Labels dokumentieren, mit dem Firmengründer und Rock ’n Roll-Pionier Sam Phillips allen finanziellen Widrigkeiten zum Trotz zur Legende wurde. Mit gut fünf Stunden Spielzeit bietet Vol. 1 neben den fünf Presley-Singles (hier teils geringfügig besser überspielt als auf den „Complete 50’s Masters“ von RCA) auch Aufnahmen von Hartnonica Frank und Linie Milton, James Cotton, Carl Perkins und dem blutjungen Johnny Cash. Auch die Aufnahmen – 114 insgesamt längst in Vergessenheit geratener Sun-Interpreten werden Song für Song mit kritischen Liner Notes kommentiert. Wie überhaupt die editorische Qualität mal wieder, wie von diesem kleinen deutschen Label gewohnt, unübertroffen ist. Wir kommen auf das Projekt zurück, wenn es bei seiner Vollendung womöglich mehr als 4,5 verdient.

„Nur“ vier einzelne CDs umfaßt mittlerweile die vom englischen Label Ace vor einiger Zeit begonnene Serie THE GOLDEN AGE OF AMERICAN ROCK ‚N‘ ROLL (CDC HD 289/445/497/500 – alle über TIS). Aber diese 120 Aufnahmen bilden – von DooWop-Evergreens der Penguins und Five Satins bis zu Pop-Klassikern wie „To Know Hirn Is To Love Hirn“ und „Louie Louie“ – nebenbei auch eine Fundgrube an Raritäten aus den Gründerjahren 1954 bis 1963, also der Zeit vor der „britischen Invasion“. Auch wegen der außergewöhnlich guten Überspielungen ist das eine wärmstens empfohlene Nostalgie-Serie!

In nachgerade phantastischer Qualität erhalten sind die vor gut dreißig Jahren auf Scotch-Band aufgezeichneten Aufnahmen, die jetzt als WIMOWEH 111 – THE BEST OF THE TOKENS (RCA 07863 66474-2) wiederveröffentlicht wurden. Allerdings war besagter Titelsong, besser als „The Lion Sleeps Tonight“ bekannt, der einzige Hit dieses Vokal-Quintetts. Was die Tokens als eine jener „One Hit Wonder“-Gruppen aus vier Jahrzehnten qualifiziert, deren Geschichte leider immer noch nicht auf einem umfangreichen Box-Set dokumentiert wurde. Viele Hits hatte dagegen jene Vokalgruppe, die unter den Namen The Temptations seit 1961 in zwölf verschiedenen Besetzungen auftrat, von denen wiederum die berühmteste die mit den Leadsängern Eddio Kondrioko und Jimmy Ruffin war. Aber auch nach deren Weggang sorgte das Komponisten-Team Whitfield/Strong dafür, daß sie mit Songs wie „Psychedelic Shack“, Just My Imagination“ und „Papa Was A Rolling Stone“ ihre größten kommerziellen Erfolge überhaupt hatten.

Was das 5-CD-Set Emperors Of Soul (Motown 314 530 338-2) aber wirklich zum edlen Sammlerstück für Soul-Fans macht, ist dennoch in erster Linie die Tatsache, daß die frühen Longplayer dieser Sangesbrüder in Bestbesetzung wie „Meet The Temptations“ oder „Gettin‘ Ready“ hier nahezu komplett übernommen wurden. Fragwürdig bis ärgerlich ist nur die Entscheidung, sämtliche bis Ende 1970 – also weit in die Stereo-Ära hinein – produzierten Aufnahmen von Mono-Mixes der Single Versionen zu übernehmen. Für soviel Beschränktheit gibt es Punkteabzug, allerdings allemal noch 4,0.

Ganze Arbeit leistete die Polygram-Technik wiederum im Fall einiger anderer Motown-Klassiker, nämlich dem innerhalb der Marvin Gaye Classics Collection erschienen „Let’s Get It On“ (530 022-2) des Sängers. Das letztere, nobel in Schuber und mit ausführlicher Broschüre wiederaufgelegte Album wurde nach dem neuesten Stand der Digitaltechnik vom Original-Master prozessiert: Nie klangen Marvin Gayes Botschaften betörender ab auf dieser neuesten CD-Version. Nicht immer friedlich ging es bei jenen Aufnahmen zu, die jetzt erstmals zu der Anthologie „The Norman Whitfield Sessions“ (530 355-2-) zusammengefaßt wurden. Trotzdem steht unzweifelhaft fest, daß dieser Produzent für große Marvin-Gaye-Aufnahmen wie „I Heard I Through The Grapevine“ und „Wherever I Lay My Hat“ hohes Lob verdient.

Höchstes Lob ist im Fall des kürzlich auf goldbedampfter Doppel-CD wiederveröffentlichten „Just One Night“ von Eric Clapton angebracht (MFSL UDCD 2-608/inakustik). Denn bei diesem Konzertauftritt Ende 1979 in Tokio, bei dem Clapton unter anderem von Grease Band-Mann Chris Stainton und dem geschätzten Gitarristen-Kollegen Albert Lee begleitet wurde, hatte der Meister wirklich eine Sternstunde, und zwar nicht nur was die kleine „Greatest Hits“-Retrospektive („Cocaine“, „Lay Down Sally“, „After Midnight“ usw.), sondern mehr noch, was die Blues-Einlagen an diesem Abend angeht. Die musizierte Clapton mit seiner Truppe in derselben Form wie unlängst bei „From The Cradle“. Nur mit dem Unterschied, daß der Live-Mitschnitt neuerdings eine ungleich bessere Klangqualität als je zuvor bietet.

Klangtechnisches Großreinemachen hatte Elvis Costello angeordnet, als er sich vor Jahr und Tag dazu entschied, sämtliche Platten seiner Karriere neu überspielt und mit Dutzenden von Bonus-Tracks angereichert wiederzuveröffentlichen. Da staunt man nicht schlecht, wenn man jetzt sein Country-Album „Of Almost Blue“ (Demon DPAM 7) oder auch „Imperial Bedroom“ (DPAM) hört. Der Sammelwert ist durch besagte Bonus-Tracks natürlich deutlich höher als zuvor. Aber die CD-Erstauflagen klingen zudem vergleichsweise so miserabel, daß man sich nachträglich fragen darf, wer je die Unverfrorenheit besaß, die in so schlechter Überspielung anzubieten. Technisch überarbeitet wurden auch alle „handverlesenen“ 22 Aufnahmen von The Very Best Of Elvis Costello & The Attractions (DPAM B/alle über TIS). Was nicht heißt, daß man hier jetzt high-fidelsten Wohlklang genießt, aber viele der markantesten Ohrwürmer des anderen Elvis in zumindest besserem Klang.

Zu den unter dem Aspekt der bescheidenen Überspielqualität am heftigsten kritisierten Plättchen der frühen CD-Ära gehörte Carole Kings Megaseller „Tapestry“. Da hatte offensichtlich ein CBS-Techniker für die CD irgendeine von mehreren im Regal herumliegenden Kopien benutzt. Entsprechend ärgerlich war das Resultat Die 2-CD-Box „A Natural Woman -The Ode Collection 1968 – 1976“ (Epic Legacy 48833) präsentiert neben frühen („Up On The Roof“. „Wasn’t Born To Follow“) und einigen vormals unveröffentlichten Aufnahmen der Sängerin „Tapestry“ dankenswerterweise komplett und in passablem Remastering sowie in einer – Auswahl einen „Very Best Of‘- Überblick über ihre weiteren Aufnahmen für das Label von Lou Adler.

Im übrigen ist die Inflation an Multi-Sets kaum mehr aufzuhalten. Die amerikanischen Art-Rocker Kansas findet man jetzt destilliert zu einem gleichnamigen 2er-Set (Epic 47364). Nur ist das mit 2,0 noch eher gutmütig bewertet.

Ausgesprochen generös gab man sich beim Polygram-Konzern, als man sich dazu durchrang, die Karriere der Moody Blues mit dem teuer aufgemachten 5-CD-Set „Time Traveller“ zu würdigen (Polydor 314 516 436-2/IMS). Da ist es nur zu verständlich, daß diese Band in den Liner Notes als eine der „ewigen Rock-Legenden“ gepriesen wird.

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