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Shaun Usher (Hg.) Letters Of Note – Briefe, die die Welt bedeuten

Heyne

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Im Zeitalter hingefetzter Mails und unreflektierter Online-Kommentare – einst „Leserecho“, jetzt „Shitstorm“ genannt – ist der Brief zu einer Edeldisziplin im schriftlichen Austausch geworden – vom Kundenverkehr mit der Krankenkasse mal abgesehen. Einen Brief poltert man nicht hinaus, einen Brief überlegt man sich, das macht ihn nach heutigen Maßstäben zu Literatur.

Der Brite Shaun Usher veröffentlicht auf seiner Website, lettersofnote.com, seit geraumer Zeit Briefe, die historische Vorgänge, gesellschaftliche Paradigmen und sonstige Ungeheuerlichkeiten nicht nur kommentiert sondern gelegentlich auch beeinflusst haben – oder eben nicht, wie das verzweifelt warnende Memo eines Ingenieurs an die Verantwortlichen der später verunglückten Raumfähre Challenger zeigt. Eine Art Best-of dieser Website ist gerade als voluminöses Buch erschienen.

Die wuchtige Ansammlung von 125 Kommuniqués mit vielen Abdrucken der Originalbriefe ist eine Schatztruhe des Humanismus. Was possierlich mit einem Eierkuchenrezept von Elizabeth II. für Eisenhower beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte der menschlichen Befindlichkeit, die den guten alten Slogan der Politik der ersten Person untermauert: „Das Private ist politisch.“ Es geht emotional oft ganz nach unten, z. B. wenn Jack the Ripper Nieren aus der Hölle verschickt, Maria Stuart sechs Stunden vor ihrer Enthauptung an den Bruder schreibt, Laura Huxley herzzerreißend von den letzten LSD-induzierten Stunden ihres Mannes, Aldous, berichtet oder man das finale Telegramm der Titanic besichtigt. Gehoben wird man dazwischen durch heitere Schriebe wie der Notiz eines entsetzten EMI-Film-Vorsitzenden, der gerade das Drehbuch von „Das Leben des Brian“ gelesen hat.

Bei allen Pointen ist kaum ein Brief frei von Didaktik. Wenn Hemingway Fitzgerald nach der Lektüre von dessen Roman „Zärtlich ist die Nacht“ einen literaturkritischen Einlauf verpasst, kann man das auch als Leitschrift für angehende Belletristiker lesen. Neben zahlreichen Briefen an US-Präsidenten von Kindern, Soldaten und Elvis ist man quasi zugegen, wenn Jagger bei Warhol das Cover zu „Sticky Fingers“ in Auftrag gibt, Nick Cave mit Pferderennen-Metaphern und Großbuchstaben MTV brüskiert und Lennon-Mörder Chapman zaghaft nachfragt, wie viel denn nun eigentlich seine handsignierte „Double Fantasy“ wert sei. Das perfide Highlight der Korrespondenz-Bacchanale: Gandhis höflicher Brief an seinen „Freund“ Herrn Hitler: Er möge sich das mit der Weltvernichtung vielleicht doch noch mal überlegen. (Heyne, 34,99 Euro)

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