Sting: „The Bridge“ – eine Feier des Lebens



von

Als sein Vater 1987 starb, erlitt Sting eine Schreibhemmung, veröffentlichte vier Jahre lang keine Musik. 2020 erlag sein Tourmanager Billy Francis, der ihn seit Police-Tagen gefördert hatte, einem Krebsleiden, was Sting aus der Bahn zu werfen drohte. Aber diesmal kamen die Töne schneller zu ihm zurück. Und er klingt auch nicht, wie zu befürchten, meditativ, sondern extrovertiert.

Der häufigste an Sting gerichtete Vorwurf ist der einer Oberlehrerhaftigkeit: Er geriere sich als bildungsbürgerlicher Sendbote. Diesen Weg hat er jedoch spätestens seit seinem 2016er Album „57th and 9th“ verlassen. Sting spricht die Dinge nur noch indirekt an. In „The Book Of Numbers“ geht es, anders als im Text zu vermuten, nicht um den leibhaftigen Teufel, sondern um den „Zerstörer der Welten“ Robert Oppenheimer. Captain Bateman“ ist nicht die Geschichte eines Disney-Freibeuters, sondern nahezu eine Eins-zu eins-Versübertragung einer alten britischen Folkweise. Im Zusatzstück „Captain Bateman’s Basement“ macht er daraus Funk-Rock – das „basement“ im Lied steht für den psychoanalytischen „Keller“, das Unbewusste, den Bereich der Triebe. „The Bridge“, „die Brücke“, wiederum ist ein Sinnbild für den beschwerlichen Weg zur Glückseligkeit am Lebensende. Das klingt profan, ist es aber dann nicht mehr, wenn der Songtext, selbst wenn wir ahnen, worauf er hinauswill, immer noch gedeutet werden muss. Sting singt ja nicht: „This is how to change the world“, sondern er singt: „Open the gates, that we may follow.“

Eine der größten Herausforderungen im Pop ist die nicht gesungene, sondern gepfiffene Melodie. Sie muss leicht sein, wie aus der Luft gegriffen, dabei den ganzen Song tragen. Gibt es im Pop etwas Schwierigeres als das Komponieren eines gelungenen Refrains, der ohne Worte auskommt? Sting führt es in „If It’s Love“ vor, und er singt, ohne die Last der Welt auf seinen Schultern tragen zu wollen. Er singt davon, wie er sich einen Kaffee macht, während er darüber nachdenkt, wie es passieren konnte, dass er sich neu verliebt. Das Album ist dem verstorbenen Mentor Billy Francis gewidmet. Aber es ist eine Feier des Lebens.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Sting :: Duets

Stilistisch vielfältige Kooperationen, erstmals vereint

The Police :: Every Move You Make: The Studio Recordings

Alle fünf Studioalben plus B-Seiten

Sting :: My Songs

Solide, wenig überraschende ­Neuaufnahmen der Klassiker


ÄHNLICHE ARTIKEL

41 Jahre altes Video zur Police-Single „Don't Stand So Close To Me“ aufgetaucht

41 Jahre nach der Veröffentlichung von „Don't Stand So Close To Me“ wird nun eine alternative „Weihnachts-Version“ veröffentlicht.

Sting im Interview: „Natürlich bin ich gegen Corona geimpft – ich bin alt genug, um mich noch an Polio zu erinnern“

Mit „The Bridge“ veröffentlicht Gordon Sumner alias Sting sein 14. Studioalbum. Der Ex-Police-Sänger blickt darin auf sein Leben zurück: Er ist 70 geworden, sein langjähriger Tourmanager Billy Francis ist verstorben, und Sting widmet sich in den spirituellen Liedern Geistern der Vergangenheit, aber auch Wegen zur Erleuchtung. Ein Gespräch über den Tod, Atombomben und Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

ROLLING STONE im Dezember – Titelthema: Queen + exklusive Vinyl-Single

Das große Special zu 50 Jahren Queen, die besten neuen Serien - dazu Features zu Jazz-Virtuosin Nubya Garcia, Philipp Bradatsch und Eric Clapton.