The Beatles Let It Be

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'Let It Be' - ein unterschätztes Werk im Schaffen der Beatles.

Als sich die Beatles im Januar 1969 in die frostige Atmosphäre der Twickenham Studios begaben, um dort unter Live-Bedingungen ihre neue Platte einzuspielen, hatte die heile Welt des Beatles-Kosmos bereits merkliche Risse bekommen. Diese Entwicklung nahm schon 1967 ihren Anfang. Das kaleidoskopartige Großwerk „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967) wurde zum Identitätsausweis der Hippie-Psychedelia, gleichzeitig wurde das Studio-Experiment nachhaltig salonfähig. Das Band-Gefüge hatte sich um diese Zeit bereits verschoben. Paul McCartney trat zunehmend aus dem Schatten Lennons heraus und wurde zu einem artifiziellen Pop-Akademiker.

Gleichzeitig beanspruchte er immer mehr die Führungsposition innerhalb der Gruppe. Der bisherige Opinon-Leader John Lennon zog sich in die einsame Vorstadt-Idylle Londons zurück, nahm zu viele Drogen und zeigte sich wenig interessiert an dem konzeptionellen Überbau, der „Sgt. Pepper“ begleitete. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete das Songwriter-Gespann zudem nicht mehr mit der gleichen Intensität gemeinsam an Stücken, ein Umstand, der die beiden zunehmend voneinander distanzierte. So war auf dem Höhepunkt in Rezeption und Aufmerksamkeit der Grundstock für die persönlichen Zerwürfnisse bereits angelegt.

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Als im August 1967 ihr Manager Brian Epstein tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, war die Gruppe von jetzt auf gleich ohne geschäftlichen Kompass. Statt sich ganz ihrer Musik hinzugeben, mussten sich die Beatles jetzt auch an Buisness-Dingen versuchen, eine Doppelbelastung, die durch die Gründung des eigenen Unternehmens „Apple“ direkt in die logistische, wie finanzielle Katastrophe steuerte. Die Spannungen, die zu dieser Zeit noch unter dem Radar loderten, entluden sich schließlich bei den Aufnahmen zum „White Album“ (1968). Es war das Werk von vier Individuen, die den prominenten Bandnamen anscheinend nur noch als Vehikel benutzten. Der liebe Ringo fühlte sich vernachlässigt und verließ die Band für ein paar Wochen, so dass McCartney auf einigen Stücken, wie „Dear Prudence“ und „Back In The USSR“ am Schlagzeug einsprang.

Mangelnde Motivation und Spannungen begleiteten die Aufnahmen

Nach einem memorablen TV-Auftritt, bei dem die Gruppe die Non-Album Single „Hey Jude“ aufführte, war die Motivation für neue Beatles-Projekte im Dezember 68 bei Lennon, Harrison und starr auf dem Nullpunkt. McCartney jedoch überredete den müden Rest schließlich, sich von einem Film-Team bei den Aufnahmen zur neuen Platte begleiten zu lassen. Sie sollte live vor Kameras entstehen – quasi back to the roots. Ein Ansatz, der eigentlich ganz nach Lennons Geschmack gewesen seien müsste, schließlich äußerte er sich mehrfach negativ über die Art und Weise, wie Produzent George Martin die Aufnahmen ihre Einfachheit beraubte. Martin hatte nach den Spannungen im Zuge der Aufnahmen zum „Weißen Albums“ sowieso wenig Lust, erneut die Produktionsarbeit zu übernehmen. Erst zum finalen Beatles-Werk „Abbey Road“ wurde er wieder angeheuert.

Lennon schwebte zu der Zeit in anderen Sphären. So nahm er mit Yoko Ono Soundcollagen wie in „Two Virgins“ (1968) auf. Während McCartney immer darauf bedacht war, Ideen der Avantgarde ins Songformat zu übertragen, war er unter dem Einfluss seiner neuen Liebe eher an der freien Form interessiert. Im hier unter der Regie von Michael Lindsay-Hogg entstandenen Film meint man manchmal zu sehen, wie John Lennon schier angewidert in die Kameras blickt. Auch George Harrison zeigte sich wenig begeistert. Gerade hatte er Aufnahmen mit Eric Clapton gemacht und mehrere Künstler produziert. Die Arbeit mit den Beatles wieder aufzunehmen, empfand auch er als einengend.

George Harrisson verließ die Band

Die Sessions zu „Let It Be“ sind der filmische Beweis, dass nichts mehr von der spontanen Energie der Beatlemania vorhanden war. Hier saßen müde Männer, die sich in private Fehden verstrickten. Lustlos spielte man sich durch Vorversionen wie „Save The Last Dance For Me“ von The Drifters. Es entstanden auch zahlreiche Lieder, zu oft blieb es aber bei semi-inspirierten Jamsessions, die wenig vom einstigen Genius erkennen ließen. Trauriger Höhepunkt: Nachdem die Sessions am 2. Januar 1969 ihren Anfang nahmen, wurden sie am 10. Januar vorerst beendet. Nach einem Streit zwischen Harrison und McCartney. Am 16. Januar kehrte Harrison schließlich zur Band zurück – im Schlepptau hatte er Freund und Keyboarder Bill Preston, der die Spannungen innerhalb der Gruppe für wenige Wochen vergessen lassen konnte. Die weiteren Aufnahmen wurden in die bewährten Apple-Studios verlegt, und hier wurde letztlich auch die Essenz der Platte geschaffen.

John Lennons brillantes „Don’t Let Me Down“, quasi ein vorauseilender Hilferuf, niemals wieder verlassen zu werden, gleichzeitig eine mild sexualisierte Ode an Yoko Ono, schaffte es leider nicht auf die später von Produzent Phil Spector überarbeitete Version des Werks. Im Zentrum der Rezeption standen später die klassischen McCartney- Balladen „The Long And Winding Road“ und „Let It Be“. In gewisser Weise stellt diese Platte auch die endgültige Emanzipation George Harrisons als beachtenswertem Songwriter neben Lennon und McCartney dar. „I Me Mine“ zeigt den lyrischen Willen des stillen Beatle nach Selbstbestimmung – ein Stück das stark von der Laut/Leise-Dynamik profitiert und Harrisons originäres Gitarrenspiel gut herausstellt.

Phil Spector ergänzte seinen Wall-Of-Sound

Am Ende hört man „Let It Be“ die schwierigen Umstände der Entstehung kaum an. Tatsächlich evozieren Rocker wie „One After 909“, den Lennon bereits in den Fünfzigern schrieb, jene Lässigkeit, die auf zwischenmenschlicher Basis nicht mehr herstellbar schien. Lediglich im sich disharmonisch-auftürmenden „I’ve Got A Feeling“ scheint man die Verkrampftheit und das zeitweilige Ausbleiben von Songideen zu erahnen.

An vielen Stellen ist die Platte wiederum sehr sanft und von privatem Glück geprägt. In „Two Of Us“ meint man McCartneys frische Liebe zu der Fotografin Linda Eastman herauszuhören, und mehr im Einklang mit sich und der Welt wirkte John Lennon niemals mehr als in „Across The Universe“, dieser traumverlorenen Ballade, die den Künstler von seiner spirituellen und ungemein offenen Seite zeigt („Words are flowing out/ Like endless rain into a paper cup  /They slither while they pass / They slip away across the universe“). Lennon, der immer deutlich kritischer mit dem Werk der Beatles ins Gericht ging als McCartney, hält diese Aufnahme für eine seiner besten.

„Get Back“ ist der vielleicht markanteste Ringo-Starr-Moment auf der Platte. Diesmal auf keinem Song gesanglich zu hören, zeigt sich hier sein Gespür für Takt und Rhythmik eindrucksvoll. Gleichzeitig ist es der Song, der das eigentliche Ansinnen der Aufnahmen deklarierte: „Get back to where you once belonged“ – doch bei der kargen und authentischen Live-Produktion blieb es nicht.

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Im März 1969 wurden die Bänder zunächst an Glyn Johns weiter gereicht, der zwei Versionen des Albums anfertigte, die die Beatles allerdings nicht überzeugten, und sie beschlossen, noch einmal ein Album nach der alten Methode mit George Martin aufzunehmen. Ein letztes Hurrah. So entstand „Abbey Road“, das schließlich Ende September 1969 erschien. Lennon hatte die Gruppe da bereits verlassen, und die restlichen Beatles kamen am 3. und 4 Januar 1970 noch einmal zusammen, um für den Soundtrack des „Let It Be“-Films noch einmal Harrisons „I Me Mine“ aufzunehmen.

Phil Spector sollte schließlich aus den Scherben der Sessions ein Album zusammensetzen und tat vor allem dem McCartney-Song „The Long And Winding Road“ Gewalt an, indem er seine legendäre „Wall Of Sound“ mit großem Orchester und Frauenchören einzog, was McCartney, immer noch Verfechter der „Back to the roots“-Idee, ziemlich aufbrachte. Es passt zu der widersprüchlichen Persönlichkeit Lennons, dass er diesen Bombast auf einmal für gut befand. Der Live-Charakter der Aufnahmen wurde lediglich durch einige Dialogsequenzen im Studio erhalten, die zwischen die Lieder geschnitten wurden.

Ein unterschätztes Werk

„Let It Be“ wird selten zu den absoluten Meisterwerken im Oeuvre der Beatles gezählt. Sicher: „Abbey Road“ (1969) ist in sich geschlossener, „Revolver“ (1966) hat die besseren Einzelsongs, „St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ den Pionier-Bonus experimenteller Popmusik und das „White Album“ (1968) bietet mehr Abwechslung, dennoch ist das Werk melancholisch, druckvoll, mitunter witzig und hat einige grandiose Stücke. Kurzum: Es besitzt ein starkes künstlerisches Profil, und die DNA der Beatles durchdringt auch dieses Album.

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