The Clash London Calling


Columbia

Die Abgrenzungswut hätte kaum größenwahnsinniger sein können. „No Elvis, Beatles or The Rolling Stones in 1977!“, proklamierten The Clash auf der Flipside ihrer ersten Single. Das saß. Zwei Jahre später war der Zorn verflogen und auf „London Calling“ gar ins Gegenteil um­geschlagen. Immerhin zeigt das ­Pic-Sleeve der Single ein Pärchen beim trauten Plattenhören: Elvis, The Beatles, The Rolling Stones. Und daneben, wie selbstverständlich, die erste LP von The Clash. Auf der noch frustmotiviert „I’m So Bored With The USA“ skandiert wurde, indes die vier Aufrechten nun auf den 19 Tracks (inclusive des Hidden Tracks „Train In Vain“) der neuen Doppel-LP diverse Register ameri­kanischer Leitkultur ziehen, vom Rhythm & Blues-Derivat über Rockabilly bis zum Barjazz-Shuffle.

Damit längst nicht stilistisch ­ausgelastet, lässt es die Band auch synkopisch krachen, zwischen ­Rocksteady und 2-tone, zu Songs, die den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs tributieren, sich vor Montgomery Clift verbeugen, Sid Vicious verabschieden und schnöden Konsumerismus beklagen. The Clash waren pleite, ohne Manager, ohne Perspektive, als sie die Aufnahmen für „London Calling“ herunterrissen, scheinbar ohne Fokus. Zusammengehalten wird die immense Vielfalt an Stilen und Zielen von klugem Sequencing und einer konsequent auf Ausdruck setzenden Produktion von Guy Stevens. Hatte Sandy Pearlman die Vorgänger-LP, „Give ’Em Enough Rope“, allzu kompakt für ein Rockpublikum produziert, nicht zuletzt für das amerikanische, ging es Stevens vornehmlich um das Hörbarmachen roher Emotion, um Nervenkitzel, beginnend mit dem stupenden, überlebensgro­ßen Title-Track, der die Singles-Top-Ten anpeilte, natürlich nur im UK.

Die Rezeptiongeschichte wirft ein grelles Schlaglicht auf die seinerzeit herrschende Ungleichzeitigkeit musikalischer Entwicklung. Veröffentlicht im Dezember 1979, zog „London Calling“ im UK den endgültigen Schlussstrich unter das Kapitel Punk-Revolte. Das ikonografisch unmöglich misszuverstehende LP-Cover ist eine Hommage an den King des Rock’n’Roll, zwei Jahre nach dessen Tod. Die Zukunft lag in Amerika, dort, wo auch die Live-Pics auf der Cover-Rückseite geschossen wurden: Austin/Texas, Atlanta/Georgia, New York/New York. Doch erfuhr man in den USA erst im folgenden Jahr vom Opus Magnum der Britpunk-Kosmopoliten. Was zu der viel belächelten Groteske führte, dass der US-ROLLING-STONE zehn Jahre später „London Calling“ zum besten Album der Achtziger kürte.

Das vorliegende Reissue zum 40-Jahre-Jubiläum kommt ohne Extras aus, sieht man vom Cover ab, das in einer Plastikhülle steckt. Gefütterte Innenhüllen wären sinnvoller gewesen. An den Pressungen ist jedoch nichts auszusetzen, das Mastering orientiert sich am ursprünglichen Klangbild, erfreulicherweise.


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