The Undertones: An Anthology (Kritik & Stream) - Rolling Stone






The Undertones An Anthology


Salvo


von

Das Tolle an den Undertones war ihre offensichtliche Normalität. Wie sie da sitzen, auf dem Cover ihres 1979 erschienenen Debütalbums, das hat noch heute etwas von einem Statement: fünf Jungs aus der irischen Arbeiterklasse, denen niemand eine brillante Zukunft voraussagen würde. Die Häuser im Hintergrund sind ebenso unterer Standard wie die Klamotten der Musiker, denen jeder cool modische Aspekt fehlt. In den Gesichtern sehen wir ein wenig Skepsis, aber vor allem Entschlossenheit und trotzigen Optimismus.

Punk war offenbar endlich dort angekommen, wo er schon immer hingehörte. Hier ging es nicht um irgendwelchen Kunsthochschulen-Quatsch, der mit Medienmanipulationen und der Situationistischen Internationale zu tun hatte. Hier ging es um viel wichtigere Dinge: „I wanna hold her, wanna hold her tight/ Get teenage kicks right through the night.“ John Peel hat sich mehr als einmal zu den Tränen bekannt, die ihm über die Wangen liefen beim Hören seines erklärten Alltime-Favoriten „Teenage Kicks“.

Weil in diesem Song in 2 Minuten 23 Sekunden etwas auf den Punkt gebracht wird, dass jeder kennt: die Angst vor der Kälte und Einsamkeit, die uns umfängt, und der Trost, den man in den Armen eines geliebten Menschen findet. Die Worte sind schlicht und einfach, die Musik aufpeitschend direkt. Jeder kennt diese „Teenage Kicks“ aus eigener Erfahrung, die rau-vitale Musik ist der Weg zu eigenen Erfahrungen.

„When Saturday Comes“, „My Perfect Cousin“ oder „Girls Don’t Like It“ – so viele Songs der Undertones erzählen vom Teenagerleben in der Kleinstadt, das hier eine existenzielle Tiefe entwickelt: „Now little Jimmy’s gone/ He disappeared one day/ But no one saw the ambulance/ That took little Jim away“, heißt es am Ende von „Jimmy Jimmy“. Wir werden nie erfahren, was diesem braven kleinen Jungen passiert ist. Aber das Wissen darum, dass hinter dem minutenkurzen Kick eines Pop-Songs vielleicht die Komplexität einer sehr realen Welt lauern könnte, begleitet einen noch lange Zeit.

Die Undertones haben sich 1983 nach vier Alben aufgelöst. Das letzte Album, „The Sin Of Pride“, bot zwar immer noch so wunderbare Songs wie „The Loveparade“, aber der Erfolg blieb aus, und Feargal Sharkey versuchte sich an einer kurzen Solo-Karriere. Seit 1999 spielen die Undertones wieder zusammen, mit dem neuen Sänger Paul McLoone – doch selbst der Über-Fan John Peel gab zu, dass er froh gewesen sei, als die Band sein Angebot, eine weitere Peel-Session einzuspielen, abgelehnt hatte: „They played, they explained, for the fun of it, and not because they still hankered after a measure of fame.“

Schon für diese wahrhaft wackere Haltung muss man die Undertones natürlich lieben. „An Anthology“ wird dieser wunderbaren Band auf zwei CDs in jeder Hinsicht gerecht – die zweite CD enthält exzellente und unveröffentlichte Live-Aufnahmen, Demos und „Rough Mixes“. Keine Chronologie versucht, diese Flut großartiger, absolut zeitloser Popsongs, die vor prallen Beat-Akkorden nur so strotzen, in didaktisch geordnete Bahnen zu lenken (obwohl die Undertones sich in kurzer Zeit durchaus erheblich wandelten). Was für eine wahnsinnig tolle Stimme Feargal Sharkey doch hatte!

Und, um das an dieser Stelle jetzt auch noch einmal zu sagen: Die Undertones hatten eindeutig bessere Songs als The Clash – sie sahen nur nicht so gut aus. (Salvo/Soulfood)


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