J.D. Salinger Die jungen Leute; Salinger – Ein Leben; Oona & Salinger

Piper/Droemer/Piper

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Wenn man sich mit Jerome D. Salinger beschäftigt, dann führen alle Wege an einen Strand der Normandie, der von der Invasionsarmee Utah Beach genannt wurde, und in einen Wald südlich von Aachen, in dem im November 1944 eine der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs geschlagen wurde.

J. D. Salinger, 25 Jahre alt, überlebte das Gemetzel im Hürtgenwald, bei dem nahezu seine gesamte Einheit, das 12. Infanterie-Regiment, ausgelöscht wurde. 33.000 amerikanische Soldaten starben innerhalb von drei Wochen. Salinger, der beim Counter Intelligence Corps für die Befragung von Deutschen und Franzosen zuständig war, rückte mit der Truppe nach Bayern vor.

Am 27. April 1945 kamen die Soldaten zu einem Konzentrationslager bei Kaufering, in dem die abrückenden Nazis die Kranken in Baracken eingesperrt und diese dann in Brand gesetzt hatten. Am 13. Mai schrieb Salinger an die Freundin Elizabeth Murray: „Ich habe drei Battle-Star-Orden und werde wohl noch einen vierten kriegen, und dann werde ich sie mir alle an die Nase kleben, zwei auf jeder Seite.“

Im Juli 1945 ließ sich Salinger in ein Nürnberger Krankenhaus einweisen. Er schrieb an Ernest Hemingway, den er im Sommer im befreiten Paris kennengelernt hatte, heiratete die Ärztin Sylvia Welter und reiste mit ihr im Mai 1946 nach Amerika, wo sie in die Wohnung von Salingers Eltern in der Park Avenue zogen. Einen Monat später kehrte Sylvia nach Europa  zurück. In all der Zeit trug Salinger das Typoskript für einen Roman bei sich. Er nannte ihn später „Der Fänger im Roggen“.

Es ist eine Ironie, dass das Leben des Schriftstellers, den die Welt nach 1953 als menschenscheuen Weltflüchtigen kannte, so genau, unerbittlich und obsessiv untersucht wurde wie vielleicht nur das von Franz Kafka und Hemingway. „Salinger – Ein Leben“ entfaltet auf mehr als 800 Seiten eine Oral History mit Einlassungen von mehr als 200 Zeugen nebst erstaunlichen Fotos und Auszügen aus Salingers frühen Erzählungen und Briefen – Dokumente, um deren Veröffentlichung der Biograf Ian Hamilton 1988 noch vergeblich rang, als Salinger gegen jede Veröffentlichung klagte. David Shields und Shane Salerno haben ganze Arbeit geleistet:

Das Mysterium Salinger ist gelüftet, auch die „genitale Fehlbildung“ enthüllt.

Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder hat alles von und über Salinger gelesen. Seine Faszination für die Verbindung des jungen Autors mit der 16-jährigen Oona, Tochter des Dramatikers Eugene O’Neill, im Jahr 1941 hat er in ein Konvolut verwandelt, das Essay, Bericht und Erzählung zugleich und nichts richtig ist – mit Truman Capote nennt er es „non-fiction novel“. Es gibt wunderbare Überlegungen zum Wesen der Liebe in diesem Buch, zum Amerika vor dem Krieg und zum Stork Club in New York, in dem Oona mit den reichen Töchtern Gloria Vanderbilt und Carol Marcus herumsaß und „Debütantin des Jahres 1941“ war, bevor alles anders wurde. Salinger meldete sich zum Militär und bildete in verschiedenen Stützpunkten junge Rekruten aus, während Oona nach Hollywood ging und ein halbes Jahr später den 54-jährigen Charlie Chaplin heiratete.

Beigbeder imaginiert die Romanze im Sommer davor, er möchte, dass sie geheimnisvoll und  schmerzlich und melancholisch war, und erfindet mit dem Wissen um das, was danach geschah, Dialoge von Oona und Jerry, und das ist sehr schlecht. Aram Saro-yan wird in „Salinger – Ein Leben“ zitiert: „Sie wusste ja, was er wollte, und es war so ziemlich das Gleiche, was alle anderen Jungen oder Männer, die sie kannte, von ihr wollten.“ Oona O’Neills Biografin Jane Scovell sagt: „Salinger war gelegentlich etwas ungehalten über Oona, vermutlich weil sie ihm nicht so viel Beachtung schenkte, wie er wollte.“

Der Romantiker Beigbeder erfindet ein letztes Treffen von Oona und Jerry im Jahr 1980 in der Grand Central Station in New York, wo sie Austern essen und Champagner trinken: „Ich bin seit Mai 1945 tot, aber du warst es von Anfang an, als dein Vater dich verlassen hat.“ Sie sagen Sätze wie: „Es stimmt, wir waren jung und dumm.“ Am Ende lässt sich die Frau im Chanel-Kleid zum Paley Park chauffieren: Aus dem Stork Club von 1941 ist eine Grünanlage geworden, und dort beerdigt sie die Porzellanscherben eines Aschenbechers mit einer Storchfigur.

Wenn sich alle Fakten und Fiktionen vermischt haben, muss man wieder Salinger lesen. Im letzten Jahr erschienen „Three Early Stories“ in einem kleinen Verlag in Memphis/Tennessee; Eike Schönfeld hat diese lakonisch-zierlichen Geschichten nun ins Deutsche übertragen. „Die jungen Leute“ ist die erste Erzählung Salingers, die publiziert wurde, 1940 in „Story“. Eine Zimtzicke, ein Langweiler und eine Party: Der Salinger-Ton ist da, die Salinger-Dialoge sind da, die seltsam tröstliche Leere ist da. „Einmal in der Woche bringt dich schon nicht um“ ist eine Erzählung aus dem Jahr 1944 und handelt davon, wie ein Mann sich von seiner Frau und seiner dementen Tante verabschiedet, um in den Krieg zu ziehen. Sie ist so still und traurig und unabweisbar wie alle Storys Salingers.

Dann wurde Jerome D. Salinger nach Europa gebracht. (Piper/Droemer/Piper)

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