Tipp: Jonathan Lethem Talking Heads – Fear Of Music


Tropen


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Man mag es kaum glauben: Jonathan Lethem hatte lange Zeit Angst, offen über  Musik zu schreiben. Klar, seine Romane und autobiografischen Essays strotzen nur so vor popkulturellen Verweisen, und einer der beiden Protagonisten seines bekanntesten Werks, „Die Festung der Einsamkeit“, trägt nicht nur den Namen Dylan (der andere heißt Mingus), sondern wird im Laufe der Handlung auch noch Musikjournalist, aber Lethem brauchte, um das zu beschreiben, was er liebte, lange den Deckmantel der Fiktion oder zumindest des Subjektivismus. Schließlich war es der Gründer des ROLLING STONE, Jann S. Wenner, höchstpersönlich, der ihm seinen ersten Auftrag als Journalist erteilte. Er sollte nach Augusta, Georgia, fahren, um James Brown und dessen Band bei Proben und Plattenaufnahmen zu besuchen, und ein Jahr später durfte er gar Bob Dylan interviewen – oder, wie er es später deutete: zum demütigen Erfüllungsgehilfen eines Textes von und über Bob Dylan werden. Er war also durchaus qualifiziert für die wundervolle Reihe „33 1/3“, in der sich jedes der bis heute knapp 100 Büchlein in einer vom jeweiligen Autor frei gewählten Form einem klassischen Album widmet. Lethem wählte seine liebste Platte: das minimalistische „Fear Of Music“, das die Talking Heads 1979 mit Brian Eno aufnahmen.

Doch obwohl er die Scheu vorm Musik­journalismus überwunden hatte und bei seinem Renommee vermutlich problemlos alle Bandmitglieder vors Mikro bekommen hätte, wählte er eine andere Annäherungsweise: Er reiste in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Jahr 1979, als der 15-jährige Junge, der er einst war, in seinem Zimmer in Brooklyn saß, zum ersten Mal „Fear Of Music“ auflegte und gleich gefangen war von der Magie des Augenblicks, aufging in diesen Tracks, die sich die nächsten Monate auf seinem Plattenteller drehten, bis er schließlich das Gefühl hatte, selbst das Album zu sein. Er habe, so Lethem, zu dem zurückkehren wollen, was der US-Kurzgeschichtengott Donald Barthelme das „Not-Knowing“ nannte: den „mannigfaltigen Gnaden der Unwissenheit zu Beginn so ziemlich jeder Unternehmung oder Äußerung“. Auf Primärquellen habe er deshalb verzichtet, der Einzige, den er interviewt habe, sei er selbst gewesen. Dieses Buch ist also keine Musikgeschichte, sondern Rezeptionsästhetik; hier sprechen weder die Schöpfer von „Fear Of Music“ noch die Historiker, sondern der Mann gewordene Junge, der einst „ein Album anstelle seines Kopfes“ trug, wie es im Untertitel der von Johann Christoph Maas ins Deutsche übertragenen Ausgabe von „Talking Heads – Fear Of Music“ heißt.

Lethem beleuchtet in seinem blitzartig von Assoziationen und biografischen Bekenntnissen durchzuckten close reading alle Songs – und sogar die Räume zwischen ihnen (die er analog zum Comic „gutters“ nennt). Manchmal hat man das Gefühl, als spräche hier tatsächlich der 15-Jährige von damals – allerdings mit dem Wortschatz des Mittvierzigers. In Zwischenkapiteln erweitert Lethem die Perspektive, stellt kunsttheoretische Fragen nach Autorschaft und Literarizität, ordnet das Album geografisch, psychologisch und musik­historisch ein, beleuchtet Live-Erlebnisse und Textvarianten. Am Ende berichtet er von der Entfremdung von einer Lieblingsband und dem Schlussmachen mit einer Lieblingsplatte. „,Fear Of Music‘ und ich“, schreibt Lethem, „sind auf eine Weise wie Groucho und Harpo Marx, die sich eines Nachts an dieser Tür treffen, die ein Spiegel zu sein vorgibt. Die falsche Reflektion präsentierte mir ein Selbst, das gerade ausreichend von der Rolle war, um voll und ganz durchschaubar zu sein. Das war allerdings nur möglich, weil wir uns in einer Zeit begegneten, in der wir beide die gleiche Verkleidung trugen.“

Er habe jeden einzelnen Track, jede Wendung, jeden Sound mit Wörtern nachbilden wollen, um schließlich eine sprachliche Repräsentation des Albums in den Händen zu halten, erklärte Lethem bei der Buchpremiere in Berlin. So hat er letztlich nicht nur ein Album, sondern auch die Innenwelt eines jungen Musikfans nachgebaut, und dieses Buch lässt sich letztlich auch als Bildungsroman lesen: von einem der auszog, schreibend das Geheimnis seiner Liebe zu ergründen. Ist ihm auf überzeugende Weise gelungen. (Tropen, 17,95 Euro)