„Tokyo Vice“ – Michael Mann kehrt zurück



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Auf wahren Ereignissen beruhende Serien sind immer noch schwer gefragt: Dabei scheint es egal, ob es sich um klassische True Crime-Stoffe handelt oder um jene Hochstaplergeschichten, die zuletzt mit „WeWork“, „Superpumped“ und „The Dropout“ zur neuen Version des Comfort TV wurden.

Auch das neonglitzernde „Tokyo Vice“ basiert auf wahren Ereignissen, den Erlebnissen eines amerikanischen Reporters im Japan der Neunzigerjahre. Jake Adelstein arbeitete zwölf Jahre für die „Yomiuri Shinbun“, die auflagenstärkste Zeitung der Welt. Seine Karriere zwischen Yakuza-Bossen und Polizei, Hostessen und Halbwelt-Größen, fasste er in seinen Memoiren „Tokyo Vice“ zusammen. Als erster westlicher „Gaijin“, der überhaupt jemals für die renommierte Publikation arbeitete, beleuchtete Adelstein als Kriminalreporter aus der Außenseiterperspektive die streng reglementierte und in unseren Augen seltsam ritualisierte Interaktion zwischen Gesetz, Verbrechen und Medien – und gibt Einblicke in die internen Mechanismen zweier so unterschiedlicher Organisationen wie der Yakuza und der japanischen Medienwelt.

In der Buchvorlage bastelt Adelstein aus Insiderwissen, echten Fällen und haarsträubenden Anekdoten einen schmissig verfassten und wilden Ritt durch ein Jahrzehnt seines Reporterlebens. Dass sich die fiktionalisierte Serienfassung zusätzliche Freiheiten nimmt, ist nachvollziehbar: Sie konzentriert sich auf einen speziellen Fall aus Adelsteins bewegter Karriere, in dem eine renommierte Bank und ein Yakuza-Clan in dunkle Geschäfte verwickelt sind. Bei seinen Recherchen wagt sich Adelstein immer tiefer in die Welt des organisierten Verbrechens und hat bald die Aufmerksamkeit zweier hochrangiger Bosse auf sich gezogen.

Bereits zur Veröffentlichung seines Buchs wurden einige der besonders bemerkenswerte Details in Adelsteins Version der Ereignisse in Zweifel gezogen: Unglaubwürdig, faktisch falsch oder maßlos überzogen seien sie. Im Rahmen der üblichen Übertreibungen und Zuspitzungen einer Serie fallen diese Makel jedoch kaum ins Gewicht. Einerseits deshalb nicht, weil Produzent John Lesher offen eingesteht, dass Adelsteins Buch lediglich eine lose Inspiration gewesen sei, um daraus eine eigenständige Geschichte zu spinnen. Andererseits scheinen diese Kritikpunkte nebensächlich, denn zumindest für die erste Hälfte der Staffel wirkt „Tokyo Vice“, als wäre der Plot reine Nebensache. Die Darstellung verschiedener Milieus der Halb- und Unterwelt sowie die detaillierte Skizzierung des Figurenpersonals stehen im Vordergrund, während sich im Hintergrund der Revierkrieg zweier Yakuza-Clans entfaltet. Eigentlicher Motor der Serie sind verschiedene Schicksale, aber weniger das von Adelstein (Ansel Elgort); mehr noch sind es die Schicksale von Hostess Samantha (Rachel Keller), die aus dem mormonischen Utah ins mondäne Tokio geflohen ist, von Nachwuchs-Yakuza Sato (Show Kasamatsu), der sich durch die Reihen nach oben dient, oder von Polizist Hiroto (Ken Watanabe), der aus dem Geflecht aus Abhängigkeiten das Gesetz durchsetzen will.

Vorwärtsdrall nimmt die Handlung zu Beginn nur selten auf, „Tokyo Vice“ erzählt seine Geschichte zunächst mit unterkühlter Gemächlichkeit. Zu dieser Zurückhaltung passt dann auch perfekt der coole und prägnante Hochglanz-Look, mit dem Regisseur und Produzent Michael Mann („Miami Vice“, „Heat“) das Geschehen einfängt – seine erste Regiearbeit seit dem Kinofilm „Blackhat“ von 2015.

Der Fokus auf die starken, wenn auch nicht immer klischeefrei ausgearbeiteten Charaktere, lässt auch die Darstellerrunde glänzen. Größte schauspielerische Highlights liefert hier nicht Hauptdarsteller Elgort als oft latent schmieriger Besserwisser Adelstein, sondern ein weibliches Trio: Rachel Keller als willenstarke Samantha, die immer nuancenreiche Ella Rumpf als ihre lebenshungrige Hostess-Kollegin Polina und Rinko Kikuchi als Adelsteins Chefin Emi Maruyama, die sich als Frau im männerdominierten Zeitungsgeschäft durchschlagen muss.

In der Gesamtheit besticht „Tokyo Vice“ dabei als prägnant inszenierte Neo-Noir-Serie fürs Serienmenü, die sich wohlig vom Netflix-Fastfood oder der Disney-Franchise-Kost abhebt (Starzplay).


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