William Gibson Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack


Tropen


von

In seinen letzten drei Romanen tauschte William Gibson die Science-Fiction-Kulissen gegen realistische Sets. Dieser Essayband verrät den Grund: „Zukunftsmüdigkeit“. Seine Generation (Jg. 1948) sei mittlerweile in der Zukunft angekommen und entdecke nun, „dass sie nicht so großartig ist, wie man sie sich vorgestellt hat“. Ohnehin hat er schon oft genug die Zukunft gesehen – in Tokio. Seit seinen „Anfängen als Schriftsteller“ ist ihm dieser Ort „die beste Quelle für Requisiten“ gewesen, mit seinen „willkürlich überlappenden Medien, dem chaotisch konstanten Neonsturm aus Marketinggedöns“. Immer wieder kommt Gibson auf Japan zurück. Und wer sein Werk etwas kennt, dem werden die Szenarien und atmosphärischen Skizzen durchaus bekannt vorkommen. Aber diese gesammelten Essays und Reportagen aus vier Jahrzehnten sind doch weitaus mehr als Fuß­noten zu den Romanen und Erzählungen.

Es sind luzide Gegenwartsanalysen, unakademisch, assoziativ, aber mit enormer aphoristischer Potenz. Und mitunter auch Poesie. Gibson schreibt hübsche Essays über die Kollegen H. G. Wells oder Borges, über die Musik von Steely Dan und wirklich grandiose über Cyborgs, zu denen wir seiner Ansicht schon seit dem Siegeszug des Fernsehens gehören, über Nerds, die sich in einem Akt der Rebellion gegen die allgegenwärtige Informationsflut völlig aus der Welt zurückziehen, und immer wieder über Chancen und Gefahren der sich weiter ausdifferenzierenden Kommunikationstechnologie. Sympathisch und zutiefst human ist sein Hippie-Hedonismus, der hier immer wieder aufblitzt.