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Zabriskie Point Regie: Michelangelo Antonioni

MGM

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Zabriskie Point

Als Michelangelo Antonionis Film „Zabriskie Point“ 1969 im Kino anlief, war die amerikanische Counter-Culture bereits dabei, sich zu verstreuen. Die Hippieträume der Sechziger von einer Überwindung von Konsumgesellschaft, Rassismus, Gewalt und religiöser Moral waren trotz Woodstock bereits im Auflösungsstadium. Die durch Figuren wie Jimi Hendrix, Bob Dylan, Allen Ginsberg oder William Burroughs kommenden kulturellen Innovationsschübe trafen ohne allzu großes Echo auf die harte Wand der amerikanischen Gesellschaft. Jene wählte im November 1968 den reaktionären Hardliner Richard Nixon ins Präsidentenamt, nicht zuletzt deshalb, damit die Säulen jener konservativen Ordnung unangetastet blieben. Die Bürgerrechtsbewegung fand zwar durch die rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner einen Sieg, im Alltag allerdings war davon oft wenig zu spüren und die Ermordung Martin Luther Kings bleibt ein Tiefpunkt des Jahrzehnts.

In gewisser Weise ist der vom Italiener Antonioni gedrehte „Zabriskie Point“ also bereits eine Elegie. Trotzdem gibt es keinen interessanteren und lebendigeren Film über die Gegenkultur. Der Film gliedert sich in zwei Handlungsstränge: In hastigen, subjektiven Bildern folgt der Erste dem Studenten Mark (Mark Frechette), der bei einer eskalierenden Protestaktion auf dem Campus unabsichtlich einen Polizisten erschießt und von dort an auf der Flucht ist. Der andere begleitet in ruhigen, langen Einstellungen die Angestellte Daria (Daria Halprin), welche ihre idealistischen Hippieträume widerwillig zugunsten einer sicheren, aber auch systemkonformen Existenz in einem großen Konzern losgelassen hat.

Im weiteren Verlauf des Films kommen beide Erzählungen zusammen, auch ästhetisch verschwimmen Utopie und Materialismus immer weiter miteinander. Am Ende von „Zabriskie Point“ steht eine legendäre, filmgeschichtlich einmalige Sequenz, in der eine Luxusvilla in Darias Imagination explodiert. Zu den ausufernden Klängen von Pink Floyds „Careful With That Axe, Eugene“ ist die Explosion aus verschiedenen Kameraeinstellungen gefilmt, in immer wieder neuen Nahaufnahmen und Zeitlupen verdichtet Antonioni über mehrere Minuten hinweg die Zerstörung der Luxuseinrichtung des amerikanischen Establishments.

Trotz vielfacher Vorwürfe von Seiten der amerikanischen Kritik, dass „Zabriskie Point“ wahlweise zu intellektuell, inkohärent, europäisch oder auch einfach unverständlich sei, ist es doch keinem anderen Film dieser Zeit derart gelungen, die ästhetischen, sozialen und politischen Impulse jener diffusen Zeit zu einer cineastischen Rhapsodie zu bündeln. Zwar wird der Bildfluss dadurch getrübt, dass das Innenleben der Figuren ohne tiefer gehende Charakterisierung bleibt und die Erzählung bestenfalls fragmentarisch ist, die Leistung des Films liegt jedoch darin, Atmosphäre und Ideen der damaligen Zeit visuell empfindbar und verständlich zu machen – dafür hat Antonioni einzigartige Wege gefunden, wie z.B. in der bereits erwähnten Schlussszene.

Ein Erneuerer des modernen Kinos war Michelangelo Antonioni jedoch bereits, bevor er Ende der Sechziger in die USA kam (und dort Jack Nicholson kennenlernte, den er als Hauptdarsteller in „Beruf: Reporter“ von 1975 einsetzte). Seine Filme wie etwa „Die Nacht“ oder „Die rote Wüste“ sind entschleunigte Beobachtungen von Menschen, welche trotz Wohlstand in ihrer Entfremdung verloren scheinen – und dabei gleichwohl nicht ganz ohne die Utopie, dass in der Zukunft auch ein anderes Leben möglich ist. Mit abstrakten, langen Einstellungen und symbolisch aufgeladenen Bildern erschloss Antonioni so eine neue Filmsprache, von der Arthouse- und Independentkino bis heute zehren.

Nicht zuletzt die Bildstürmer des New Hollywood, besonders Martin Scorsese, John Cassavetes oder Michael Cimino, zeigten mit Filmen wie „Taxi Driver“, „Eine Frau unter Einfluss “ oder „Die durch die Hölle gehen“ deutlich den Einfluss Antonionis. Eine Thematisierung der Counter-Culture im amerikanischen Kino, zu der die großen Hollywood-Studios in den Sechzigern noch unwillens und unfähig waren, leistete diese lose Gruppe junger Regisseure, zu der auch Francis Ford Coppola und Robert Altman gehörten – und war dabei maßgeblich geprägt von Innovationen in Schnitt, Erzählung und Bildgestaltung, wie man sie in Europa bei Jean-Luc Godard, Federico Fellini, Ingmar Bergman oder eben Antonioni sehen konnte.

Gerade diese wechselseitige Beeinflussung macht „Zabriskie Point“ so interessant: Ein europäischer Intellektueller testet hier die Lebensweise der amerikanischen Jugendkultur der Sechziger als möglichen Ausweg aus der Entfremdung und dem Konformismus, in denen die westlichen Gesellschaften gefangen waren. Dem Scheitern der Protagonisten im Film zum Trotz ist „Zabriskie Point“ aber eben auch: ein Monument des Glaubens an die Kraft der Kunst.

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