Rock am Ring: Ufos vor dem Backstage-Klo. Der Samstag.


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Freitag. Früher Nachmittag. Die Welt ist noch in Ordnung. Die Sonne brät Asphalt und Leiber, Golgol Bordello bespielen mit ihrem hektischen Gypsie-Ska-Punk-Gemisch die Hauptbühne und zwei Frauen tanzen ausgelassen um eine Flasche Sonnenmilch. Es bleibt ungewöhnlich, dass man sich in diesem Jahr auf dem Rock am Ring nicht mit nächtlichem Schnee- und täglichem Dauerregen abplagen muss, sondern eher mit Sonnenbränden und -stichen zu tun hat. Oder mit Problemen jener Art, die neben einem besprochen werden:

„Scheiße, ich vertu mich immer, dass warmes Bier viel doller knallt.“

„Aber man muss nicht so oft pissen.“

„Aber nachher bin ich plötzlich bumsvoll und kann nicht mehr.“

„Wenn wir bei Muse im A-Bereich sind, kannste ja pennen.“

Der ganz normale Festivalirrsinn also. Das Feiern fängt schon in den frühen Mittagsstunden auf dem Campingplatz an, und wenn die interessanten Bands aufspielen, stellt sich plötzlich die Konditionsfrage. Es fällt einem die traurige Gestalt vom Vortag ein, die um halb zwei an einem Bauzaun lehnte und lallte, in selbigen reinfiel, sich wieder aufrappelte, die Kraft verlor und sich an eine Leitplanke setzte, um eine Runde zu nickern. Was der Sache eine so tragikkomische Note verlieh: Er trug das Shirt des abendlichen Headliners Rage Against The Machine. Und die wird man ja in seinem Leben vermutlich nicht mehr so oft zu sehen bekommen. Man wollte sich den Typen packen, ihn schütteln, auf die Stirn klopfen und einmal laut „Doh!“ rufen.

Am Samstag schieben sich natürlich schon in den frühesten Abendstunden die Muse-Fans in die ersten Reihen, nicht primär, um kross gebraten zu werden, sondern um dort hautnah der Frage nachzugehen, auf was für eine größenwahnsinnge Idee das Trio nun schon wieder kommen wird. Dass Muse nicht das Programm ihrer Arenatour fahren können, ahnt man bereits. Dort bespielten sie extra für sie konzipierte Hebepodeste, die vermutlich selbst die Hauptbühne des Rock am Ring überragt hätten.

Freunde der mannigfaltigen Variationen der Musikstoßrichtung „Derbes Gedresche“ ging an diesem zweiten vollen Festivalspieltag sicherlich das Herz auf, wer es eher mit ruhiger Musik oder im weitesten Sinne alternativen Rock hatte, der musste schon die ein oder andere Durststrecke erleiden. Für die Abteilung Stilbruch traten recht früh We Are The Fallen mit ihrem pathetischen Gothschmock an, um kurz darauf von einem nun zum Vollproll mutierten Dizzee Rascal abgelöst zu werden, der den Partyauftrag seines zweiten Albums folgerichtig ebenso laut und verschwitzt auf die Bühne brachte, bis die Meute „Bonkers“ ging. Für die leider krankheitsbedingt nicht anwesenden Wolfmother trat Gentleman auf den Plan, was sicher perfekt zum Wetter passte, aber Wolfmother-Fans ziemlich angepisst haben dürfte.

Bei Gossip stellt sich nun live so langsam die Frage, wie lange das noch gut gehen kann. Beth Dittos inzwischen fast wie einstudiert wirkende Exzentrik hat sich durch ihre mediale Überpräsenz zumindest bei all jenen abgenutzt, die sie live schon öfters gesehen haben. Es ändert natürlich nichts daran, dass Lieder wie „Heavy Cross“ und „Standing In The Way Of Control“ noch immer live am besten funktionieren, aber die Erkenntnis bleibt, dass es vielleicht gar nicht mal schlecht wäre, eine Weile Pause vor ihnen zu haben.

Ganz anders verhält es sich mit Alice In Chains, die kurz darauf auf der Alternastage spielten und in einem ganz anderen Dilemma stecken. Es dürfte zigtausende Rock am Ring-Gänger geben, die jederzeit unterschreiben würden, dass Alice In Chains eine der besten Bands der Grunge-Ära sind – und dennoch würden sie diesem Gig fernbleiben. Denn Layne Staley und seine unvergleichlich leidende, nasal meckerne, wunderbare Stimme waren es, die in Verbindung mit Jerry Cantrells schweren Riffs den Sound der Band prägte. Staley starb jedoch am 05. April den wohl grungigsten Tod, den man sich ausmalen konnte: ein Heroin-Kokain-Gemisch in Überdosis brachte ihn in seinem Appartment zur Strecke, wo er zuletzt vereinsamt hauste und nur noch selten Kontakt zur Außenwelt suchte. Erst zwei Wochen später, am 20. April fand man ihn dort. Mittlerweile hat man sich zu einer Reunion zusammengefunden und den Sangesposten mit William DuVall besetzt, der seinen Job alles andere als schlecht macht. Wenn man die Augen schließt, könnte man sich gar fast einbilden, er sänge mit der Stimme des Toten – aber allein, es funktioniert nicht. Selbst wenn die Songs ihres letzten Album „Black Gives Way To Blue“ durchaus Kraft haben, muss man sich nach einer Weile abwenden und traurig zu dem Schluss kommen, dass Alice In Chains ohne Layne nicht mehr dasselbe sind.

Abwenden ist ein gutes Stichwort. 30 Seconds To Mars, die Band des ehemaligen „Willkommen im Leben“-Jungstars Jared Leto lieferte auf der Bühne ein Schauspiel, das eben diesen Reflex auslöste. Man wollte sich mit Grausen abwenden, konnte sich aber nur schwer gegen die perverse Faszination wehren, die er mit seinem Over-The-Top-Auftritt auslöste. Mit einem magentafarbenen Iroschnitt, der aussah, als hätte sich die Werbeabteilung des Sponsors T-Mobile den ausgedacht, gab er den völlig an seinem Ego berauschten Großstar, der sich auf Gedeih und Verderb ans Publikum ranwanzen wollte.

Was die Sache so erstaunlich machte: Der Plan ging auf. Die Menge tobte. Und das obwohl das Maß an Überambition und Pathos von 30 Seconds To Mars – manifestiert letzten Album „This Is War“ – aus allen Songs polterte. Leider entscheidet sich die Band dabei nie, ob sie jetzt wirklich besonders crazy und screamo sein will, oder doch lieber den dickeierig geklampften Heulsusenalternative in der Tradition von Live oder Creed weiterführen soll. Dafür gab Leto mit aalglatter Arroganz alles: Sprang von der Bühne auf das Absperrgitter zum Publikum, sprang mit den Füßen voran hinein, wurde getragen, befummelt und rumgereicht, nur um dann wieder auf die Bühne zu kommen mit dem Kommentar: „Someone tried to steal my fucking shoes“. Vielleicht waren dem Publikum die Dinger ja einfach zu NuRave.

Später bat Leto dann gar ein Dutzend Fans auf die Bühne, die sich hinter seinem Rücken verausgaben durften. Abklatschen wollte er sich mit ihnen nicht. Als ein Fan das probierte, zog er die Hand zurück. Als sich Leto dann noch eine Deutschlandfahne umhing, die jemand hoch geworfen hatte, dachte man sich so langsam, dass es nun auch mal reicht. Ach ja, Beth Ditto ließ sich auch noch einmal während dieses inszenierten Chaos auf der Bühne blicken – um selbige zu fegen. Das verstehe mal einer.

Es lag an Muse, den Abend dann mit dem puren Stoff an Größenwahn zu pushen. Was sie mal wieder locker aus der Hüfte heraus schafften. Mit Songs wie „Starlight“, „Resistance“, „Uprising“ und dem unerschüttlichen „Plug In Baby“ – um nur die naheliegenden Beispiele zu nennen – haben sie ja schon bewiesen, wie GROSS eine Drei-Mann-Band klingen kann, wenn sie diese Lieder live dann auch mit dem genauen Grad an Leidenschaft und spielerischer Perfektion rüberzubringen weiß. Ihr Konzertabschluss wird zudem in die Festivalgeschichte eingehen.

Muse dürften die erste Band gewesen sein, deren Zugabe von einer Ufo-Sichtung begleitet wurde. Die erste Band, die so bekloppt ist, diese während des Konzerts herbeiführen zu lassen. Wer sich jedenfalls backstage wähnte und plötzlich auf dem Weg auf die Toilette in eine junge Frau mit einem wie bei Tron geborgten Leuchtanzug bei leichten Dehnübungen sah, der brauchte gar nicht an seinen Sinneswahrnehmungen zweifeln. Denn tatsächlich wurde von Anfang des Sets an im Hintergrund an einem Heißluftballon in Ufo-Form gewerkelt, der dann seitlich an der Bühne vorbeigezogen wurde, um über dem Publikum eine Kurve zu fliegen. Darin hing die junge Außerirdische in ihrem Tron-Anzug und verlor sich in einer hypnotischen Akrobatik. Das war ebenso eindrucksvoll wie im Grunde panne – und genau deshalb ein weiterer Beleg dafür, dass Muse ihren Größenwahn – ganz im Gegensatz zu Jared Leto – eher spielerisch auf die Spitze treiben.

Dennoch drängt sich die Frage auf, was denn am Sonntagabend noch so passieren muss, um noch eine Schaufel draufzupacken. Nun ja: Rammstein werden sich ein ganzes Kriegsarsenal mitbringen, um das Ufo und den Leto-Iro aus der Erinnerung zu brennen.

Text: Daniel Koch

Foto: MLK