Röntgenbilder statt Vinyl: Die geheime Bootleg-Szene in der Sowjetunion


von

„Es war eine schlechte Aufnahme, aber ich war glücklich. Und meine Freunde waren glücklich“, erzählt Bootlegger Rudy Fuchs in der Dokumentation „X-Ray Radio“. Sowjetunion, in den späten 1940er-Jahren: Westliche Musik, Jazz und Rock‘n‘Roll sind verpönt und verboten. Doch die Sehnsucht nach dem neuen Sound ist groß. Da wird ein spezielles Abfallprodukt aus Krankenhäusern zum Substrat einer eigenartigen Subkultur.

Als junger Mann spendet Rudy Fuchs wiederholt Blut im nahegelegenen Krankenhaus. Pro halben Liter Blut bekommt er unter der Hand ausgediente Röntgenbilder. Da die X-Ray-Aufnahmen entflammbar sind, wurden sie damals von den Kliniken gesammelt, um sie am Ende des Jahres zu verbrennen. Sie heimlich zu verkaufen oder eben gegen Blut zu tauschen, schien einfacher. So entstand die Grundlage für einen kleinen Raubkopien-Markt mit verbotener Musik für die Ohren der sowjetischen Jugend.

In der ehemaligen Sowjetunion war westlich-dekadente Musik wie die von Elvis Presley tabu. Auch die Musik russischer Emigranten war verboten. Der Handel und das Herstellen von Tonträgern konnte im Gefängnis enden. Diese Art Musik würde junge Leute pervertieren, argumentierten die Kulturverantwortlichen der UdSSR. Natürlich befürchteten sie auch anti-kommunistische Propaganda im Gewand von Jazz und Rock’n‘Roll. Wenn man mit einer Platte eines Bootleg-Dealers erwischt wurde, wurde sie konfisziert – und das „Vergehen“ landete schnell in einer Akte.

„Bone Music – The ​​X-Ray Audio Project“-Ausstellung

Amerikanischer Rock’n’Roll in Leningrad

Weich und biegsam waren die Platten, die Rudy Fuchs und seine Kumpanen auf selbst gebastelten oder geklauten Maschinen mit Hilfe von Nadeln auf die Röntgenbilder pressten. Hält man eine solche Platte gegen das Licht, sieht man tatsächlich die geröntgten Knochen eines Patienten. 15 bis 30 Zentimeter Durchmesser haben die einzelnen Exemplare. Wenn sich die aus Röntgenmaterial gewonnenen Schallplatten, die ein bisschen an Flexi-Discs erinnern, drehen, dann heben sie leicht vom Plattenspieler ab und die Nadel hüpft beim Zirkulieren.

Jede Platte wurde in Echt-Zeit aufgenommen, jede ist somit ein Einzelstück. Durch ihre Herstellungsweise haben beispielsweise zwei Exemplare einer Elvis-Presley-Aufnahme eine jeweils ganz unterschiedliche Qualität. Wie klang die Musik von den Röntgenscheiben? „Schlechter als das Original, ein bisschen wie rieselnder Sand, aber gut genug, um ein Gefühl für die Musik zu kriegen“, sagt Nick Markovitch, einer der damaligen Bootleg-Kunden. Das Rauschen und Knistern sei manchmal fast so laut wie die Musik gewesen. Die Rillen auf den Röntgenbildern nutzten sich nach mehrmaligem Abspielen ab, irgendwann war die „Platte“ nicht mehr zu gebrauchen.

Der Preis für eine Elvis-Platte? Ein Monatsgehalt. Oder man hatte Glück und bekam einen Jazz-Bootleg für eine Flasche Wodka. Bei vielen Schwarzmarkt-Platten kaufte man jedoch die Katze im Sack – man konnte nie wissen, wie akzeptabel sie klang. Eine Schmuggler-Szene entstand ab den späten 40er-Jahren, eine Bootleg-Kultur. Von Moskau und Leningrad zog die Unterground-Produktion von Musik bis nach Kiew und Odessa, Sotschi und Jalta.

Anti-Establishment, aber nicht anti-kommunistisch war die Szene der sogenannten „Stilyagi“, Russlands stylischer Jugend der späten 40er- bis frühen 60er-Jahre, die viel riskierte für die Energie eines Elvis- oder Little-Richard-Songs. Vor allem den Verkäufern und Herstellern der gebootlegten Platten konnte es an den Kragen gehen. Ruslan Bogoslovskiy, einer der Raubkopierer in Leningrad, war insgesamt drei Mal im Gefängnis. Sein Vergehen: Er hatte mehrere Maschinen für das Aufnehmen von Musik gebaut.

„Bone Music – The ​​X-Ray Audio Project“

Bis 1966 wurde die sogenannte „Bone Music“ gehandelt. Danach war der Schwarzmarkt so groß und gut gefüllt, dass echte Vinylplatten die Röntgenscheiben mit ihrer schlechten Qualität vom Markt verdrängten.

Noch bis zum 5. September kann man die Ausstellung zum X-Ray Audio Projekt „Bone Music“ in der Villa Heike in Berlin-Hohenschönhausen besichtigen. Kuratiert von Stephen Coates. Der Eintritt ist frei.

Infos:

Open-Air Ausstellungseröffnung: 14.08. 14:00 – 22:00 Uhr

Villa Heike

Freienwalder Str. 17

13055 Berlin

Donnerstag – Sonntag: 12:00 – 20:00 Uhr

Eine Anmeldung im Vorfeld ist nicht notwendig.

Die 5 begehrtesten Bootleg-Platten:

1. Elvis Presley

2. Little Richard

3. The Beatles

4. Bill Haley

5. Pyotr Leshchenko

Adam Berry Getty Images
Adam Berry Getty Images