ROLLING-STONE-Nacht auf dem Reeperbahn Festival: Destroyer, Lola Marsh, Skinny Lister


von

Dan Bejar hockt in der Mitte der Bühne, schaut konzentriert zu Boden. Sein Hemd ist offen, die Haare verwuschelt. Um ihn herum eine ohrenbetäubende Soundkulisse, Feedback-Loops, Gitarrenlärm, funky Drums, eine verzerrte Trompete. Irgendwann lichtet sich der Klang und Bejar richtet sich auf, macht eine kleine Bewegung, eine Mischung aus Knicks und Verbeugung, die bedeutet: Jetzt ist das Lied vorbei.

Destroyer ist der triumphale letzte Act der ROLLING-STONE-Nacht, die am Donnerstag im Rahmen des Reeperbahn Festivals im Grünspan stattfindet. Die Band um Dan Bejar gehört schon lange zu den Lieblingsbands der Redaktion. Wegen ihrer Kompromisslosigkeit, ihrer Experimentierfreude, ihrem sich ständig verändernden (aber immer reizvoll bleibenden) Sound. Im Jahr 2022, und mit ihrem dreizehnten Album „Labyrinthitis“, ist dieser Sound von elektrischen Drones geprägt, von komplexen Noise-Konstruktionen, die von harten Beats gebrochen werden. Von funky Basslines. Und von Bejars heiserer, charaktervoller Stimme, seiner Mischung aus Sprechen und Singen.

Destroyer wollen nicht zugänglich sein

Diese Qualitäten bringen sie auf die Bühne und sind dabei eine illustre Gruppe: Der Anzug und Sonnenbrille tragende Bassist, der sich in Moonwalks bewegt und dessen Bass viel zu laut, aber wirklich viel zu laut im Mix ist (und deswegen irgendwie genau richtig). Oder der noisy Gitarrist, der sich die gesamte Dauer des Konzerts nur zu seinem Verstärker dreht – außer, wenn er sich eine Cowbell greift und auf sie einprügelt, als hätte sie seine Mutter beleidigt. Oder der Trompeter, der an einem Punkt eine ungefähr fünfminütige Soloeinlage bekommt, in der er sein Instrument filtert und verfremdet und einen ganz erstaunlichen sphärischen Klang erschafft. Es wird deutlich: Bejar und seine Gang haben überhaupt kein Interesse daran, zugänglich zu sein. Sie machen die Musik, die sie machen. Sie sind aber nie grundlos sperrig oder prätentiös. Und Bejar, der sehr zurückhaltend ist, scheint sich aufrichtig darüber zu freuen, wenn der Applaus etwas größer ausfällt. „Thanks, that was ‚Cue Synthesizer‘“, sagt er dann zum Beispiel.

Den Abend eingeläutet haben Lola Marsh aus Tel Aviv. Bei dieser Indie-Pop-Band hingegen gehört Zugänglichkeit zum Konzept. Sängerin Yael Shoshana Cohen tanzt über die Bühne, lacht eigentlich die ganze Zeit, und fixiert einzelne Leute im Publikum – es ist ja immer ein bisschen ein Kommen und Gehen bei Konzerten wie diesem –,  nickt Neuzugängen zu und winkt, wenn jemand geht. Sie animiert das Publikum zum Klatschen und Tanzen und einmal sogar zu einer kleinen Tanzkurs-Choreografie, bei der alle einen Schritt zur Seite gehen. Das hat Dan Bejar  nicht gemacht.

Entspannte Chemie

Man tut der Band bestimmt nicht Unrecht, wenn man darauf hinweist, dass ihre Tracks alle recht ähnlich sind, eine konsistente freundliche Indie-Pop-Energie haben. Cohen und Bandkollege Gil Landau haben eine entspannte Chemie, albern herum, geben sich zum Beispiel Hi-Fives, die comichaft daneben gehen. Sie wirken ehrlich gerührt von dem warmen Applaus, Cohen strahlt über beide Ohren.

Nach ihnen: Skinny Lister, eine Folk-Punk-Band, die das Grünspan beim Namen nimmt und den Laden in einen Irish Pub verwandelt. Die Sängerin klettert an einem Punkt über die Absperrung und hüpft ins Publikum, tanzt ausgelassen, lässt sich von einem Mann auf den Schultern tragen und ist der größte Fan ihrer eigenen Band. Das Drängende und Druckvolle der Band ist dramatisch: „Kathy, you got me on my knees“, singen sie. Mit so viel Leidenschaft wurde selten Akkordeon gespielt. „Morgen ist unser freier Tag“, erzählt sie, „ist es für uns dann gefährlich, heute in Hamburg zu sein?“ Sagen wir so: Das wird der Stoff für die nächste Hymne im Irish Pub.