Rolling Stones: Instagram-Puzzle enthüllt „Foreign Tongues“ als neues Album

Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood posten Bildfragmente – zusammengesetzt enthüllen sie Titel und Cover von „Foreign Tongues“. Die ganze Story.

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Drei Instagram-Posts, scheinbar beiläufig veröffentlicht von Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood, genügten am Wochenende, um die Gerüchteküche weiter anzuheizen: Mittlerweile pfeifen es die sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern. Die Rolling Stones stehen kurz vor der Ankündigung ihres nächsten Studioalbums – und liefern die entscheidenden Hinweise höchstpersönlich. Was die Musiker jeweils posteten, wirkt für sich genommen unspektakulär: Fragmente eines Bildes, grafisch reduziert, mit Schriftzügen versehen.

Verschmolzene Gesichter, ein gemeinsamer Titel

Erst im Zusammenspiel entfaltet sich die eigentliche Pointe. Fügt man die Teile zusammen, verschmelzen die Gesichter der Bandmitglieder zu einer einzigen, beinahe monströsen Physiognomie – eine Ikonografie, die weniger Nostalgie bedient als vielmehr die Bandidee als kollektive Identität neu formuliert. Der mutmaßliche Titel „Foreign Tongues“ zieht sich dabei über alle drei Segmente und bestätigt, was seit Wochen kursiert.

Dass dieser Titel kein Zufall ist, deutete sich bereits Ende April an. Weltweit waren Plakate aufgetaucht, versehen mit dem ikonischen Zungenlogo der Stones und Schriftzügen in unterschiedlichen Sprachen. Die Botschaft schien klar, auch ohne offizielle Bestätigung: Diese Band denkt global, selbst im Spätwerk.

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Rolling Stones auf Instagram

„Foreign Tongues“ – fremde Zungen – ist dabei ein doppeldeutiger Titel. Er spielt auf Sprache und Verständigung an, aber auch auf das vielleicht wichtigste Markenzeichen der Band: jenes berühmte Emblem, das seit den Siebzigern für Provokation, Körperlichkeit und Erotik-Mythologie steht.

Soundschnipsel mit Tiefgang

Musikalisch deuten erste Soundschnipsel darauf hin, dass die Stones ihr eigenes Archiv schätzen und gezielt darauf zugreifen. Ein kürzlich veröffentlichter Kurzclip beginnt mit einer Atmosphäre, die an „Gimme Shelter“ erinnert – jenen apokalyptischen Klassiker von 1969 – und kippt dann in ein Gitarrenriff, das ebenso gut aus der „Steel Wheels“-Ära stammen könnte. Es ist ein Spiel mit der eigenen Geschichte: nicht als Selbstzitat, sondern als Rohmaterial.

Nach Charlie Watts: Neuverortung im Studio

„Foreign Tongues“ wäre das erste Album nach „Hackney Diamonds“ und damit das zweite Studiowerk seit dem Tod von Charlie Watts im Jahr 2021. Diese Zäsur wirkt bis heute nach. Bereits bei „Hackney Diamonds“ war zu spüren, dass die Band sich nicht einfach weiter vorwärtsbewegen, sondern neu verorten musste. Mit dem neuen Schlagzeuger Steve Jordan ging es weniger um Ersatz als um eine Verschiebung: weg von der reinen Bewahrung, hin zu einer vorsichtigen Neuerfindung.

Produziert wurde auch das neue Material wieder von Andrew Watt, der sich in den vergangenen Jahren als eine Art Generationsvermittler etabliert hat. Ein Produzent, der mit Veteranen wie Ozzy Osbourne, Elton John oder Paul McCartney arbeitet, ohne deren Klang zu musealisieren. Watt versteht es, Tradition in Gegenwart zu übersetzen – genau das scheint auch hier der Anspruch zu sein.

Kontrollierte Kampagne mit Alibi-Pseudonym

Bemerkenswert ist, wie kontrolliert die Stones ihre eigene Erzählung steuern. Die Kampagne begann nicht mit einer klassischen Single, sondern mit einem Alias: „The Cockroaches“, ein Name, den die Band seit Jahrzehnten für geheime Auftritte nutzt. Unter diesem Pseudonym erschien im April die Single „Rough and Twisted“ in extrem limitierter Auflage – ein analoges Anachronismus-Schmankerl in einer digitalen Gegenwart. Erst Tage später bestätigten die offiziellen Kanäle, was viele längst vermutet hatten: dass es sich um neues Stones-Material handelt.

Nach den Soundschnipseln nun ein Puzzle aus drei Instagram-Bildern – Bestandteil einer größeren Dramaturgie.

Produktiv weit über das neue Album hinaus

Zugleich zeigt sich ein bemerkenswerter Arbeitsmodus. Bereits 2023 hatte Jagger angedeutet, dass die Band parallel an weiterem Material arbeite. Inzwischen ist von einer zweistelligen Zahl fertiger Songs die Rede – und sogar von Perspektiven über „Foreign Tongues“ hinaus. Für eine Band, die seit über sechs Jahrzehnten existiert, ist das mehr als Produktivität. Es ist ein Statement gegen die Erwartung des baldigen Ruhestands.

Ein Hinweis auf die Bühne fehlt in dieser Kampagne allerdings. Berichte über abgesagte, nie offiziell angekündigte Tourpläne für 2026 deuten darauf hin, dass die Stones ihre Prioritäten verschieben. Während sie früher vor allem als Liveband definiert wurden, rückt das Studio wieder ins Zentrum – vielleicht auch, weil sich dort jene Kontrolle herstellen lässt, die auf der Bühne zunehmend schwerer zu garantieren ist.

Ein Album über Sprache, Identität und Weiterexistenz

„Foreign Tongues“ erscheint so schon vor Veröffentlichung als vielschichtiges Projekt: ein Album über Sprache und Identität, über Vergangenheit und Gegenwart, über das Weiterexistieren einer Band, die längst zur Institution geworden ist. Die verschmolzenen Gesichter auf dem Cover liefern das passende Bild. Als Einzelne sind die Rolling Stones Legenden. Zusammen jedoch sind sie etwas anderes: ein Organismus, der sich immer wieder neu formt.

Mick Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood / Instagram

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.