Roskilde, Tag 3: Bruce up your life!


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Gestern noch einen drüber bekommen von der eigenen Freundin: Diese Ausführungen über Jack White und über den ganzen Freitag – das ist doch Musikjournogewichse. Ja, das Wort ist wirklich gefallen – wobei es mit einem netten Lächeln serviert wurde und eher neckend gemeint war. Aber es ist natürlich etwas Wahres dran: Man vergisst ja vor lauter Über-die-Musik-schreiben, das Drumherum viel zu schnell. Das eigentliche Festival. Die Menschen, die Stimmung, die Verrückten, die Atmosphäre – und natürlich auch die Schnittpunkte, an denen sich Musik und Drumherum im perfekten Moment auf derselben Wellenlänge treffen. Der Samstag hatte einige dieser Momente zu bieten – zumindest für den Autor dieser Zeilen, dessen „Erzählung“ man hier ja ausgeliefert ist. Und – wie sich das für ein Festival gehört – fanden sich diese Momente nicht nur vor der (formidabel besetzten Hauptbühne), sondern auch in den matschigen Weiten des Campingplatzes.

Aber der Reihe nach: Man wusste ja schon am frühen Morgen, dass es ein guter Tag wird. Springsteen als Headliner, die Roots vorweg, Bon Iver am Abend, Dry The River am frühen Mittag, Paule Kalkbrenner des Nächtens – dazwischen noch The Low Anthem, Refused, Cold Specks, Ex-Madrugada-Sänger Sivert Hoyem – das sollte ungefähr die Route sein, die man natürlich mal wieder nicht komplett schaffte. Aber es hätte kaum besser starten können als mit den Herren von Dry The River, die am frühen Mittag die Odeon-Bühne eröffneten. „Wir sind es nicht gewohnt, so früh zu spielen“, gaben die herrlich abgerissen ausschauenden Briten zu Protokoll. Bassist Scott Miller, der offenbar zur Publikumsbespaßung zwischen den Songs abgestellt war (was er sehr gut machte), verriet dann auch das gar nicht so geheime Rezept: „We had some beers for breakfast!“ Dabei vermutete man natürlich gleich den entsprechenden Replacements-Song in der Plattensammlung Millers,  traute ihm aber gleichzeitig zu, dass er „bears“ und nicht „beers“ meinte – so haarig und holzfällerig, wie er aussah, hätte es auch sein können, dass er morgens einen Bären erlegt und verspeist, um dem Kater Herr zu werden. Musikalisch waren die fünf eine frühe Offenbarung – allen voran Sänger Peter Liddle, der ähnlich verhärmt aussieht wie Kurt Cobain zu seinen magersten Zeiten, aber eine geradezu himmlische Stimme an den Tag legt. Selbst die ruhigeren Songs wie das langsam anschwellende „Demons“ oder „Shaker Hymns“ funktionierten in dem für die Uhrzeit schon recht ansehnlich gefüllten Zelt. Wenn sich die Stimmen der Band mit der von Sänger Liddle finden, wie im Refrain zu „History Book“, kann man gar nicht anders als elektrisiert und glücklich mit Gänsehaut auf die Bühne zu starren – selbst, wenn man dabei im etwas muffigen Schlamm steht und noch ein wenig den Kater in den Knochen hat. Der furiose Rausschmiss aus ihrem gut einstündigen Set erfolgte dann mit „Lion’s Den“ – ein Song, der wohl genau dafür gemacht wurde. Während die Albumversion allerdings auf Trompetentamptam setzt, musste man sich für das normale Bandbesteck natürlich etwas anderes überlegen. Konnten die Herren aber auch: Violinist Will Harvey bekam seinen großen Moment, stürmte mit Geige an den Bühnenrand und durfte kurz die beiden Gitarren von Liddle und Matthew Taylor an die Wand spielen – was ihm durchaus gelang.

Schade, dass man zur selben Zeit Julia Holter verpasste, und auch First Aid Kit und Bowerbirds ausfallen lassen musste, weil man endlich mal die Freunde auf dem Campingplatz besuchen wollte. Lohnte sich allerdings ebenso, denn dank der schwedischen Nachbarn dort gab es Musik, die zwar nicht live war, aber mit dem Line-up gut mithalten konnte. Die Krönung war dann das gemeinsame Singen der Camp-Hymne: „Punks in Beerlight“ von den Silver Jews. Muss man auch mal gemacht haben.

Ab den Nachmittagsstunden konzentrierte sich das Interesse natürlich auf die Hauptbühne. Zwar waren die militanten Springsteen-Fans schon auf dem Gelände, aber sie hielten noch ein wenig Sicherheitsabstand, wenn sie nicht gerade in der schon morgens eröffneten Schlange für den vorderen Bühnenbereich auf den Boss harrten. Zunächst gehörte die Show aber den Roots – und was für eine Show das war! Man wusste ja, dass sie eine gute Live-Band sind, aber wie sie dort zwischen HipHop, Jazz, Rock und Pop herumsprangen und die Menge befeuerten, das hatte eine Klasse und eine Bandbreite, die man HipHop-Crews ja nur selten zutraut. Aber die Roots-Crew ist ja nichts anderes als eine vollständige Band – und eine perfekt eingespielte, weil sie momentan ja die Hausband von Jimmy Fallon ist. Was dann übrigens auch der Grund ist, warum die Roots nur an Wochenenden Festivals spielen können – anders passt das gerade nicht in ihre Verpflichtungen. Spuren eines Jetlags suchte man dennoch vergeblich: Black Thought am Mic und Questlove auf dem Drum-Sessel sind natürlich die beiden Antreiber der Crew, Blickfang war aber zweifelsohne Damon „Tuba Gooding Jr.“ Bryson. Ganz ehrlich: Wieviele HipHop-Acts mit Sousaphon-Spieler gibt es überhaupt? Hat man so eine getunte Tuba überhaupt schon mal in diesem Kontext gesehen? Vermutlich nicht. Dank Bryson ist dieses wuchtige  Instrument nun allerdings im HipHop angekommen – und dank seiner zahlreichen Ausflüge ins Publikum hat ihn auch jeder gesehen. Schade nur, dass man das ungemein gut erzählte, düstere letzte Album „Undun“ verschmähte – passte vermutlich nicht so zum mitreißenden Vibe der Show, die eigentlich viel zu schnell vorbei war. Aber es sollte noch ein Wiedersehen mit der Band geben…

Im Zelt gab es derweil einen weiteren Stopp der Refused-Reunion-Sause, die wieder mal zeigte, dass Refused mitnichten „fucking dead“ sind, wie sie selbst mal deklarierten. Sie dürften sich mit den Konzerten inzwischen auch ganz gut saniert haben, was man ihnen ja gerne vorwirft. Macht ihre Songs aber nicht schlechter – und Dennis Lyxzén nicht uncharismatischer – selbst wenn er, wie uns die schwedischen Nachbarn versicherten, tatsächlich ein arrogantes Arschloch sei. „We know our Dennis. He’s still a pretentious asshole.“ Wer es schaffte, gab sich vor dem Springsteen-Gig noch kurz der Hochglanz-Melancholie von M83 hin, die live viel lebendiger klingen, als ihr letztes – ja gar nicht schlechtes – Album „Hurry up, we’re dreaming!“

Ok, aber nun endlich: Bruce, Bruce, BRUCE! Es war schon erstaunlich, wie sich das Publikum auf einmal änderte, wie die jungen Dänen respektvoll nach hinten traten und die mitunter recht militanten Springsteen-Jünger mit Ellenbogen-Einsatz und irre flackernden Augen nach vorne drangen. Für jeden Roskilde-Tag gab es auch ein vierstelliges Kontingent an Tagestickets, von denen die Samstagstickets natürlich zuerst ausverkauft waren. Dennoch stimmte die Mischung – und es war alles andere als eine Altherren-Veranstaltung. Das Jungvolk zeigte seine Begeisterung nur anders: So diskutierten zwei betrunkene Deutsche, die eher wie Angehörige der Kalkbrenner-Jugend aussahen, dass es ja komisch sei, man den Bruce aber „voll, voll geil“ fände. Woraufhin der andere sagte: „Ey Mann, versteh ich. Und keine Panik – ich find das gar nicht gay oder so.“ Ein Däne brachte es dann am besten auf den Punkt: Als Springsteen mit der bekannten Überdosis an amerikanischem Pathos den „Spirit In The Night“ beschwor und die zu diversen Mitsingspielen dirigierte – kreischte der junge Mann plötzlich ekstatisch auf, warf die Arme und die Haare in die Luft und brüllte gen Bühne: „BRUCE UP YOUR LIFE!“ Besser konnte man es nicht sagen, rufen, brüllen – selbst wenn der Herr sich nachher disqualifizierte, weil er mitten auf den Rasen pinkelte. Aber eine Dosis Bruce im Leben macht selbiges in der Tat schöner. Wenn man sich denn drauf einlässt auf diese großen Bilder, Gesten und natürlich Songs, von denen es an diesem Abend 26 gab – was eine ungefähre Spielzeit von drei Stunden ergab. Man muss über die Qualitäten der aktuellen E Street Band nicht mehr groß schwärmen, das wurde, seitdem die Tour läuft, zur Genüge getan. Dennoch wirkte vor allem der Auftritt des „Little Big Man“ Jake Clemons noch lange nach. Es ist nach wie vor klar, dass er die Lücke, die sein Onkel hinterlassen hat, nicht füllen kann oder will, aber wie furios und euphorisch er sich in seine Sax-Parts wirft – das muss man einfach mal live gesehen haben. Beim „10th Avenue Freeze-Out“ gab es dann die gewohnte Gedenkminute bei der Zeile „When that change was made uptown / And the Big Man joined the band“, wo die Band stoppt, die Leinwand tolle Clarence-Szenen zeigt – um dann ohne weiteren Kommentar mit vollem Furor wieder zu starten. Highlight der Show war jedoch der gemeinsame Songs mit den Roots, die Springsteen zum „E Street Shuffle“ auf die Bühne bat. Schwer in Worte zu fassen, was für eine Freude es war, zwei solch unterschiedliche und handwerklich großartige Bands verschmelzen zu sehen und zu hören. Als Closer, wie schon vom „Isle of Wight“-Festival bekannt, dann ein donnerndes „Twist & Shout“, das die im Publikum stehenden Tanzpärchen – und das waren anscheinend einige – zu den wildesten Pirouetten animierte.

Der Vollständigkeit halber, hier noch mal die Setlist:

Setlist:
No Surrender
Badlands
Two Hearts
We Take Care of Our Own
Wrecking Ball
Death to My Hometown
My City of Ruins
Spirit in the Night
The E Street Shuffle
Jack of All Trades
Trapped
Because the Night
Working on the Highway
Shackled and Drawn
Waitin‘ on a Sunny Day
The River
The Rising
Out in the Street
Land of Hope and Dreams
* * *
We Are Alive
Born in the U.S.A.
Born to Run
Glory Days
Dancing in the Dark
Tenth Avenue Freeze-out
Twist and Shout

(Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version waren ein, zwei Songtitel falsch geschrieben – wir bitten dies zu entschuldigen!)

Zeitgleich kam es ab elf Uhr bei Bon Iver im Arena-Zelt zu ungesundem Geschiebe, weil augenscheinlich doch noch tausende Menschen Bon Iver sehen – aber nicht unbedingt hören – wollten. Das Gerede während der Show war Augenzeugenberichten zufolge jedenfalls permanent lauter als die ja nicht wenigen leisen Momente, der wie immer perfekt spielenden Band Justin Vernons. Versöhnliches Ende dann mit „The Wolves (Act I und II)“ und dem lauten Publikums-Chor zur Zeile: „What might have been lost…“

Selig schwebte man dann noch bei Sivert Hoyem vorbei, einst die dunkle Stimme von Madrugada. Der Norweger spielte eine Mischung aus seinen vier Soloalben, die er immer wieder mit akustisch vorgetragenen Madrugada-Stücken abwechselte. „Majesty“ war dann das wundervolle Highlight. Paul Kalkbrenner lieferte auf der Arena-Stage bis in die Nacht seine Songs ab – wirkte aber eher gelangweilt von dem Ganzen. Wer dann noch stehen und schwofen konnte, wurde mit einem Gig um drei Uhr Nachts von Lee Field & The Expressions belohnt – aber da hatte sich der Bruce-Boost des Tages schon verflüchtigt und die Bierschwere forderte ihren Tribut. Dennoch: Was für ein Tag! Mehr Festival kann man nicht in diese Stunden packen. Jetzt muss die Kondition nur noch den Sonntag halten…

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