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Santigold im großen ROLLING STONE-Interview: “Ich fühle mich oft wie ein Produkt”

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Santigold im großen ROLLING STONE-Interview: “Ich fühle mich oft wie ein Produkt”

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Im März 2014, mitten in der heißen Phase der Entstehung ihres dritten Albums, wurde Santi White zum ersten Mal Mutter. Die Geburt ihres Sohns, Radek, hat ihre Sicht auf die Welt verändert, sagt sie. „Nachdem die anfänglichen Ängste überwunden waren, gab es plötzlich so viel Freude in meinem Zuhause. Diese Stimmung wollte ich auch in der Musik spürbar machen.“

Die für ihren Eklektizismus bekannte US‑Produzentin mit dem Künstlernamen Santigold klingt im Jahr 2016 lebensbejahender denn je, reggae- und dublastiger als auf dem gefeierten Debüt von 2008 (damals noch unter dem Namen Santogold) und weitaus entspannter als auf dem Vorgänger von 2013, der mit an M.I.A. und Buraka Som Sistema geschulten Raps und Tribal-Drums bisweilen düster-aggressiv wirkte.

Ernste Themen in bunten Gewand

Entgegen aller musikalischen Leichtigkeit dreht sich Santis neues Album inhaltlich jedoch um ernste Themen – und für eine junge Mutter, die hauptberuflich als Musikerin arbeitet, auch um überlebenswichtige. Es geht um Selbstausbeutung, um Musik als Ware und darum, wie man als Künstler heute überhaupt noch überleben soll.

Das Album-Artwork lässt das Konzept bereits erahnen: Für das Cover hat sich die 39-Jährige wie ein Stück Fleisch in Plastikfolie einschweißen lassen, zusammen mit Dingen, die ihr jetziges Leben repräsentieren: Instru­mente, Babyspielzeug, Kleider, Vitamintabletten, eine Discokugel und vieles mehr.

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(Photo by Roy Rochlin/WireImage)

Niemand will mehr für Musik bezahlen

Ihre leeren Augen sind dabei auf ein Preisschild gerichtet, das groß und leuchtend neben ihr auf der Verpackung prangt: „99¢“ als Preis für ein Künstler­leben, „99¢“ als Titel für ein Album, von dem sie sich kaum mehr finanziellen Gewinn verspricht. „Niemand will mehr für Musik bezahlen“, beklagt die Künstlerin, als wir sie zu Hause in Brooklyn erreichen, wo sie zwischen Requisiten für ein Musikvideo sitzt, das eben in ihrer Wohnung abgedreht wurde.

Sie isst einen Bagel und rechnet zwischen den Bissen fast beiläufig und erstaunlich offen mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwängen ab, die heute das Dasein eines professionellen Popmusikers bestimmen. „99¢“ sei „kein anti­kapitalistisches Manifest“, erklärt Santi White, „sondern einfach eine Bestands­aufnahme, wo unsere Kultur sich gerade befindet“. Zeit für ein Gespräch.

ROLLING STONE: Steht es 2016 wirklich so schlimm um Profimusiker?

Santi White: Heute wird viel zu viel unter Wert verkauft und wird Kunst als Wegwerfprodukt behandelt. Gleichzeitig herrscht ein Konsumnarzissmus, wie es ihn so noch nie zuvor gab. Auf den Social-Media-Kanälen vermarkten wir uns wie Produkte, setzen uns in Szene, als wären wir Waren. Alles dreht sich um die eigene Person. Menschen gehen auf Konzerte und machen Fotos von sich selbst, statt sich die Show anzusehen. Ein gutes Foto ist wichtiger als die Stimmung, die man erlebt. Für einen Künstler, der in einer anderen Zeit angefangen hat, ist es schwierig, dabei die Balance zu finden, und es kann sehr frustrierend sein, wenn man plötzlich mehr Energie darauf verwenden muss, sich zu verkaufen, als sie in seine Kunst zu investieren.
Sie empfinden Ihre Außendarstellung auf Facebook und Co. also eher als Belastung?
Es wäre schön, nicht noch mehr Zeit damit verbringen zu müssen und stattdessen mehr Musik zu machen. Das Problem ist, dass ich über alles die Kontrolle behalten möchte. Ich drehe meine Videos selber. Ich arbeite an den Kostümen, ich mache die Choreografie mit meinen Tänzern. Und eben auch die Werbung über die sozialen Medien. Es ist eine Mammut­aufgabe, das alles zu managen, bevor die Menschen überhaupt die Musik zu hören bekommen … Mein Album ist ja schon seit Monaten im Kasten. Und dann fragen die Leute: Warum brauchst du so lange? Ich bin keine Künstlerin, die am Ende einer Produktionslinie, nachdem ein Songwriter den Song geschrieben und ein Produzent den Beat produziert hat, mal eben etwas einsingt – fertig, nächste Platte! So läuft es bei mir nicht. Kreativität braucht Zeit.
Auf dem Cover Ihres neuen Albums inszenieren Sie sich als eingeschweißte Billigware. Haben Sie sich im Laufe Ihrer Karriere oft wie ein Produkt gefühlt?
Ganz ehrlich, ich fühle mich regelmäßig wie ein Produkt. Ich verkaufe so gut wie keine Platten mehr, diese Einnahmequelle ist für mich versiegt. Wie kann ein Songwriter wie ich also heute noch Geld verdienen, wenn niemand mehr CDs oder Downloads kauft? Er muss sich selber zu einem Produkt machen. Ich spiele zum Beispiel eine Menge Corporate-Gigs, also Konzerte für Firmen und wohlhabende Privatpersonen.
Wie unterscheiden sich diese Auftritte von klassischen Konzerten?
Sie sind grundverschieden. Wenn du vor deinen Fans spielst, kennen sie jeden Song, sie tanzen und singen mit, du kriegst einiges an Energie zurück. Bei Corporate-Partys bist du nur das Miettalent, du kommst rein, machst deinen Job, spielst, was immer du willst, und siehst zu, dass du wieder wegkommst.

Neben den Auftritten vor Firmenpublikum lizensiert Santigold ihre Songs regelmäßig für Filmsoundtracks, Werbespots und fürs Fernsehen. „Alles zusammen stellt mein neues Einkommensmodell dar, eines der wenigen, die es für Musiker auf meinem Bekanntheitslevel noch gibt“, erklärt sie.

Dabei gehört die Künstlerin, die ihre Karriere als Sängerin einer Punkband begann, längst nicht mehr zum klassischen Underground. Ihr neues Album erscheint beim Majorlabel Atlantic, der Vorgänger, „Master Of My Make-Believe“, wurde für zahlreiche Preise nominiert und bescherte ihr vor drei Jahren hohe Chartsplatzierungen in Großbritannien und den USA.

(Photo by Josh Brasted/WireImage)
(Photo by Josh Brasted/WireImage)

Sie tourte mit Kanye West und Coldplay durch Stadien und zählt spätestens seit „L.E.S. Artistes“, ihrem ersten großen Singlehit von 2008, zu den beliebtesten Gastsängerinnen im Popbusiness. David Byrne, die Beastie Boys, Diplo und Pharrell Williams: Sie alle liehen sich die Stimme der ehemaligen Musikstudentin aus Philadelphia.

Daneben trat Santigold immer wieder selbst als Songschreiberin für Popstars wie Lily Allen und Christina Aguilera in Erscheinung, die ihrer Musik gern ein wenig mehr Street Credibility und Coolness verpassen wollten. Nicht nur in ihrem geschäftlichen Umfeld gilt Santi White, die seit 2011 bei Jay Zs Managementfirma, Roc Nation, unter Vertrag steht und selbst einmal kurzzeitig als Talent­scout für eine Plattenfirma jobbte, als Vollprofi mit Gespür für Trends und gleichzeitig als eigenständige, selbstbestimmte Musikerin mit einer Vision. Für Werbefilme und auf Corporate Gigs zu spielen und dabei nicht ihre Reputation aufs Spiel zu setzen kommt für sie einem Drahtseilakt gleich.

Wie reagieren Sie eigentlich, wenn Ihnen jemand Ausverkauf vorwirft?
Niemand, der wirklich über unsere kulturelle Situation Bescheid weiß, würde sich trauen, das zu kritisieren. Wir leben in einer neuen Ära. Man kann diese Dinge nicht kritisieren, ohne auch zu kritisieren, dass niemand mehr für Musik bezahlen will. Es sei denn, das Ziel ist, dass die Künstler ganz aufhören, Musik zu machen. Aber ist das wirklich die Alternative? Wer will schon, dass es keine Musik mehr gibt?
Aber bleibt von solchen rein kommerziellen Auftritten nicht trotzdem ein ungutes Gefühl zurück?
Meine Art, mich nicht schlecht damit zu fühlen, ist, keinerlei Kompromisse einzugehen, was meine Musik betrifft. Egal auf welchem Weg sie die Menschen erreicht, es wird keinen Einfluss auf die Integrität und den Inhalt meiner Songs haben. Im Prinzip ist es ja auch großartig, wenn meine Lieder im Fernsehen laufen oder in Filmen zu hören sind. Viele Menschen werden dadurch erst auf mich aufmerksam. Sie hören ein Lied von mir in einem Werbespot und denken: Wow, dieser Text hat ja eine echte Message! Die Songs können trotzdem noch inspirieren oder zum Nachdenken anregen. Sie erreichen die Menschen nur anders. Und Menschen zu erreichen ist letztlich der Grund, warum ich all das überhaupt mache.
Gibt es Firmen, für die Sie nicht spielen und keinen Song zur Verfügung stellen würden?
Ich mache es nicht, wenn es eine Firma ist, mit deren Politik ich nicht einverstanden bin, oder es sich um ein Produkt handelt, mit dem ich mich nicht identifizieren kann, Hämorrhoidensalbe zum Beispiel. (Lacht) Oder auch wenn es eine Kleider­marke ist, die ich scheußlich finde. Wenn es mir okay und harmlos erscheint, lasse ich darauf ein.
Wie sieht es mit kontroversen Themen aus, zum Beispiel mit einer Firma, die gentechnisch veränderte Lebensmittel produziert?
Das würde ich nicht unterstützen wollen. Mir liegen einfach das Wohl des Planeten und Bewusstheit im Umgang mit natürlichen Ressourcen am Herzen. Aber ich habe auch keine Zeit, alle Firmen minutiös zu durchleuchten. Die Anfragen kommen rein, ich bin auf Tour, ich habe ein Kind zu ernähren. Ich bin zu beschäftigt, um mich über die Geschichte jeder einzelnen Firma schlauzumachen. Das ist unmöglich. Und wenn du ehrlich bist: Es handelt sich um multinationale Unternehmen in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem – die haben doch vermutlich alle irgendwo Dreck am Stecken. Solange ich aber Bescheid weiß, mache ich mich nicht mit einer Firma gemein, die Dinge unterstützt, die ich für schädlich halte.

Für ihr neues Album hat sich Santigold eine Riege junger Künstler wie den Newcomer iLoveMakkonen und Vampire-Weekend-Songwriter Rostam Batmanglij mit ins Boot geholt, für die kostenlose Eigenwerbung auf SoundCloud und You­Tube selbstverständlich ist und die Erfolg längst in Klickzahlen messen.

Als Künstlerin, die ihre Karriere am Übergang zum Streamingzeitalter begann, kann Santigold den „neuen Einnahmequellen“ dagegen buchstäblich nichts abgewinnen: „Strea­ming gab es bei Veröffentlichung meines ersten Albums kaum.

Heute habe ich viel mehr Fans, aber ich verdiene viel weniger“, beklagt sie, wobei sie den Grund nicht nur bei den Anbietern, sondern vor allem bei einseitigen Plattenfirmendeals verortet: „Nur noch eine kleine Handvoll Stars kann es sich leisten, ihre Sachen nicht bei Spotify anzubieten, Künstlerinnen wie Taylor Swift oder Adele, die in der idealen Situation sind, die Regeln selbst aufzustellen, weil sie noch genug Platten verkaufen.“ Sie dagegen habe über ihr eigenes Streaming­angebot keine Kontrolle:

Wenn du bei einem Major bist, entscheiden die, was mit der Musik passiert – sie besitzen die Rechte an den Masters. Die Plattenfirmen machen die Deals mit den Streaming­anbietern, sie handeln Konditionen aus, die ihnen entgegenkommen. Der Künstler selbst wird eher nicht gefragt. Das Gleichgewicht innerhalb der Musikindustrie ist nicht gerade ausgeglichen oder fair.
Sie würden heute also nicht noch einmal bei einem Major unterschreiben?
Es hat immer weniger Sinn, überhaupt einen Plattenvertrag zu unterschreiben. Den ganzen Social-
Media-Kram mit Werbung kann man selber machen: Man behält die Kontrolle und kann eigene Entscheidungen treffen. Will man Streaming anbieten oder nicht; will man noch wen Externes bezahlen oder nicht? Man hat die Zügel in der Hand.
Was würden Sie heute einem Newcomer raten?
Die Realität ist, es sind traurige Zeiten für echte Künstler, für echte Musiker. Trotzdem muss man lernen, sich anzupassen, um in der sich verändernden Musikindustrie zu überleben. Ich will nicht zu negativ rüber­kommen. Es gibt die negativen Seiten, die es wert sind, kritisiert zu werden. Aber worauf ich hinauswill, und das ist auch die Botschaft in Songs wie „Run The Races“: Mach das Beste draus, spring rein, stell dich der Situation! Natürlich kannst du dich auch daneben stellen, die Arme verschränken und sagen: Ich will nicht dazu­gehören, das Spiel nicht mitspielen. Dann wird aber auch niemand deine Musik hören und deine Message bleibt verborgen. Oder du kannst sagen, es ist, was es ist, und voll reinspringen, damit spielen, die Absurdität betonen, allen zeigen, wie verrückt es ist, sodass am Ende vielleicht wahre Kunst dabei herauskommt. Wenn ich zum Beispiel in einem meiner Videos eine Marke unterbringen muss, wird das nicht beiläufig und wie selbstverständlich geschehen, sondern wie eine Werbeunterbrechung mitten im Clip. Um zu zeigen: Hier stehen wir, das gehört nun zu unserer Kunst.

(Photo by Jenny Anderson/Getty Images)
(Photo by Jenny Anderson/Getty Images)

Kurz nach unserem Interview wurde der Termin der Veröffentlichung von „99¢“ ohne Angabe von Gründen um einen weiteren Monat verschoben. Gab es vielleicht, wie in ähnlichen Fällen, zu wenige Vorbe­stellungen? Auf ihren Social-Media-Kanälen ließ die Künstlerin, deren Album „seit Monaten fertiggestellt ist“ und die „über alles die Kontrolle behalten will“, den Verzug unkommentiert. Ein Schweigen, das man nach unserem Gespräch wohl auch als zerknirschten Kommentar über die eigene Machtlosigkeit empfinden muss.

Jenny Anderson Getty Images
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