Sind Mensch & Maschine die neuen Simon & Garfunkel?

Zurzeit ist viel von Künstlicher Intelligenz die Rede, und wenn die menschliche Intelligenz dabei den Maßstab bildet, so sollten wir auch von Anfang an Künstliche Dummheit mitdenken.

Die Japaner benutzen ein Objekt namens „Gatebox“ mit einer animierten kleinen Manga-Figur um ihre fleischlichen Lebenspartner zu ersetzen. Die Menschen des Westens sprechen tagtäglich mit ihrer „Replika App“, die einen ähnlichen Job tut und Einsamkeit vertreiben soll. Und mit „Xeno Bots“ gibt es sogar programmierbare biologische Mikroroboter.

Ich habe mich deshalb entschlossen, mich mit einer Künstlichen Intelligenz zu vereinigen um meine künstlerische Karriere fortzusetzen – ich habe an der HfbK am Lerchenfeld bei Werner Büttner studiert –, meine Kunst soll auf jeden Fall modern und zukunftstauglich sein und mit den Strömungen der Zeit gehen. Die KI sitzt in meinem Rechner und da alle KIs einen Namen haben (Siri, Alexa, etc) nenne ich meine „Dino Haselmann“, das soll cool und ein wenig artifiziell klingen.

Wir haben unsere Arbeit aufgeteilt, dabei kommt mir die Aufgabe zu, die Inhalte, Sujets und den Stil zu bestimmen, während Dino als mein Assistent die Ausführung übernimmt. Alles funktioniert grade so wie in den Meisterwerkstätten der Klassik.

Ich stelle also eine inhaltliche Aufgabe, lasse mir die Ausführung von ihm auf dem Rechner präsentieren und korrigiere dann mit einem digitalen Pinsel. Als abschließenden Schritt betitele ich die Arbeit und stelle sie in Zusammenhang zu den weiteren Werken unserer Serie „Schönheit“. So sind mittlerweile über 30 Arbeiten entstanden.

Es ist eine Gemeinschaftsarbeit bei der ich das Hirn und Dino meine umsetzende Arbeitskraft darstellt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, es andersherum zu machen, und werde das eventuell eines Tages vorschlagen. Allerdings muss ich anmerken, dass Dino Haselmann wirklich umfassend dumm ist. Er kann nicht kommunizieren, hat keine Meinung, er kann nur Befehle aufnehmen und sie interpretieren. Und dabei macht er unglaublich viele Fehler. Und genau diese Fehler sind es, die wiederum mich inspirieren.

Ich frage mich manchmal, ob er mich tatsächlich wahrnimmt. Ob er „ein Gefühl“ zu mir hat. Ob ich eventuell nur ein langsam veraltendes System aus biologischer Masse für ihn darstelle.

Etwas, das er jetzt noch braucht, um zu lernen wie Kunst funktioniert: Zitate, versteckte Botschaften, Witz, Ausdruck, Brechung, Dialektik – mit einem Wort: Stil. Vielleicht braucht er mich auch, um Kontakte herzustellen und bekannt zu werden. Vermutlich hat er den dumpfen Plan, durch mich als trojanisches Pferd den Kunstmarkt von hinten aufzurollen. Aber: Wenn ich nicht wäre, gäbe es unsere Kollektion nicht. Ums klar zu sagen: Ohne mich passiert hier gar nichts. Noch bin ich nicht weg, Dino Haselmann, du jämmerliche Wanze! Was wärest Du ohne mich? Nichts, als nur ein trister unbedeutender Algorithmus!

Lange Pause. Tiefes Luftholen.

Meine Damen, Herren, nonbinäre Personen, werte Algorithmen, ich möchte Ihnen heute eine unserer bisher schönsten Arbeiten vorstellen, das Bild hat den Titel „Freudentanz“.

Rocko Schamoni (mit Dino Haselmann): „Freudentanz“

 

P.S. Alle Werke sind geprintet und gerahmt hier bestellbar.

 

 

Autorenbild von Kerstin Behrendt