So viel McCartney war nie: Zum 10-jährigen Jubiläum von „Chaos And Creation In The Backyard“

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So viel McCartney war nie: Zum 10-jährigen Jubiläum von „Chaos And Creation In The Backyard“

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Was bringt einen Musiker, der in jungen Jahren alles erreicht hat, im fortgeschrittenen Alter noch mal dazu, ein großes Album zu machen? Nicht selten spielt ein Produzent eine wichtige Rolle. Rick Rubin rang Johnny Cash die „American Recordings“ ab und Neil Diamond „12 Songs“, Daniel Lanois dürfte nicht unwesentlich an der Genese von Bob Dylans „Time Out Of Mind“ beteiligt gewesen sein, auch wenn am Ende der Künstler selbst das Heft in die Hand nahm, und Paul McCartney suchte sich vor zehn Jahren Nigel Godrich aus, um seine Karriere noch einmal wach zu küssen. Der Brite war vor allem durch seine Arbeiten für Radiohead bekannt geworden, zudem sorgte er bei Pavement, Travis und Beck für einen warmen atmosphärischen Sound.

Impulsgeber Nigel Godrich

McCartney hat sich nach den Beatles oft neue Impulsgeber gesucht, zunächst seine Ehefrau Linda, dann die Wings, nach deren Ende komponierte er mit Stevie Wonder, Michael Jackson, Eric Stewart von 10cc, Elvis Costello, Adele-Produzent Paul Epworth und zuletzt gar mit Kanye West, zudem tüftelte er mit Youth, den Super Furry Animals und Freelance Hellraiser im Studio an Remixen, Improvisationen und elektronischer Musik. Der Mann, der seit den letzten Beatlestagen gern als egomanischer Kontrollfreak dargestellt wird, liebt anscheinend den kreativen Austausch.

Am ersten Tag der Aufnahmen mit dem 29 Jahre jüngeren Godrich tauchte er mit seiner gesamten Tourband im Studio auf, doch der Produzent schickte alle nach Hause – er wollte McCartney für sich allein, ihn aus seiner sicheren Position inmitten der Musiker holen, die immer genau das spielten, was ihr Boss forderte. Wie auf seinen Alben „McCartney“ (1970) und „McCartney II“ sollte er, wenn möglich, alle Instrumente selbst übernehmen. Godrich ließ sich Demos vorspielen und entschied, ohne Einwände des Künstlers zu akzeptieren, welche Songs für das Album in Frage kamen.

Es habe einige unangenehme Situationen gegeben während der Produktion, erklärte McCartney später, doch der größte Pop-Komponist aller Zeiten, dem eigentlich niemand zu widersprechen traut, nahm Godrichs Expertise an – nur einmal, als der Produzent allzu harsch mit einem Gitarrenpart ins Gericht ging, den McCartney gerade eingespielt hatte, verließ der Künstler verletzt das Studio und kam erst am nächsten Tag zurück. Seit dem Ende der Arbeit mit John Lennon hatte er wohl nicht mehr so viel Kritik einstecken müssen, seit George Martin hatte niemand mehr so viel Sorgfalt eingefordert.

Alleskönner

Spur um Spur legte McCartney im Alleingang hin, spielte Klavier, elektrische und akustische Gitarren, Bass, Schlagzeug, Spinett, Glockenspiel, Harmonium, Wurlitzer, Moog, Gong, Zimbel, Triangel, Zither, Flöte und Cello. Man könnte sagen, so viel McCartney war nie. Und doch hört man am Ende nicht den ganzen McCartney, weil Godrich einige Seiten seiner Persönlichkeit einfach ausgeblendet hat: die Schrulligkeiten, die britische Exzentrik, den Hang zum Albernen, manchmal auch Banalen, das Süßholzraspeln und den Rock’n’Roll. Auf „Chaos And Creation In The Backyard“ erscheint uns Paul McCartney als melancholischer Mann, der zu gut temperierten, melodisch raffinierten Tracks über das Alter, die Liebe, den Tod, das Leben und die Kunst reflektiert. Eine Mischung aus Wolfgang Amadeus Mozart, Brian Eno und Silvia Bovenschen.

Das Album, das den Titel „Chaos And Creation In The Backyard“ trägt, ist eine Art Antithese zu McCartneys rauschhaften, ungezügelten, wahnsinnigen Meisterwerk „Ram“ von 1971. Die Lieder schleichen sich subtil ins Unterbewusstein und entfalten ihre volle Schönheit erst mit der Zeit, das dickensianische „Jenny Wren“ erinnert an Großtaten wie „Blackbird“ und „Calico Sky“, das launige „English Tea“ ein wenig an „For No One“, die Grübelei „At The Mercy“ ist der wohl dunkelste Song, den McCartney je geschrieben hat, „Friends To Go“ eine charmante Reminiszenz an den 2001 verstorbenen Freund George Harrison, „Too Much Rain“ ein ergreifender Nachhall der Trauer über Lindas Tod, die erste Single, „Fine Line“, hat ein schönes ABBA-, der Schlussakkord „Anytime“ ein „People Get Ready“-Klaviermotiv, und „Riding To Vanity Fair“ klingt tatsächlich, als hätte Godrich aus Versehen einen Radiohead-Track aufgelegt.

So viele große Songs hat es mindestens seit „Tug Of War“ von 1982 nicht mehr auf einem McCartney-Album gegeben (nicht auszudenken, wenn die fabelhaften Outtakes „This Loving Game“ und „Growing Up Falling Down“ es auch noch auf die Platte geschafft hätten).

Der kommerzielle Erfolg, den McCartney sich von seinem hippen jungen Produzenten versprochen hatte, blieb allerdings aus. Für sein nächstes Album wechselte er nach 45 Jahren bei der EMI von einer Platten- zu einer Kaffeefirma, engagierte den Produzenten David Kahne, der ein paar Jahre zuvor Wilco bei Warner Music vor die Tür gesetzt hatte, weil ihm „Yankee Hotel Foxtrot“ nicht kommerziell genug erschien, und nahm all die Lieder auf, die Godrich abgelehnt hatte. Das Ergebnis, „Memory Almost Full“,  verkaufte in der ersten Woche doppelt so viele Exemplare wie „Chaos And Creation In The Backyard“. Vielleicht müsste ihm mal jemand sagen, dass es trotzdem das schlechtere Album ist. Aber das traut sich wieder keiner.

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