So war das Berlin Festival 2012: „Are we human or are we panda?“


von

Man kann es nicht anders sagen: Das Berlin Festival hat sich über die Jahre gehörig rausgeputzt. War es in den ersten Tempelhof-Jahren noch ein seltsames Missverhältnis zwischen der wuchtigen Architektur des Flughafens, der kargen Weite des Rollfelds und den wie verstreut wirkenden oder in den Hangars versteckten Bühnen, fügte sich an diesem Wochenende alles ebenso stimmig wie eindrucksvoll zusammen. Die Hauptbühne bekam links und rechts Tragflächen verpasst, zwei liebevoll mit Pflanzen und Palmen umstellte Rosinenbomber stellten die Kulisse für gemütliche Sitzecken, der Info-Screen samt Twitter-Wall kam in Tower-Optik, junge Menschen in Stewardessen- oder Flugbegleiter-Outfit rollkofferten über das Gelände und verteilten das Magazin zum Festival und der Zugang zum Festival erfolgte durch die große Abfertigungshalle, in der man sich ja immer ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt fühlt. Die große Stärke des Festials ist jedoch nach wie vor dieser enstpannte Flow an Menschen und Klängen, der sich ergibt, wenn man immer am Hangardach entlang von Bühne zu Bühne streift – ohne sich dabei groß in die Quere zu kommen, weil das Flugfeld dann doch recht großzügig eingezäunt ist. Ein kleines Manko blieb die „Abfertigung“ beim Einlass, die gerade zur Rush Hour mal wieder recht zeitaufwendig ausfiel und den ein oder anderen anfangs ein wenig vergraulte. Und auch der Sound bleibt bisweilen ein tückisches Thema – hier zeigte sich wohl so manches Mal die Qualität des Tonmanns. Anders kann man sich vielleicht nicht erklären, dass Kate Nash auf der Zippo Encore Stage anfangs unterirdische schepperte und Grimes wenig später mit wuchtigen Bässen hantierte, die einem satt in die Magengrube gingen. Aber der Reihe nach…

Freitag: Nickende Köpfe, triefende Haare, schlagende Herzen

Wer es schaffte, sich am Freitag rechtzeitig von seinen Arbeits- oder Studien-Verpfllichtungen loszueisen, wurde mit entspannten ersten Stunden belohnt. Die isländichen Überflieger Of Monsters And Men sorgten für die ersten „Lalalala“- und „Hey!“-Chöre, die tollen Die Heiterkeit und Clock Opera wirkten zur frühen Stunde fast ein wenig verheitzt und Michael Kiwanuka schmeckte zum ersten Festivalgetränk ganz vorzüglich. Leider konkurrierte er mit Daughter, die ja momenten recht heiß gehandelt wird – und in der tat eine erstaunlich interessante Figur in den Reihen junger Songwriterinnen ist.

Für die richtige Festivaleuphorie sorgten dann zum ersten Mal die Friends, die zwar manchmal ein wenig belanglos an ihren Songs vorbeiklöppeln, aber zumindest das Herzen und Gruppenkuscheln ihres Publikums ziemlich drauf haben. Peinlich wurde es nur, als einer der Herren in der ersten Reihe nicht genug vom Körperkontakt mit Sängerin Samantha Urbani bekommen konnte. Dem hätte Miss Urbani ruhig eine langen können, anstatt sich charmant loszuscharwenzeln. Während Little Dragon zwischen den Tragflächen der Hauptbühne im Anschluss wieder einmal genüsslich ihre Songs zerlegten und neu webten und mit zahlreichen Percussion-Elementen die Menge zum Tanzen brachten, sorgte Kate Nash für eine erste Überraschung. Bei diesem Konzert dürfte sich so mancher erschrocken haben, der sie immer noch im gepunkteten Kleid „Foundations“ singen sieht. Augenscheinlich hat sie Spaß gefunden an dem scheppernden Sound ihrer neuen Band, die sie aus den Reihen ihres „Rock’n’Roll for Girls After-School Music Club“ rekrutiert hat – und zum ersten Mal im Video zu „Under-Estimate The Girl“ präsentierte. Schon damals nannte sie „female artists that aren’t pop“ als neuen Einfluss und warf Bands wie Warpaint und Bratmobile in die Runde. Nach dem krachigen Gig am Freitag könnte man noch Bikini Kill hinfügen, vor denen sie sich recht offensichtlich verneigte. Leider war der Sound an der Bühne so leise und schlecht, dass man so gar nichts von der Energie abbekam, die zweifelsohne in ihrem Vortrag steckte. So rümpften die meisten die Nase und eilten zu anderen Bühne. Und man selber dachte: Verdammt, das möchte ich mir bitte noch mal im AJZ meines Vertrauens anhören!

Erstaunlicherweise hatte Grimes ihren Sound auf der gleichen Bühne ganz gut im Griff. Die wichtigen und wuchtigen Bässe saßen, ihre seltsamschöne Stimme durchwehte den Bühnenebel – und die Optik aus Nieselregen, Nebelschwaden, grünen Scheinwerfern und Laserschwertern auf der Bühne (wenn wir das richtig gesehen haben) ließen einen kurz denken, man wäre durch ein Riss im Raumzeitkontinuum in das Berlin Festival 2095 gestolpert. Zurück in die Jetztzeit, mit ausführlichen Exkursen in die 90er, brachten einen dann Tocotronic, die auf der Bühne ihr 20. Jubiläum ein wenig vorfeierten und von „Freiburg“ aus in die unendlichen Weiten ihrer Setlists aufbrachen. So sahen die Tocotronic-Fans Hits, Hits, Hits – während all jene, die schon immer von dieser Band genervt waren, genau das laustark nüsselnd mit ihren Mitmenschen teilten. Wir gehörten natürlich zur ersten Fraktion…

Um Punkt 21 Uhr wurde einem dann mal wieder mit aller Wucht bewusst, wie schlimm diese Überschneidung sehenswerter Künstler ausfallen kann. Auf der Hauptbühne eines der ja recht seltenen Konzerte von Sigur Rós, auf der Zippo Encore Stage Nicolas Jaar und auf der Hangar 5-Stage Miike Snow? Ja, soll man sich denn zerreißen!? Geht natürlich nicht: Wer sich dann zum Beispiel für Sigur Rós entschieden hatte, wurde mit einem hypnothischen Konzert belohnt. Zwar überdröhnte der Bass die schönen Streicher, aber Jonsis Stimme hielt alles zusammen. Wenn man bei dieser Band im Regen vor der Bühne stand, umspielt vom schönen Licht, das durch den Regen noch mehr funkelte, vergaß man eine Weile lang alles andere – den Regen, den Trubel, den Wind. Herrlich war das – wenn auch ein krasser Kontrast zu dem, was folgte.

Mit dem Ankommen der Killers auf der Hauptbühne wurde einem mal wieder bewusst, wie groß das Festival mittlerweile geworden ist. Man kann sie ja lieben oder hassen – es bleibt dabei: Eine Band in der Größenordnung ist eine Ansage, wo man mit diesem Festival noch hinwill. Die Killers machten natürlich nicht mehr, als sie immer tun: Mit professioneller Leidenschaft ihre übergroßen Stadionhits runterzuspielen. Dabei zünden vor allem noch die Hits, die noch nicht so offensichtlich auf das große Publikum zugeschnitten waren, wie „Mr. Brightside“ oder „All The Things That I’ve Done“ vom ersten Album. Von „Battle Born“ gab es noch nicht soviel zu hören. Immer starteten sie mit „Runaways“ – und spielten später das cheesy größenwahnsinnige „Atomic Bomb“. Ein Song, den man wohl eine Powerballade nennen muss, der aber ganz gut den Reiz der Killers bewies. Man schämt sich einerseits in Grund und Boden und findet es auf der anderen Seite dennoch verflucht unterhaltsam. War das einer dieser in letzter Zeit so oft zitierten „Leider geil“-Momente? Zum optischen Aufpimpen gab es dabei per Leinwand zahlreiche Videos und Visualelemente, die manches Mal auch die Grenzen des guten Geschmacks hinter sich ließen – zum Beispiel als das ja eh schon recht dicht an den Flippers angelehnte „Human“ auch noch mit vier schlagenden, digitalen Herzen untermalt wurde, die aussahen, als hätte man sie aus der Emoticon-Palette eines 90er-Jahre Online-Forums kopiert. Hätte man am Ende vielleicht doch eher Orbital oder den Länder- und Genresprengenden Major Lazer supporten sollen?

Samstag: Von Pandas und Hipstern

Am Samstag bekam das Berlin Festival dann endlich das Wetter, das es verdiente. Nach anfänglichem Regen brach langsam die Sonne durch und die Sonnenbrille machte Sinn. Wer nicht zu lange beim Club XBerg versumpft war, der mit Metronomy, Crookers und dem Hercules And Love Affair Soundsystem formidabel besetzt war, fand sich um drei vor der Hauptbühne ein, um mal zu checken, was es dann mit diesem Chart-Panda Cro so auf sich hat. Tja, und da kann man mal zitieren, was eine junge Dame auf die Facebook-Seite des Berlin Festivals geschrieben hat: „Cro dissen ist irgendwie genau so peinlich wie Cro sein.“ Der junge Mann mit der Pandamaske schluffte mit Skinny-Jeans und recht cooler Batman-Jeansjacke über die Bühne und rappte seine fluffigen Songs souverän runter. Nur zwischen den Songs wurde es dann immer wieder unfreiwillig komisch. Zum Beispiel als Cro mit dem ihm eigenen nasalen Tonfall forderte: „Alle die Hände hoch, die so fühlen wie ich!“ Das sieht jetzt geschrieben recht unspektakulär aus, zugegeben. Aber wer dabei war, der hatte die erste „Switch Reloaded“-Verarsche von Cro vor seinem inneren Auge ablaufen. Das wurde auch nicht besser, als er dann rief: „Hey, macht mal alle so wie Pandas machen!“. Und als es dann etwas unsicher aus dem Publikum grummelte, nachlegte: „Hey, machen so etwa Pandas?“ Nö, machten sie nicht. Aber man sich selbst vor Lachen bald in die Hosen. Dennoch: Seine Fans hater und die waren auch vor der Bühne aktiv. Als er forderte, ein Kleidungsstück abzulegen und dies durch die Luft zu schwenken, war das Ergebnis jedenfalls ein super Fotomotiv. Sehr schön war der Kommentar eines jungen Mannes, der danach beide Abende des Berlin Festival kongenial zusammenbrachte und sang: „Are we human or are we panda?“ Sehr schön: Brandon Flowers und Cro hätten ihre Freude an diese Hommage gehabt.

Leider zu wenig Publikum hatte der schon von uns im Vorfeld empfohlene Jamie N Commons, bei dem man jetzt schon eine ganze Weile auf ein Album wartet. Zwar ist der Überraschungseffekt inzwischen verflogen, wenn der Anfang 20jährige den ersten Song mit der Stimme eines 76jährigen Blues-Sängers singt, der sich 60 Jahre lang die Stimmbänder fit gesoffen hat, aber Songs wie das schon länger bekannte „The Preacher“ haben schon eine beeindruckende Kraft in sich. Charmant und extravagant gekleidet zeigte sich Kimbra, die man ja aus dem Überhit von Gotye kennt und die seit einigen Wochen auch ihr Album draußen hat. Auf der Hauptbühne versammelten sich derweil das Kollektiv Bonaparte, über dessen Sänger Kollege Jens Balzer in der Berliner Zeitung schrieb: „Tobias Jundt, erschien zum Konzert seiner Band Bonaparte als camouflagefarbener Busch und erwies sich damit als best angezogener Musiker des Wochenendes“. Das können wir bestätigen. In ihrem Set war auch noch Platz für eine Protestaktion gegen die Inhaftierung der Band Pussy Riot. Wem das alle zu bunt und zu scheppernd war, der konnte sich von First Aid Kit in den Sonnenuntergang säuseln lassen. Die beiden talentierten Söderberg-Schwestern zeigten recht eindrucksvoll, was dabei rauskommt, wenn junge Mädchen Papis Plattensammlung verfallen. Es spricht für Klara und Johanna, dass Songs von Paul Simon und Johnny Cash auch in ihrem Jungmädchen-Gewand funktionieren.

Kraftklub, die ein erstaunlich großes Publikum vor die Haupbtühne zogen, sorgten dann für einen schönen Moment der Selbstentlarvung. Felix Kummer fragte ins Publikum: „Sind hier Hipster da? Jeder Hipster macht bitte mal die Arme hoch!“ Das Ergebnis: Drei Hipster melden sich. Kummer weiter: „Und jetzt: Bitte alle die Arme hoch, die einen Hipster sehen!“ Das Ergebnis: 10.000 Hände gehen hooooch… Leider fiel auch bei diesem Set wieder auf, dass Kraftklub in Sachen Wortwitz und Schlagfertigkeit in der Königsklasse der Festivalunterhaltung spielen – ihre Songs aber auf Langstrecke ein wenig einförmig geraten sind.

Während Sizarr auf der Zippo Encore Stage bewiesen, dass sie zu Recht als „File under: Vielversprechender Newcomer“ rangieren und die Friendly Fires endlich am Hangar 5 eingesehen haben, dass es ihnen gut tut, ohne Saxophonschleim ihre Songs zu performen, kam auf der Hauptbühne die große Stunde von Franz Ferdinand. Was erstmal überraschte, denn so richtig auf dem Zettel hatte man die Herren ja nicht mehr seit ihrem letzten Album. Dennoch waren fast mehr Leute als bei den Killers vor der Hauptbühne und feierten altbewährtes und neueres gleichermaßen. Hatte man ja fast vergessen, dass die stets gut gekleideten Herren um Alex Kapranos dem Indierock einst einen ganzen neuen Hüftschwung verpasst hatten. Paul Kalkbrenner machte schließlich die Hauptbühne dicht – und die Meute davor munter. Wobei es nach wie vor ein Rätsel bleibt, wie er denn mit seinem bisweilen minimalistischen Beatgebrutzel solch ein Mainstream-Durchstarter werden konnte. Dann doch lieber ein paar Minuten der Soundtracks Of Our Lives, die es bald nicht mehr geben wird – und vor allem SBTRKT, die man von Anfang an dem Paule hätte vorziehen sollen.

Tja – und dann waren die zwei Tage Berlin Festival schon wieder vorbei – zumindest der Teil auf dem Tempelhofer Flugfeld. Während im Club XBerg noch die tollen Light Asylum und die routinierten Junior Boys aufspielten oder aber die mächtigen Simian Mobile Disco grölte man selbst sich noch ein wenig in der Silent Disco munter, die für obskure Momente auf der Tanzfläche sorgten. Und dann stand er an: Der letzte Blick auf das so eindrucksvoll illuminierte Rollfeld, der Gang durch die Abfertigungshalle und schließlich der Landeanflug auf das eigene Bett, das natürlich ebenfalls ein großer Pluspunkt dieser Veranstaltung ist.

So wurde es ein rundum gelungenes Wochenende – und ein toller Abschluss der Freiluft-Festival-Saison. 

Wobei: Wir feiern dann eben Indoor weiter. Beim Reeperbahn Festival und natürlich beim Weekender…