So war die Abschlussfeier von Olympia 2012: Bronze für die britische Popmusik


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Die Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2012 am gestrigen Abend in London war eigentlich eher eine bombastische Ausgabe von Top Of The Pops. Aber so war es ja auch angekündigt – nicht umsonst hat Choreograph Kim Gavin die Show „A Symphony of British Music“ genannt. Und da die Briten bekanntlich vor allem auf dem Feld der Popmusik punkten können, gab es davon zuhauf.

Es wurde viel spekuliert über das endgültige Line-up der Veranstaltung, große Überraschungen blieben jedoch aus: Kate Bush gab es nur vom Band, die Rolling Stones hatten frühzeitig abgesagt und Coldplay spielen erst bei der Abschlussfeier der Paralympics.

Sebastian Coe, Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele, hat kurz vor Beginn der Show um 21 Uhr Ortszeit verkündet: Man wolle „nicht verzweifelt auf tiefgründig machen. Das Motto lautet Party, Party, Party! Es wird ganz groß.“ Und das „groß“ sei noch eine kleine Untertreibung.

Nun ja: Groß und unterhaltsam wurde es, wobei man schon sagen muss, das Gavins Inszenierung im Vergleich zu Danny Boyles Eröffnungssause eher bieder war, und auch musikalisch zu oft dem unangenehmen Teil des Popmainstreams frönte. Musste man zum Beispiel wirklich den pickelfreien Jungs von One Direction eine Plattform geben? Das X Factor-Gezücht mag ein kommerzieller Erfolg sein, aber ihr gesichtsloser Boygroup-Pop 2.0 bekam hier eindeutig zuviel Ehrung. Auch Jessie J., die ja eh nur innerhalb der Landesgrenzen als Popstar funktioniert, war eher Ärgernis als Bereicherung. Ihre farblose Stimme, die ab einer gewissen Tonhöhe nur mit Effektkrücken aufrecht gehalten wird, war an diesem Abend ebenso blass wie ihr fleischfarbendes Outfit, das an Britney Spears zu ihren schlimmsten Zeiten erinnerte – oder an Sarah Connors ersten Besuch bei „Wetten, dass…?“ im Jahr 2002, über den sie später in einem Bild-Interview sagte: „Dieses Kleid! Das Kleid sah einfach besch… aus!“

Aber Jessie J. scheint die richtigen Leute zu kennen: Sie sang nicht nur ihren „Hit“ „Price Tag“, sondern durfte auch Taio Cruz und Tinie Tempah dabei helfen, „You Should Be Dancing“ von den Bee Gees zu schänden. Ähnlich grausam wurde es zum großen Finale: „We Will Rock You“ vorgetragen von Brian May, Roger Taylor und Jessie J. – das hat die Musikwelt weder gebraucht noch verdient.

Aber es war nicht alles schlecht und schlimm – im Gegenteil. Schon der Anfang geriet sehr munter. Während im Innenraum des olympischen Stadions die britische Rush Hour, bzw. eine geschönte Version davon, vorgeführt wurde, spielten Madness auf einem Lastwagen „Our House“, umgeben von hunderten Tänzern die zum Beispiel den Madness-Gang vom „One Step Beyond…“-Cover interpretierten. Kurz darauf enterten die  futuristisch bemützten Pet Shop Boys das Stadion, um die „West End Girls“ zu besingen.

Ray Davies gab sich ebenfalls erneut dem Lokalpatriotismus hin, stieg herrschaftlich aus einer Limousine und besang den „Waterloo Sunset“. Hier hätte man sich vielleicht ein paar Dutzend Turner und Tänzer weniger gewünscht.

Um halb elf hatte Emeli Sandé bereits ihren zweiten Auftritt des Abends – und man fragte sich erneut, was denn eigentlich passiert ist, dass diese Dame von Olympia so hofiert wird. Die Stimme kann was, ok, aber auch hier vermisst man irgendwie die eigene Note, die man bisher nur bei ihrem Haarschnitt findet.

Sehr schön geriet dann der Einzug der Sportler in das Stadion – vor allem weil hier Elbow zu ihrem großen Einsatz kamen. Man hatte ja schon lange das Gefühl „One Day Like This“ sei in erster Linie für Großfestivals, Stadionkonzerte und Olympia-Zeremonien geschrieben worden – was vielleicht daran liegt, dass man gefühlte 50 Prozent des Songs nur den Refrain singt – hier erlebte man die letzte Bestätigung dieser These. Während die 80.000 im Stadion sangen „Throw those curtains wide! /One day like this a year’d you see me right!“, strömten die Sportler aus allen Eingängen ins Stadion – viele direkt durch das Publikum.

Der groß angekündigte Performance-Teil, bei dem auch die schon gedissten Jessie J.-Auftritte zu erleben waren, begann mit einem „Bohemian Rhapsody“-Einspieler, gefolgt von „Imagine“ vorgetragen von zwei Kinderchören und begleitet von nie gezeigten Lennon-Videobildern, die Yoko Ono persönlich freigegeben hat.

George Michael durfte gleich zwei Songs singen: In schwarzer Ledermontur mit silberner Totenkopf-Schnalle sang er „Freedom“ und einen neuen, nicht sehr guten Song namens „White Light“. Die Kaiser Chiefs ließen sich von einer Scooter-fahrenden Mods-Flotte begleiten und spielten „Pinball Wizard“ von The Who. „I Predict A Riot“ wäre ja auch ein wenig unpassend gewesen…

Annie Lennox sang „Little Bird“, bevor dann Ed Sheeran für einen zumindest aus musikhistorischer Sicht interessanten Auftritt sorgte. Er sang „Wish You Were Here“ von Pink Floyd. Eingeleitet wurde der Auftritt von einer Performance, die das Cover des legendären Albums nachstellte. Zwei Geschäftsleute reichten sich auf einem Drahtseil die Hände und gingen dann in Flammen auf, bevor sich Sheeran mit einer gar seltsamen Altstar-Versammlung an das Cover machte. Pink Floyd wurden lediglich vom Ex-Drummer Nick Mason vertreten. Sonst waren dabei: Richard Jones von The Feeling und Genesis-Gründer Mike Rutherford.

Erfreulich auch das unerwartete Auftauchen von Fatboy Slim, der sich mit „Right Here, Right Now“ und dem „Rockefeller Skank“ in Erinnerung rief, bevor der unsägliche Jessie J.-, Tinie Tempah- und Taio Cruz-Block folgte.

Aber dann: die Spice Girls. Und man fragte sich erneut, warum es denn immer wieder so eine Sensation sein soll, wenn die einst zerstrittenen Damen sich mal wieder – jedesmal zum letzten Mal – zusammenraufen. Sie spielten allein und zusammen tanzend „Spice Up Your Life – und wenn man sich die freudlos runtergeturnt und roboterhaft durchlächelte Performance so anschaute, wünschte man ihnen von Herzen, dass sie bald wieder ein wenig mehr Würze in ihrem Leben haben.

Auch wenn die Feier sogar die Spice Girls wieder zusammenbekam – die Gallagher-Brüder sind nicht so leicht zu ködern. Da Beady Eye unter uns gesagt ja kaum nachhaltig wirkende Songs vorgelegt haben, spielten sie eben einen der größten Oasis-Hits – nämlich „Wonderwall“. 1:0 für Liam möchte man da sagen. Andererseits: Wenn man immer sieht, wie Noel auf Festivals mit „Don’t Look Back In Anger“ abräumt, könnte man sich vielleicht doch auf ein unentschieden einigen.

Eric Idle nutzte seinen Auftritt leider nicht, um mit seinem mit vielen „Fucks“ vollgepackten „FCC Song“ die Live-Übertragungen zu sabotieren, sondern um das unvermeidliche „Always Look on the Bright Side Of Life“ zu singen. Der Song-Marathon endete mit Muse und „Survival“ bevor Brian May und Roger Taylor „Brighton Rock“ anspielten – begleitet von Mercury als Hologramm. So weit so nostalgisch, aber dann gab es eben den Rausschmeißer mit „We Will Rock You“ und Jessie J. – der wie schon erwähnt, eher zum Abgewöhnen war.

Die letzten Performances gab es dann erst, nachdem Jacques Rogge seine Rede geschwungen hatte und das Olympische Feuer in London gelöscht wurde. Take That abzüglich Robbie Willams sangen „Rule The World“ – souverän und sympathisch. Aber mehr auch nicht.

Zum großen Finale dann The Who – und da hatte man da so manchen mauen Act vergessen. Sie spielten „Baba O’Riley“ und ein Medley – während ein feierliches Feuerwerk die Show entgültig beendete.