Social Distortion: Mike Ness im Interview und der Clip zu „Machine Gun Blues“


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Amerika.1934. Al Capone mag zu dieser Zeit schon im Knast in Alcatraz gesessen haben, aber Mike „Sick Boy“ Ness und seine Gang sind mitten drin im Ganggeschäft – bis bei einem Bankraub alles aus dem Ruder zu Laufen scheint. Ein Setting, wie es nicht besser zu Social Distortion passen könnte. Es stammt aus dem Video zu „Machine Gun Blues“, der ersten Single, des im Januar erschienenen Albums „Hard Times And Nursery Rhmyes“.

Mike Ness hat sich den Clip, der schon eher ein Kurzfilm ist, augenscheinlich etwas kosten lassen. Wie bereits berichtet, gab es eine Premierenfeier mit Konzert im Anschluss. Hier nun das Ergebnis der aufwendigen Dreharbeiten. Nach dem Clip zu „Machine Gun Blues“ gibt es noch einmal unser Interview mit Mike Ness, das Wolfgang Doebeling zum Release des letzten Albums mit Mike Ness führte.

 

Mike Ness trägt Bart und Ballonmütze, Beatnik-style. Ausgebeulte Hosen, weites Hemd. „Bequemes Zeug halt“, murrt er defensiv und wohl schon ein wenig müde von lästigen Promo-Geplänkeln, „ich muss ja heute nicht mehr auf die Bühne.“ Backstage, in der Berliner Columbiahalle, vor Jahren, hatte er in der Tat einen anderen Eindruck vermittelt: überdreht, hitzig, konfrontativ. „Klar, nach einem Konzert bist du hellwach, mal abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnern kann, was ich damals intus hatte.“

Ness gähnt, verschränkt die Hände hinterm Kopf und lehnt sich zurück. Es entbehre nicht einer gewissen Komik, wundert er sich lächelnd, dass gemeinhin von ihm erwartet werde, allzeit Punk-Insignien zur Schau zu stellen oder wenigstens neue Tattoos. Am 3. April wird Mike Ness 49
Jahre alt.

Punk war vorgestern, das offenbart auch das neue Album seiner Band Social Distortion titels „Hard Times And Nursery Rhymes“, das genauso gediegen in die Breite rockt wie die Vorgänger-LP „Sex, Love And Rock’n’Roll“ vor sieben Jahren. Ness wehrt ab. „Schon möglich, dass da zunächst die Ähnlichkeiten auffallen“, konzediert er, „aber wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir unseren Stil nicht mehr jedes Mal in Frage stellen müssen, wenn wir ins Studio gehen. Umso wichtiger nehmen wir die Songs und die klanglichen Aspekte. Wir haben daher diesmal alles analog aufgenommen und keinerlei Kompromisse mehr gemacht. Das kostet ein wenig mehr Zeit und erfordert mehr Aufmerksamkeit, lohnt aber jeden Aufwand.“

Eine späte Erkenntnis und etwas rätselhafte Entwicklung, bedenkt man, dass sie mit ihrem eigenen Label Time Bomb doch autonom waren und also nicht zum Gebrauch digitaler Technik gezwungen wurden, während das neue Label Epitaph genau kalkulieren muss. „Ja, es klingt widersprüchlich“, pflichtet Ness bei, „aber wenn du alles selbst machen musst, von der Herstellung bis zur Vermarktung, läufst du Gefahr, das Wesentliche aus dem Blickfeld zu verlieren: die Musik. Jetzt haben wir nicht mehr die ganze Logistik am Hals, sondern eine Arbeitsteilung, die es erlaubt, uns ganz auf die Essenz zu konzentrieren. Und wir wollten ein Album, das klangästhetisch anknüpft an die Rock-Alben der Siebziger, mit all der Dynamik und diesem Reichtum an Klangfarben. Very old school, you know.“

Von Inspiration aus noch früherer Zeit kündet „Alone And Forsaken“ von Hank Williams, das sich Social Distortion auf gewohnt zärtlich-brachiale Weise aneignen. „Einer meiner absoluten Lieblingssongs“, so Mike Ness lapidar, was die Frage aufwirft, warum alle seine musikalischen Heroen aus der Zeit vor seiner Zeit stammen: Johnny Cash, Eddie Cochran, The Rolling Stones. „Weil ich mit dieser Musik aufgewachsen bin“, erklärt das Gegenüber, nun ganz Fan, „weil sie in meinen Adern fließt. Country und Rock’n’Roll hörte ich schon als Baby, mein Vater war ein Redneck und hörte mit Vorliebe Cash und Haggard, meine Mutter war eher liberal und hatte die Smithsonian-Folkways-Sammlung mit der Carter Family, deren Musik mich sehr berührte, und die Stones begleiteten mich durch meine ganze Jugend. In der dritten Klasse hatte ich schon einen ganzen Stapel Stones-Scheiben, meine liebste war damals ,Satanic Majesties Request‘. Und natürlich ihre Blues-Sachen, die mich in Kalifornien mit schwarzer Musik vertraut machten. Die anderen Bands der British Invasion
gaben mir nichts, ich fand sie fade, ihre Musik medioker, nur die Stones hatten diese Magie, in mir unbekannte Gefühle zu wecken. Ihre härteren, wilderen Stücke ebneten dann für mich den Weg zu Punk, zu den Ramones und den Pistols.“

Eine Tradition, in der Mike Ness auch Social Distortion sieht, „nicht mit der Bedeutung der genannten Bands, aber doch hoffentlich im selben Geiste“. Ließe sich der genauer beschreiben? „Nun, schon in meiner frühen Phase als Punk-Rocker verstand ich, dass ich Teil einer Revolte war, nicht im streng politischen Sinne und sicher nicht so bewusst und so militant wie The Clash, aber definitiv auf der selben Seite.“ Rebel without a cause? „Nein, es gab genug Gründe und Gegner. Die Staatsmacht und andere verhasste Autoritäten, mit denen ich ja auch wiederholt aneinandergeriet, wofür ich dann weggesperrt wurde.“ Sein Verhältnis zu den Eltern sei jedoch davor schon zerrüttet gewesen, „worauf ich nicht stolz bin, aber es entstand diese Kluft zwischen uns im Laufe der Jahre, die Gegensätze sind unüberbrückbar. Sie haben nie so recht verstanden, was ich mache.“

Zwei Söhne hat Mike Ness, beide Teenager, beide unbeeindruckt von Daddys wildbewegter Vergangenheit und seiner Reputation als Renegat. Was ist, wenn die mal rebellieren sollten? „Haben sie schon“, grinst der Vater, „mehr als mir lieb ist.“ Und wie fiel die Reaktion des Erziehungsberechtigten aus? „Ich knöpfte sie mir vor und teilte ihnen unmissverständlich mit, dass sie unmöglich gegen mich rebellieren könnten, wo ich doch selbst ein Rebell bin. Mann, das saß, dachte ich, aber sie fanden das irre komisch und lachten mich aus.“