Sounds: mit Maya Jane Coles, Rudimental, The Haxan Cloak und Paul Jebanasam

2013 wird zweifellos als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der aus dem Dubstep erblühte Mainstream-Pop so vielgestaltig und reich war wie nie zuvor. Zum Beispiel wegen Produzentinnen wie Maya Jane Coles: In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Londonerin mit japanischen Wurzeln einen hervorragenden Ruf als DJ erspielt; auf ihrem Debüt „Comfort“ (I/AM/ME) formt sie mit den weich wobbelnden Bässen des Genres und seinen komplex darüber klickernden und klackernden Beats, mit eigenem Gesang und Gastauftritten von Tricky oder Karin Park zwölf zauberhaft melancholische Lieder, zu denen man gleichsam tanzen und traurig sein kann.

In Deutschland noch weithin unbekannt sind Rudimental; in Großbritannien ist das Quartett aus Hackney mit seinem Debütalbum „Home“ (Warner) Anfang Mai aber umgehend auf Platz eins in die Album-Charts eingestiegen. Zu Recht! Denn wie wenige andere Künstler zurzeit versöhnen Rudimental die klanglichen und rhythmischen Innovationen aus 20 Jahren Bassmusik-Avantgarde mit einem staunenswerten melodischen Talent. Harmonisch fein ziselierte Soul-Balladen gelingen ihnen gleichermaßen mühelos wie hinternkickende Dubstep-Beats: und das nicht selten in ein und demselben Stück. Bei ihren Konzerten – im Juli sind Rudimental auf dem Melt Festival erstmals in Deutschland zu sehen – pflegen sie die synthetischen Beats mit Live-Schlagzeug, Bläsersektion und anderem Pipapo aufzupimpen. An den schlechteren Stellen des Albums verdaddeln die Musiker sich in länglichen Elektronik-trifft-Jazz-Spielereien; dann schwebt der ungute Geist von Jazzmatazz und Jamiroquai über den Songs. Weit öfter indes gelingt ihnen eine absolut avancierte und zeitgenössische Art des Songwriting. Man höre, wie sie etwa in dem Stück „Right Here“ unter der Stimme der Londoner Sängerin Foxes unablässlich die Taktarten wechseln, gerade Techno-Beats mit stotternden Dubstep-Synkopen zersetzen und dann wieder zu schön organischen Grooves zurückfinden: fabelhaft! Das Bollernde und das Elegante, das Zackige und das Schwingende sind hier keine Widersprüche mehr; und so, wie die Beats bei aller Hyperkomplexität und scheinbaren Selbstgenügsamkeit doch stets der melodischen Prägnanz der Songs dienen, gewinnen sie selber so etwas wie eine melodische Note.

Während bei Rudimental mithin ein herausragend schlauer Stil-Maximalismus herrscht, treiben The Haxan Cloak und Paul Jebanasam den im Post-Dubstep ja gleichermaßen verbreiteten neuen Gothic-Minimalismus ins Extrem. The Haxan Cloak heißt eigentlich Bobby Krlic und kommt wiederum aus London; sein Debüt „The Haxan Cloak“ hatte er vor zwei Jahren auf dem Avantgarde-Metal-Label Aurora Borealis herausgebracht. Seine  zweite Platte „Excavation“ ist nun bei den Düster-Elektronik-Fachleuten von Tri Angle Records erschienen, aber man sagt nicht zu viel, wenn man sagt, dass die neun Stücke auf der Platte gleichermaßen Doom-Metal-haft zäh rumpeln und brummen, wie sie nach alter Industrial-Art mit schleifender und kreischender Metall-Percussion die unbehaglichsten Beatbilder malen, die man sich vorstellen kann. Paul Jebanasam aus Bristol, der sein Album „ Rites“ auf dem eigenen, unter anderem durch die harschen Techno-Minimalisten von Emptyset bekannten Subtext-Label veröffentlicht hat, treibt die Reduktion freilich noch weiter: Er verzichtet fast völlig auf Beats (und auf Melodien sowieso) und lässt nur ungemein unheimliche Ätherstimmen dunkelbunt effektvoll wehen und flehen. So wird 2013 zweifellos als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der aus dem Dubstep erblühte Underground so vielgestaltig und reich war wie nie zuvor.

Diesmal vorgestellt:

Maya Jane Coles – „Comfort“ ***  1/2

Rudimental – „Home“ **** 1/2

The Haxan Cloak – „Excavation“ ****

Paul Jebanasam – „Rites“ ****


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