Sounds: Räusche und Geräusche von Jens Balzer mit Blood Orange, Kelsey Lu und LSDXOXO

Blood Orange – „Freetown Sound“ ★★★★½

Der Multifunktionsmusiker Devonté Hynes, der heutzutage unter dem Namen Blood Orange auftritt, pflegt seine Identität regelmäßig zu wechseln. In seiner ersten künstlerischen Inkarnation, Mitte der Nullerjahre, nannte er sich Dev „Metal“ Hynes und bot in dem Duo Test Icicles eine Art selbstwidersprüchlich verschlurften Speed Metal für Studenten dar. In seinem nächsten Projekt, Lightspeed Champion, kombinierte er pastoral orchestrierte Hippiefolkminiaturen mit Texten wie „Ich kotze in deinen Mund/ Kotz du auf meine kranke Stirn“, während er sich als Blood Orange ab 2011 einem mit verzerrter Gitarre zünftig begniedelten 80er-Jahre-Funk zuwandte. Auf seinem dritten und bislang besten Blood-Orange-Album pflegt er nun einen slicken, mit schmatzenden Bässen und hechelndem Saxofon bekremten Bekenntnis-R&B, in dem Identitäten und Identitätswechsel als solche zum Gegenstand werden. „Freetown Sound“ handelt von Herkunft und Emanzipation, von Rassismus, Religion und Sexismus, vom Glück und den Qualen des Andersseins. Hynes gelingen die schönsten und herzzerreißendsten Melodien – man höre nur das Duett „Hadron Collider“ mit Nelly Furtado. Zugleich ist er politisch klar und lyrisch anspielungsreich. Vom heiligen Augustinus bis zum HipHop-Feminismus von Missy Elliott reicht die Reihe der historischen Gewährsfiguren. (Domino)

Kelsey – „Lu Church“ ★★★½

Zu den vielen Gästen auf „Freetown Sound“ gehört auch die New Yorker Sängerin und Cellistin Kelsey Lu, die nun auch ihr Solodebüt herausbringt. Auf „Church“ lässt sie über einer dunkel-minimalistisch gewirkten Cellobegleitung, in der die Eigenklänge der Saiten und des Korpus ebenso effektiv genutzt werden wie elektronische Echos, Verdopplungen und Loops, strahlende Melodien erblühen. Mit glockenhellem Sopran singt sie von Selbstverlust, Rausch und dem Sich-Wiederfinden. „I’ve got the Holy Ghost“, heißt es nicht ganz bescheiden, aber gut zutreffend im ersten Stück, „Dreams“. (True Panther)

LSDXOXO – „Fuck Marry Kill“ ★★★★

Vielerlei Heiliger-Geist-Zustände lassen sich in New York auch auf den legendären GHE20G0TH1K-Partys finden. Seit 2009 beglückt uns die DJane und Produzentin Venus X hier mit einem weder stilistisch noch sexuell oder sonst wie festgelegten Mix aus schön finsteren Industrial- und Gothic-Klängen und komplex-polyglotter Tanzmusik aller Art. Nicht zuletzt das bei jungen DJs hierzulande besonders beliebte Zerschreddern von 90er-Jahre-R&B zum Zwecke des Tanzbar-Wieder-Zusammenfügens nahm hier seinen pophistorischen Anfang. Seit Neuestem hat die Reihe nun auch ein eigenes Label. Als Erstes hat darauf der Brooklyner Produzent LSDXOXO ein gleichermaßen splittrigspartanisch instrumentiertes wie sofort hinternkickendes Mixtape mit dem schönen Titel „Fuck Marry Kill“ herausgebracht. (GHE20GOTH1K)


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