Spucke und Schildkröten: Premiere von „Neil Young Journeys“ in Toronto



Eine winzige Kamera war für ein paar Konzerte in der Massey Hall in seiner Heimatstadt Toronto an Neil Youngs Hauptmikrofon positioniert. Mit ihr sollten im Mai dieses Jahres ein paar Aufnahmen gemacht werden, die dem Ausdruck „nah dran und persönlich“ eine neue Bedeutung geben sollten. All das war ein Teil von Jonathan Demmes Plan.

Es gibt ein paar Momente in „Neil Young Journeys“, Demmes dritten Dokumentation über den legendären Rocker nach „Heart of Gold“ (2006) und „Neil Young Trunk Show“ (2008), in denen der Bildausschnitt nur aus Neil Youngs Gesicht – nur aus seiner Nase und seinen Augen – besteht.

„Ich wollte es schaffen, den Betrachter in die Erzählungen von Neils Songs hineinzuziehen, gar mit ihm auf der Bühne zu stehen“, erzählte Demme dem ROLLING STONE einen Tag nach der Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival. „Aufnahmen von Aufritten können nur versuchen, mit dem echten Konzert mitzuhalten – es ist schlichtweg nicht möglich. Aber wir können nah ran gehen und eine emotionalere Version dessen erzählen, was er da oben auf der Bühne macht.“

Für „Journeys“ – der erste Film, der jemals mit 96 kHz (die doppelte Menge an Sounddateien) gedreht wurde – hat Kameramann Declan Quinn sechs von Assistenten betriebene Kameras und fünf Spionagekameras („in der Größe einer Zigarettenschachtel“) arrangiert, um diese One-Man-Show aufzunehmen. Die Konzerte waren der letzte Stopp von Youngs Tour zu seinem von Daniel Lanois produzierten 2010er-Album „Le Noise“ gewesen. Die winzigen Kameras waren für „After The Gold Rush“ und den trällernden neuen Song „Leia“ außerdem an einer Orgel und einem Klavier befestigt gewesen, so dass man Neil Young durch die Instrumente hindurch sehen konnte.

Diese interessanten Blickwinkel zeigen jede Falte im Gesicht des 65-Jährigen – seinen grauen 17.00-Uhr-Schatten, das Loch im Strohhut. Es gibt sogar einen Augenblick, in dem ein Spritzer Spucke auf die Linse tropft und so den Effekt erzeugt, den man sieht, wenn man im Winter gegen eine Fensterscheibe atmet.

„Wir hatten eine Diskussion darüber, nachdem ich darauf gespuckt hatte, und dann hat es angefangen, funky zu werden“, erklärte Young dem Publikum in einer Fragerunde mit Demme nach der Premiere lachend. „Dann haben die Lichter sich geändert und der Tropfen wurde blau. Es wird psychedelisch und ich wiederholte eine Phrase wieder und wieder; die Spucke bewegte sich so (pulsierende Geste).“

„Es sieht aus wie ein 100.000 $ Specialeffekt“, meinte Demme.

Young und Demme kennen sich seit 1993, als der Regisseur gerade an seinem bahnbrechenden Blockbuster „Philadelphia“ über AIDS und Homophobie arbeitete. Young schrieb „Philadelphia“ für den Schluss. Die erste große Kollaboration des Duos war das in Nashvilles Ryman Auditorium aufgenommene „Heart Of Gold“, das Monate täglicher Gespräche verlangte.

„Ich habe ihn einfach sein Ding machen lassen, weil sein Ding einfach großartig ist – und er mich auch hat machen lassen“, erzählte Young in der Fragerunde. „Wir respektieren uns gegenseitig sehr und arbeiten als Team zusammen und kommunizieren viel. Also macht es auch immer Spaß. Es ist auch immer gut. Er liebt Musik, und ich liebe Filme.“

Zusätzlich zu den Konzertaufnahmen gibt es immer wieder Bilder vom Tagesausflug in den Norden Ontarios, beginnend mit Omemee, der Stadt, in der Young aufgewachsen war. Das verleiht der Dokumentation auch seinen Titel. Mit einem geliehenen Ford Crown Victoria, Modell 1956, folgt das Paar Youngs älterem Bruder Bob in seinem 1991er Cadillac Brougham D’Elegance auf eine Reise in die Vergangenheit: Sein früheres Zuhause, Schule (jetzt ein Park), die Coronation Hall, die Scott Young Public School (eine Schule, die nach seinem Vater, einem bekannten Sportjournalisten, benannt wurde) und andere besondere Orte.

„Ich hatte keine Ahnung, wie wir diese Aufnahmen verwenden würden, aber ich hab nachgeschaut und mir fiel auf, dass Omemee gar nicht so weit weg war“, so Demme. „Ich dachte mir, da wir da oben in Toronto, Ontario sein werden, was wird wohl passieren, wenn wir Neil in ein altes Auto setzen und durch seine alte Heimatstadt fahren werden? Was wird er sagen? Wie wird es sich anfühlen? Wie wird es aussehen?“

Während sie fahren, beginnt Young sich an witzige Geschichten zu erinnern: mit Blumenkästen gefüllt mit Gänseblümchen als Hauptdarstellern und zelten im Garten als Handlung. Manche sind jedoch nicht so süß und unschuldig: „Ich glaube, ich habe eine Schildkröte getötet, indem ich ihr einen Feuerwerkskörper in den Arsch gesteckt habe“, sagt er an einem bestimmten Punkt. Er erinnert sich außerdem an Goof Whitney, der Junge, der ihm fünf Cent dafür geben wollte, wenn er Teer aß. „Es ist anfangs etwas herb, aber dann verwandelt es sich in Schokolade“, hatte er dem jungen Young erzählt. Außerdem gab er ihm fünf Cent, wenn er zu einer Dame sagen würde, dass sie einen fetten Hintern habe.

In der Fragerunde fragte ein Mann Young, ob er ihm einen Umschlag von Goof geben dürfe. „Sag ihm einen schönen Gruß, und seinem Bruder auch“, meinte Young. „Das ist der Kerl, der mir dafür Geld gegeben hat, dass ich zu einer Frau gehe und ihr sage, dass sie einen dicken Hintern hat“, erinnerte er das Publikum. „Weiß Gott, was er heute von mir verlangen würde!“

Demme plant, das restliche Material des Trips als Bonusmaterial für eine DVD zu verwenden und ist glücklich, wie sie das Material des Ausflugs in die Konzertaufnahmen „eingewoben haben“: „Neils Songs sind so kraftvoll, da ist es gut sich zwischen ‚Ohio‘ und ‚Down By The River‘ einen Moment lang auszuruhen.“