Steven Van Zandt im Gespräch: Der Consigliere des Rock’n’Roll auf Solo-Pfaden

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Steven Van Zandt im Gespräch: Der Consigliere des Rock’n’Roll auf Solo-Pfaden

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Man kennt Steven Van Zandt in vielen verschiedenen Rollen: Als Consigliere und Gitarrist von Bruce Springsteen in der E Street Band,  als Moderator der Radioshow „Little Steven’s Underground Garage“ oder in seinen TV-Rollen als Silvio Dante im Mafia-Epos „The Sopranos“ und als ehemaligen New Yorker Underboss Frank „The Fixer“ Tagliano alias Giovanni „Johnny“ Henriksen in der Netflix-Serie „Lilyhammer“.

Dass Van Zandt zuletzt als Solo-Künstler in Erscheinung trat, ist allerdings eine Weile her: Sein letztes Album „Born Again Savage“ erschien 1999. Nachdem Springsteen ihm mitteilte, dass 2017 ausnahmsweise keine E-Street-Band-Tournee anstünde, nutzte der 67-Jährige die Gelegenheit und ging mit seiner eigenen Band – Little Steven & The Disciples of Soul – ausgiebig auf Tour. Im Gepäck: das im Mai 2017 erschienene Album „Soulfire“.

Vor seinem Auftritt in der Berliner Columbiahalle gastierte Little Steven im Hard Rock Cafe für ein DJ-Set. ROLLING STONE traf den 67-Jährigen zum Gespräch.

 Sie haben in der Vergangenheit oft andere Künstler produziert, waren auch bei einigen Springsteen-Album Co-Produzent. Wie ist es, sich selbst zu produzieren?(lacht) Normalerweise ist das gar keine gute Idee. Das Allgemeinwissen besagt, dass sich Künstler niemals selbst produzieren sollten. ich glaube, das stimmt generell. Die einzige Ausnahme für diese Regel war Prince, der wirklich ein außergewöhnliches Genie war. Bei mir hat es lange gedauert, bis der Produzent in mir den Künstler in mir produzieren konnte.

Ich trage mindestens zwölf Persönlichkeiten in mir

Was nämlich passiert, wenn der Künstler sich selbst produziert: Er produziert sich von einem Künstler-Standpunkt aus betrachtet. Das ist keine gute Idee – ein Produzent ist schließlich da, um dich von den Abgründen abzuhalten, damit du auf Kurs bleibst mit vernünftigen Parametern.  Ein Produzent sorgt dafür, dass du nicht nur das tust, was du willst, sondern auch das, was du tun solltest. Wenn du dich selbst produziert, gehst du künstlerische Extreme ein. Es wird ein Abenteuer – obwohl das Songwriting eigentlich schon künstlerisches Abenteuer genug sein sollte. Es hat lange gebraucht, bis ich mich selbst so produzieren konnte, wie ich das für andere tat. Dieses Album ist das erste Mal, dass mir das wirklich gelungen ist. Ich hätte von Anfang einen Produzenten haben sollen, der alles auf Kurs hält. Man ist schon in der Kunst und in den Songs kreativ genug, man sollte das nicht auch noch kreativ produzieren – sondern ganz geradlinig, damit man seine Kunst auch gut kommunizieren kann. Es hat also eine Weile gedauert.

Ist es nicht manchmal auch ein Drahtseilakt? Ist Steven Van Zandt, der Musiker, manchmal im Clinch mit Steven Van Zandt, dem Produzenten?
Definitiv. Ich habe sogar zwölf verschiedene Personen in mir. Ich weiß das, weil ich vor zehn Jahren begonnen habe, ein Buch zu schreiben. Ich habe erkannt, dass ich die Charaktere besser mal identifizieren sollte, bevor ich mit dem Buch beginne. Ich fand zwölf grundverschiedene Persönlichkeiten. Dann habe ich aufgehört zu zählen. Ich bin immer der, der zu einem bestimmten Zeitpunkt angemessen ist. Ich bin Produzent – aber von vielen verschiedenen Dingen, Platten, Broadway-Shows, Radio, TV. Damit identifiziere ich mich am meisten: Autor und Produzent. Die anderen Charaktere: Performer, Geschäftsmann … Es gibt in mir drinnen immer Diskussionen.

Ihr letztes Soloalbum erschien vor fast zwei Jahrzehnten.
Ich habe einfach nicht gemerkt, wie viel Zeit verstrichen ist. Man widmet sich neuen Dingen – David Chase, Showrunner der „Sopranos“, hat mich in die mir damals völlig neue Kunst der Schauspielerei eingeführt. Dann kommt etwas Neues, und man konzentriert sich darauf. Es gab viel zu lernen – von Grund auf. Und aus einem Kunsthandwerk wurden plötzlich fünf. Plötzlich schreibe ich eine Show, bin Co-Produzent, schreibe die Musik, bin Musical Supervisor und Regisseur – das waren so viele neue Dinge, die es zu lernen galt. Dann begann Bruce wieder zu touren – und seit der Reunion, 1999 oder so, wurden wir jedes Mal, wenn wir wieder auf Tour gingen, größer. Das und das TV-Ding: Plötzlich waren zwanzig Jahre vergangen.

Das Schlimmste: Ich hatte ja nicht mal vor, nach zwanzig Jahren zurückzukommen. Aber dann war da dieser verrückter Typ, der mich letzten Sommer – wir hatten gerade eine Europatour gespielt – fragte, wann ich denn wieder einmal nach London käme. Ich sagte,  dass ich zu Bill Wymans 80. Geburtstag wieder da wäre – und er meinte: „Hey, das ist in der selben Woche wie mein Blues-Fest. Warum stellst du nicht eine Band zusammen und spielst?“. Aus irgendeinem Grund sagte ich: „Ja, das könnte Spaß machen.“ Ich habe eine Band zusammengestellt und eine Liste von 20 Songs, ein paar Covers. Es ist ein Bluesfestival, also konnte ich ein paar Paul-Butterfield-Sachen spielen. Dazu bekomme ich sonst selten die Möglichkeit: die Butterfield-Sachen mit Bläsern zu hören. Ich wollte etwas The Electric Flag spielen, niemand sonst spielt das. Ein paar Blues-Sachen mit Bläsern, ein paar eigene Songs, Dinge, die ich für andere geschrieben hatte. Die Proben dafür waren eine totale Offenbarung. Es war schockierend, wie toll sich die Songs anhörten. Ich merkte, dass es nichts vergleichbares zu diesen Songs gab, sie wurden zu ihrem eigenen Genre. Dieses Rock-meets-Soul-Ding. Ich war angenehm überrascht, wie toll das klappte.

Ich habe keinen einzigen Hit und toure trotzdem!

Und das hat Sie dazu bewogen, wieder eine neue Platte aufzunehmen?
Es hat sich gleich nach einem Album angefühlt – aber ein ganz Neues konnte ich so schnell nicht schreiben. Also sagte ich, okay, ich mache eine Platte mit Songs, die ich für andere Leute geschrieben hatte – und zum ersten Mal machte ich kein politisches Album. Nachdem sich die politische Atmosphäre so stark verändert hatte, fühlte sich das befreiend an. Lasst uns eine Platte über mich als Songwriter, Sänger, Gitarristen und Produzenten machen. Das hatte ich so nie gemacht – sonst hieß es immer: Politik zuerst. Diesmal kam die Musik zuerst. Es ging alles sehr schnell, wir hatten in sechs Wochen alles beisammen – danach ging es für mich auf Tour nach Australien. Dann entschied Bruce, dass er sich 2017 freinehmen wollte. „Gut“, sagte ich, „dann habe ich die Chance, selbst zu touren und mal wieder mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen“. Und jetzt sind wir hier.

Steven Van Zandt (li.) im Gespräch mit ROLLING-STONE-Autor Markus Brandstetter

Bei „Little Steven & the Soul Disciples“ sind Sie der Bandleader, bei Bruce Springsteen der Consigliere. Was macht Ihnen mehr Spaß – und was ist anstrengender?Das hier ist viel mehr Arbeit, das kann ich Ihnen sagen. Es macht beides Spaß. Mit dieser Band zu spielen ist toll, es sind die besten Musiker New Yorks. Es läuft alles ganz organisch – und es wie eine Art Broadway-Show geworden. Es macht für mich total Sinn, es hat alles diese Botschaft, die mir sehr wichtig ist. Die Musik macht großen Spaß – und ich spiele für ein Publikum, das zu 75 Prozent aus Neugierde kommt. Die meisten Leute kennen vielleicht ein, zwei Stücke. Das ist alles einzigartig – ich glaube, niemand ist bis jetzt ohne einen einzigen Hit getourt. Du brauchst Hits, um zu touren – und ich habe keinen einzigen.

Das Publikum kommt also, weil es neugierig ist, weil sie „Sopranos“-Fans, „Lilyhammer“-Fans oder E-Street-Band-Fans sind. Sie kommen und wir gewinnen sie Stück für Stück. Das ist künstlerisch sehr zufriedenstellend. Ein wichtiges Thema meiner Songs ist Solidarität, dass man die Unterschiede beiseite schiebt und Gemeinsames findet. Wir brauchen diese Konversation jetzt, weil gerade alles in sich zusammenfällt. Die Welt ist gerade in einer sehr gefährlichen Phase.

„Er ist keine Heulsuse“ – Bruce Springsteen und sein Klassiker „Born In The U.S.A.“

Jörg Carstensen
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