
Like, tausend Meter hoch
Weshalb Taylor Swifts Monumental-Dokumentarserie „The End Of An Era“ eine ehrliche Selbstinszenierung ist.
Weil ich bisher in Swiftologie nicht bewandert war, kannte ich Großmutter Marjorie noch nicht. Das Geheimnis von Taylor Swift liegt offenbar in dem Generationsübersprung, wie Mutter Andrea Swift erklärt: Sie habe keinen musikalischen Knochen im Leib und studierte Betriebswirtschaft. Nun wirtschaftet sie in nur einem Betrieb, der Taylor Swift heißt.
Ihre Mutter Marjorie war eine Opernsängerin, die ihre achtjährige Tochter nach Auftritten manchmal fragte, ob sie bei einer
bestimmten Passage weinen musste. Nun muss Andrea bei Auftritten ihrer Tochter weinen.
In einem der bewegendsten Momente von „The End Of An Era“ spielt Taylor einen Trennungssong. „Besonders schön!“, ruft Mutter. „Mutter, es ist ein Trennungssong.“ – „Aber schön, dass du Travis kennengelernt hast.“ – „Mutter, er handelt von einer Trennung.“
„Oh my God! Er ist so süß!“
Mutter Andrea ist ein Fan von Travis Kelce. Es tut ihr noch immer leid, dass ihre Tochter den Footballspieler zunächst nicht
treffen wollte, weil sie vor einem Konzert nicht sprechen will, um ihre Stimme zu schonen. Kelce war ein bisschen traurig. Dann holte Taylor aber Informationen über den Mann bei der Football-Beauftragten der Familie ein. Die rief durchs Telefon: „Oh my God! Er ist so süß!“
Wenn man „Era“ sieht, muss man das bestätigen. Travis Kelce ist süß. Einmal schaut die Swift-Entourage ein Spiel der Kansas City Chiefs auf dem Fernseher in der Garderobe, während die Physiotherapeutin ihre Arbeit macht. „Trav wird von drei Männern bewacht“, sagt jemand fachmännisch. „Weil er gefährlich ist“, sagt Taylor.
Manchmal denkt man während der sechs Episoden dieser Langzeitbeobachtung, dass der ganze Film ironisch ist. Dann wieder denkt man, dass man verrückt wird, wenn der Tänzer Whyley Yoshimura noch länger davon erzählt, dass er
in der Choreografie von „… Ready For It?“ mittanzen wollte, in der es aber nur Tänzerinnen gab. Bis Taylor Swift ihm die Erlaubnis erteilte, an diesem Stück teilzunehmen. „Sie sieht mich nicht nur – sie feiert mich“, sagt der sympathische Tänzer.
Taylor Swift und Sabrina Carpenter
Feiern ist hier allgemein von großer Bedeutung. Enthusiastisch übt Taylor mit akustischer Gitarre „Espresso“ im Duett mit Sabrina Carpenter. Am Tag eines Konzerts in New Orleans ist Carpenter in der Stadt, und Taylor hat sich überlegt, dass die Freundin doch für „Espresso“ auf die Bühne des Stadions kommen könne.
Die beiden inszenieren das als Gespräch am Smartphone: „Da ist lauter Jubel bei dir im Hintergrund.“ – „Ach, hier bei mir ist es auch laut!“ Sabrina kauert unter der Bühne. „Wie schnell kannst du hier sein?“ – „In fünf Sekunden.“ „And the crowd roared“, wie Randy Newman einst sagte.
Einmal fährt Taylor in einem Van durch Indianapolis. Plötzlich erscheint die verspiegelte Fassade eines riesigen Hotelgebäudes. Aber eigentlich ist es gar nicht verspiegelt, denn auf den Fenstern abgebildet ist Taylor Swift mit einer Gitarre. „Manchmal kann ich es nicht glauben. Ich fahre durch Indy, und da bin ich, like, tausend Meter hoch. Und das Komische ist,
dass ich mich manchmal auch so fühle.“
Sie hat, das wusste man schon vor diesem Film, den Musikern und Tänzern der „Eras“-Konzerte eine große Gratifikation bezahlt, insgesamt 197 Millionen Dollar. Nun sieht man, wie einer der Tänzer den Umschlag öffnet – und genau in dem
Moment, als er den Umstehenden die Summe sagt, ertönt ein Piepen. Man hätte es doch gern gewusst.
Mutter Andrea sagt, dass sie jeden neuen Song, den Taylor geschrieben hat, nach fünf Minuten via Smartphone bekommt. Und dass sie dann der einzige Mensch ist, der ihn kennt. Außer Trav vielleicht.