The Beach Boys: So war der Tourauftakt in Tuscon, Arizona


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Ein Blick auf die Hemden im Publikum genügte, um zu merken, dass man auf einer Beach Boys-Show ist: hoher Kragen, kurze Ärmel, Übergröße und von oben bis unten bedruckt mit Palmen, Hibiskus-Pflanzen und Seefahrer-Gerätschaften. An der Bühnenwand standen Surfboards, die wie griechische Säulen den riesigen Videoscreen rahmten. Erst als die Band in der Mitte des zweiten Teils ihres Sets war, stelle Mike Love laut das fest, was das Publikum schon die ganze Zeit gedacht haben musste: „Es, ähm, ist eine Weile her, dass wir alle zusammen auf Tour waren.“

In diesem Jahr werden die Beach Boys 50. Bis zur Grammy Show im Februar hatte Brian Wilson, das Herz der Band, seit 1996 nicht mehr mit den anderen gespielt. Der Tourstart letzte Nacht im Anselmo Valencia Amphitheater in Tucson war, so gesehen, ein Meilenstein. Nicht nur eine Jubiläumsfeierlichkeit, sondern eine öffentliche Versöhnung zwischen Wilson und den übrigen noch lebenden Bandmitgliedern Al Jardine, Bruce Johnston, David Marks und Wilsons Cousin Mike Love.

Wenn man einer Band wie den Beach Boys dabei zusieht, wie sie back-to-back von einem Hit zum nächsten rauschen, merkt man erst wieder, wieviele Hits sie eigentlich haben. In knapp zweieinhalb Stunden spielten sie erstaunliche 42 Songs, viele von ihnen im Medley-Stil, ohne Geplänkel dazwischen. Zwischen dem vertrauten Material – „California Girls,“ „Surfin‘ Safari,“ „Good Vibrations“ – gab es eine gesunde Portion an alten Schätzen und Covern, inklusive „Why Do Fools Fall in Love“ und Phil Spectors „Then He Kissed Me“, das Jardine in „Then I Kissed Her“ umdichtete. Außerdem gab es zwei unheimlich Videoauftritte von Carl und Dennis Wilson, die beide bekanntlich schon vor Jahren verstorben sind. (Dennis sang „Forever“ und Carl „God Only Knows“, ein Song den Brian 1966 zu „Pet Sounds“ für ihn geschrieben hatte). Ungefähr zur Hälfte des zweiten Set-Abschnitts tauchte dann plötzlich was Neues auf: Eine besinnliche Midtempo-Ballade namens „That’s Why God Made The Radio“ – ein Moment der, wie so oft in ihrer Musik, das Jugendliche zum Göttlichen transzendiert. 

Auf der Bühne war Mike Love ein eher zurückhaltender Entertainer, der sich im Rhythmus des Songs vor- und zurückbewegte, bei „Little Honda“ das Geräusch eines Motors intonierte und sich selbst umarmte, als er in „California Girls“ sang: „And the northern girls with the way they kiss, they keep their boyfriends warm at night.“ Brian wirkte mit seiner steinernen Miene seelenruhig und saß auf einer Bank an seinem großen weißen Klavier. „Ladies und Gentlemen, Brian Wilson“, sagte Al Jardine nach „This Whole World“, und in diesem Moment erhob sich das Publikum, um Wilson die Ehre zu erweisen, worauf dieser kurz blinzelte. Love und Wilson waren auf gewisse Weise ja schon immer spirituelle Gegenpole: Brian suchte Trost in seinem Bett „In My Room“ und Mike an den tropischen Stränden von „Kokomo“. Sie sind immer noch das seltsame Paar, das sie schon immer waren, aber es ist ihre Balance – zwischen Brians stiller Sehnsucht und Mikes Unfähigkeit mal keine gute Zeit haben zu wollen -, die die seltsame Chemie dieser Band ausmacht.

Während es einerseits eine Show über Brian Wilson war, sind die Beach Boys andererseits ein hochprofessionelles Unternehmen, das sich auf hochprofessionelle Mitarbeiter verlässt. Zu jeder Zeit waren zwischen sechs und fünfzehn Musiker auf der Bühne, inklusive Multitask-fähigen Saxophonspielern und jemandem, der das Waldhorn in „God Only Knows“, die Mundharmonika in „Heroes And Villains“ oder das Theremin in „Good Vibrations“ spielte. Oh, und singen konnten sie auch alle.

Wenn man bedenkt, dass es der erste Abend einer doch recht bedeutsamen Reunion-Tour war, sah man erstaunlich wenige Sentimentalitäten auf der Bühne. Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Band sich nicht um einander kümmert, sondern vielleicht eher, dass sie sich mehr um das Publikum kümmert. Es gab dennoch Momente – zwischen den Kindheitsfotografien auf der Leinwand und den kurzen Beglückwünschungen, die sie zwischen den Songs austauschten -, in denen man die Wucht ihrer langen gemeinsamen Geschichte spürte. Am Ende von „When I Grow Up (To Be a Man)“ zum Beispiel, schaute Al Jardine auf den Boden, schüttelte den Kopf und lachte. In den 50 Jahren zwischen damals und heute sind sie dann doch irgendwie erwachsen geworden.

Während des gesamten Abends sammelte ein Security-Mitarbeiter ruhig und geduldig die Wasserbälle ein, die durch das Publikum geschossen wurden und ihren Weg zur Bühne fanden. Er sammelte sie hinter einer Box am rechten Bühnenrand. Am Ende des zweiten Sets reichten sie von den Boxen bis zur Leinwand. Zur Zugabe feuerte er sie alle, Ball für Ball, in die Menge zurück.

Setlist:

„Do It Again“

„Catch A Wave“

„Don’t Back Down“

„Surfin‘ Safari“

„Surfer Girl“

„The Little Girl I Once Knew“

„Wendy“

„Then He Kissed Me“ (Phil Spector/The Crystals)

„This Whole World“

„Why Do Fools Fall in Love“ (Frankie Lymon and the Teenagers)

„When I Grow Up (To Be a Man)“

„You’re So Good to Me“

„In Them Old Cottonfields Back Home“

„Be True to Your School“

„Disney Girls“

„Please Let Me Wonder“

„Don’t Worry Baby“

„Little Honda“

„Little Deuce Coupe“

„409“

„Shut Down“

„I Get Around“

„Sloop John B“

„Wouldn’t It Be Nice“

„Forever“

„Sail On Sailor“

„Heroes and Villains“

„In My Room“

„All This Is That“

„God Only Knows“

„That’s Why God Made the Radio“

„California Dreaming“ (The Mamas and the Papas)

„California Girls“

„Dance Dance Dance“

„All Summer Long“

„Help Me Rhonda“

„Rock and Roll Music“ (Chuck Berry)

„Barbara Ann“

„Surfin‘ U.S.A.“

Encore:

„Kokomo“

„Good Vibrations“

„Fun Fun Fun“