The Dears im Interview: Auf der Straße des Zerfalls


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Am 8. April erschien mit „Degeneration Street“ das fünfte Studioalbum von The Dears. Daniel Koch meinte in unserem wöchentlichen Veröffentlichungs-Überblick: „Düsterer, orchestraler Pop aus Kanada ist ja heutzutage hoch im Kurs und kann sogar zum Grammy führen. Ob The Dears davon profitieren werden? Man weiß es nicht. Dabei ist ihre Musik spätestens seit dem 2006er-Album ‚Gang Of Losers’ auch hierzulande in gut informierten Kreisen präsent. Leider meist nur da. Dennoch sind auf dem grandios betitelten ‚Degeneration Street‘ wieder Songs, die sich mit ihrer guten Mische aus Pathos und Pop schnell ins schwermütige Herz spielen: ‚5 Chords‘ zum Beispiel, das schmissig voranstampfend beginnt und im Coldplay’esken Größenwahn ausklingt. Oder ‚Yesteryear‘, das schrottiger produziert auch ein Twee-Pop-Hit sein könnte. Oder der Titelsong, der das Album in Twilight Singers-Manier beendet.

Murray Lightbum, seines Zeichens Sänger und Kopf der Band, ist kein einfacher Zeitgenosse. Ihm eilt der Ruf voraus, ein Perfektionist zu sein, weshalb es bei der seit 1995 bestehenden Band The Dears schon zahlreiche Umbesetzungen gab. Dass der kanadische Sänger noch dazu ein humorvoller Zyniker ist, beweist er in unserem kurzen Interview zum aktuellen Album „Degeneration Street“. Wieviel Wahrheit und wieviel Inszenierung dabei Antwort Nummer Eins enthält, möge bitte jeder für sich selbst bestimmen…

Die Album-Titel, die ihr in der Vergangenheit benutzt habt, haben sich scheinbar alle mit eurer aktuellen Lebenssituation beschäftigt. Der neue Longplayer heißt „Degenration Street“. Was wolltet ihr mit diesem Titel zum Ausdruck bringen?
Unser Universum befindet sich seit 14 Billionen Jahren auf dem Wege zum Untergang. Die Erde ist fünf Billionen Jahre alt, und ich wette 100 Dollar, dass es sie nicht nochmal so lange geben wird. Von dem Moment an, in dem wir geboren werden, steht fest, dass wir als Aschehaufen enden werden. Wir werden wieder zu Staub. Die Straßen, Wege und Brücken in Montreal sind ständig am Bröckeln. Städte werden hochgezogen und werden wieder zerstört. Inmitten eines technologischen Aufschwungs werden unsere Herzen und Seelen zerfressen von Gleichgültigkeit. Unsere Kultur ist nur noch in Fetzen vorhanden, und wir halten uns fest an diesen Fetzen der Würde. Wir brauchen ein Facebook-Profil oder einen Twitter-Account, um uns Selbstbestätigung zu holen und hoffen, dass die Leute „gefällt mir“ klicken oder uns auf Twitter „folgen“. Unternehmen verdienen Billionen über Billionen, indem sie Waffen, Drogen, Kredite, Versicherungen und Mist verkaufen. Kinder verhungern, ganze Familien haben nichts – und es ist nicht einmal ihre Schuld. Kein Wunder, dass die Leute für ein Stück Brot stehlen oder töten. Das ist die Straße, auf der wir alle heutzutage leben – unsere „Degeneration Street“. Manche leben in einer Villa. Manche leben in einer Hütte. Wie auch immer. Aus voller Lunge, bis ans Ende der Zeit heulen The Dears auf, auch wenn niemand dafür bereit ist oder sich darum schert… .

Aha. Äh – nächste Frage: Alternative Bands wie Arcade Fire erlangten kürzlich auch bei einem Mainstream-Publikum Popularität und gewannen überraschend sogar Grammy- und Brit Awards. Glaubst du, dass es einen Richtungswechsel gibt in der so genannten Indie-Rock-Musik? Bewertet Ihr das als positives Zeichen?
Laufen die Lahmen? Sehen die Blinden? Stehen die Toten wieder auf? War „Snooki“ aus „Jersey Shore“ nicht gerade auf dem Cover des amerikanischen Rolling Stone?

Du bist seit 1995 als Musiker und Kopf von The Dears tätig. Was treibt dich an, dich weiterhin kreativ in diesem Gewerbe auszutoben?
Ihr könnt für diese Antwort einfach zurück zur ersten Frage gehen – und meine Antwort hier benutzen. Wirklich. Oder unsere Antwort auf die zweite Frage verwenden.

Wie funktioniert das Songswriting bei Euch? Schreibt Ihr Eure Songs gemeinsam? Und wo gelingt das Schreiben am besten?
Unser Songwriting wird raffinierter – es läuft großartig. Wir sind gefährlich nahe am Zenit unserer Kräfte. Meist arrangieren wir die Songs zusammen, während das Schreiben eher allein und separat erfolgt. Wir schreiben immer dann am besten, wenn wir Licht haben.