TKKG auf Tour: Wie „Das verschollene Zepter von Gizeh“ eine Hörspielgeneration vereint

TKKG führen „Das verschollene Zepter von Gizeh“ live auf – und zeigen, warum die Hörspielserie Generationen verbindet.

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Wir befinden uns im Angesicht der Pyramiden, und vier Freunde jagen dort ihrem nächsten Fall nach. Tarzan, Gaby, Karl und Klößchen sitzen auf Dromedaren und reiten ihrer nächsten Mission entgegen. Dann kommt die Karawane ins Stocken. Gaby liest etwas vor — und schaut verblüfft drein. „Entschuldige, das war ja dein Text!“, sagt sie und reicht Tarzan einen Zettel weiter. Alle vier lachen. Klößchens Kamel bricht zusammen. „Das sind Trampeltiere, keine Dromedare!“, sind seine letzten Worte, bevor er vom Rücken des Tiers kullert.

Wüstenabenteuer mit Humor

Die Dromedare, die Klößchen für Trampeltiere hält, sind zum Glück nicht echt, sondern aus Stoff, überdimensionierte Kuscheltiere. Und die vier Freunde, besser bekannt als TKKG, die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen, sind zwar auf der Suche nach einem ägyptischen Artefakt. Aber „Das verschollene Zepter von Gizeh“ ist ein auf dem gleichnamigen Hörspiel beruhendes Theaterstück, mit dem die TKKG-Sprecher auf Tournee sind und das an diesem Abend in der Berliner Universität der Künste aufgeführt wird. Kleine Pannen wie vertauschte Zettel und Stürze von Kuscheltieren machen jeden Abend andersartig und lebendig; so sieht es auch das Publikum, das so laut lacht wie kaum sonst.

Die TKKG-Rollen übernehmen die Sprecher der Originalbesetzung, Sascha Draeger als Tim, Tobias Diakow als Karl, Manou Lubowski als Klößchen und Rhea Harder-Vennewald als Gaby. Ergänzt wird das Ensemble durch Nic Romm als Erzähler, weitere Sprecherinnen sowie den Geräuschemacher Peter Sandmann, der am Bühnenrand seine Effekte live erzeugt. Auch Kulturkritik wird in TKKG behandelt: „Hier in Ägypten haben sie die Weltwunder gebaut, unsereins ist nur in den Wald gegangen und hat Steine im Kreis aufgestellt.“

Erfolgsserie mit Geschichte

Die „Gizeh“-Reise vor vollen Häusern beweist, wie angesagt die Hörspiel-Bande noch immer ist, deren Abenteuer seit 1981 für das Europa-Label und unter der Regie von Heikedine Körting produziert werden. Nach „Die drei ???“, ebenfalls ein Europa-Produkt und zwei Jahre früher gestartet, sind TKKG die erfolgreichste Hörspielreihe über jugendliche Detektive: 42 Goldene Schallplatten, 14 Millionen verkaufte Bücher sowie 33 Millionen verkaufte Hörspielkassetten und CDs. Bis heute gibt es 247 Episoden. Vom „F-Wort“, den „Fragezeichen“ der „drei ???“ hat sich die von Rolf Kalmuczak unter dem Pseudonym Stefan Wolf geschriebene Serie längst emanzipiert, wenngleich die Hörspiel-Auftritte noch nicht auf riesigen Open-Air-Bühnen stattfinden.

Audiokassetten der Jugend-Hörspielreihe «TKKG», darunter «Das Geiseldrama», «Banditen im Palasthotel», «Verrat im ...

Vor der Aufführung traf ROLLING STONE die Sprecher zum Interview. Sie sind wie viele erwachsene Synchron- oder Hörspielsprecher, die Teenager verkörpern: jung geblieben, im sympathischen Sinne aufgekratzt und ihren Rollen entsprechend mit Sinn für In-Jokes, die nur sie verstehen.

Das Team hinter TKKG

Sie kennen sich lange: Manou „Klößchen“ Lubowski ist seit der ersten Folge dabei, Sascha „Tarzan“ Draeger ebenfalls; Tobias Diakow, der Jüngste, spricht Karl seit Folge 195, Rhea Harder-Vennewald Gaby seit Folge 167. Alle sind natürlich auch als Schauspieler oder Synchronsprecher für andere Hörspiele, Filme oder Serien tätig.

„Wir bekommen uns für ein paar Monate nicht zu Gesicht“, sagt Harder-Vennewald, „dann treffen wir uns in der Hamburger Villa von Heikedine Körting. Wir gehen auf den Dachboden ins Studio und albern wieder herum wie Kinder.“

Humor, Freundschaft und Publikum

Viele Witze gehen auf Kosten des übergewichtigen Willi „Klößchen“ Sauerlich. Ein Reality-Check im Publikum der Universität der Künste zeigt, dass das akzeptiert wird. Niemand denkt an Bodyshaming, obwohl besonders jüngere Generationen als sensibel gegenüber Körperthemen gelten. Und im Publikum sitzen nicht nur Väter der Generation X, die 1981 mit der ersten Episode „Die Jagd nach den Millionendieben“ selbst noch Kinder waren, sondern auch deren eigene Kinder, von denen viele „TKKG“-Shirts tragen. Ein transgenerationales Phänomen in Zeiten von Streaming, Skips, Zerstreuung und vielfältigen Hörspiel-Angeboten.

So gingen TKKG 2025 auf Tournee:

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„Klößchen eckt am meisten an“, sagt Manou Lubowski. „Aber wir leben im Jahr 2026. Mittlerweile sollte doch anerkannt sein, dass jeder so leben darf, wie er möchte.“ Niemand habe das Recht, einen anderen für dessen Körper zu verurteilen. „Klößchen muss sich solchen Fragen wirklich nicht mehr stellen: ‚Warum musst du denn noch so dick sein, musst du denn immer Schokolade essen …‘ Nein, ich mache das, was ich machen möchte!“ Für Lubowski ist Klößchen ein Role Model. „Ich liebe ihn wahnsinnig. Er ruht in sich, löst Konflikte mit Humor und lässt alles an sich abperlen.“

Zusammenhalt und Spielfreude

„Wir dissen ihn ja auch nie“, sagt Karl-Sprecher Tobias Diakow. „Wir sagen: Was du da machst, das ist nicht besonders gesund – aber wir lieben dich. Einer für alle, alle für einen.“

„Genau“, ergänzt Rhea „Gaby“ Harder-Vennewald. „Wir sind die vier Musketiere.“ Man hört das in den Episoden, in den Spontanitäten, im lustigen Dazwischengerede, in den vielen Dialogen, die wie alle Europa-Hörspiele gemeinsam eingesprochen werden, was aus produktionstechnischen Gründen vielleicht nicht immer leichter ist als getrennte Aufnahmen, die anschließend montiert werden – aber authentischer klingt.

Live auf der Bühne

Wie eingespielt TKKG sind, merkt man an den Live-Aufführungen. Anders als im Studio stehen die vier nicht einander gegenüber, sondern in einer Reihe, dem Publikum zugewandt. „Kein Problem“, sagt Sascha Draeger, der Peter Timotheus „Tarzan/Tim“ Carsten seit Folge eins spricht. „Wir würden sofort merken, falls jemand von uns Schwierigkeiten hat. Egal, ob eine Lampe nicht funktioniert, ein Mikrofon den Geist aufgibt oder ich mich mit den Zetteln vertue – das ist alles vollkommen sicher.“

Die Frage nach Routine darf sich bei einer jahrzehntealten Serie stellen, aber nicht nach Langeweile. „Wir sind in der neunten Klasse und haben mehr als 240 Fälle innerhalb eines Schuljahres gelöst“, sagt Diakow. „So etwas ist, glaube ich, relativ selten.“ Draeger ergänzt: „So viel Kriminalität gibt es in keiner Millionenstadt.“

Blick in die Zukunft

Wie also werden TKKG in Zukunft ihre Fälle lösen, und sehen sie Künstliche Intelligenz als Gefahr, Stichwort Ersetzung durch künstliche Stimmen?

„Wir sind doch nicht zu ersetzen“, sagt Rhea Harder-Vennewald. „Unsere Hörer kennen uns seit vielen, vielen Jahren.“ „Und die Leute kennen mittlerweile ja nicht nur unsere Stimmen“, fügt Diakow hinzu. „Das ist das Gute an Social Media, dort können wir unsere Gesichter präsentieren. Wäre KI eine echte Gefahr für uns? Nein, denn wenn wir durch ein Programm ersetzt werden, hätte dieses Programm doch keine echten Fans, die es feiern. Niemand baut eine seelische Verbindung zu KI auf.“

Analog gegen die Beschleunigung

Auf jeden Fall wollen Sascha Draeger, Tobias Diakow, Manou Lubowski und Rhea Harder-Vennewald noch lange als Team weitermachen. „Wir sind der Gegenpol zu den schnellen sozialen Medien“, sagt Draeger. „Wir sind analog und entschleunigen euch. Eltern erzählen uns, dass sie ihren Kindern TKKG-Folgen vorspielen.“ Dann begännen die Kinderaugen zu leuchte: „Und die Kinder steigen dann auch mit ein.“

Christof Bock picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild