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Trash für Millionen: Benjamin von Stuckrad-Barre traf Christoph Schlingensief

Zur aktuellen 200. Ausgabe des ROLLING STONE veröffentlichten wir ein Sonderheft mit den besten Beiträgen aus 17 Jahren. Den vollständigen Inhalt des Sonderhefts finden Sie hier. Zum ersten Todestag von Christoph Schlingensief, der am 21. August 2010 an den Folgen seiner schweren Krebserkrankung starb, haben wir nun noch einmal unseren Text von Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem Archiv geholt.

August 1998. Es waren die letzten Tage der Ära Kohl, Christoph Schlingensief wollte mit einem Heer von Arbeitslosen den Wolfgangsee fluten. Aus heutiger Sicht lässt sich aus unserem Gespräch mit dem Sponti, Mahner, Agent Provocateur eine beklemmende Todesahnung ablesen. Und das zeigt, wie sehr sein wacher Geist in diesem Land fehlt. Schlingensief starb am 21. August 2010.

Hier der Original-Text:

Das Klischee vom wohlbehütet aufgewachsenen Apothekersohn, dessen Schreckensinszenierungen auf Bühne, Leinwand und Bahnhofsterrain gerade auch deshalb so verwirren, weil er ja so nett aussieht, wird ihm noch ewig anhängen, denn auch mit 37 sieht Christoph Schlingensief selbst nach wochenlangem, erschöpfendem Wahlkampf aus wie ein netter Student, der einem im Supermarkt die aus der Tüte gepurzelten Orangen einsammelt. Die Bühne, auf der Schlingensief sein neuestes Stück „Chance 2000 – wähle Dich selbst!“ präsentiert, ist in den Grenzen von 1989 ziemlich groß: 80 Millionen Statisten sind am Start, und der Mehrakter mit offenem Ende, zum Mitmachen für alle, schlägt Wellen bis nach Österreich. Dort wollte Schlingensief am 2. August mit seinen mantragleich dauerzitierten „sechs Millionen bislang unsichtbaren Arbeitslosen“ baden gehen, in genau dem See, an dessen Gestaden der bisherige Kanzler dann just zu Urlauben gedenkt. Aufstand in Österreich, ins Fäustchen lachen in Berlin.

Du wirkst in der letzten Zeit oft ein wenig erleuchtet. Heute eher so ein bisschen erloschen.
Ach, ich habe Hunger, ich habe heute erst ein Hörnchen gegessen, und gleich geht schon die Sonne unter. Und im Moment ist alles durcheinander, wir sind fast pleite. (seufzt) Es herrscht eine große Hysterie, auch wegen dem Sammeln der Unterschriften, außerdem wird gerade entschieden, ob wir als Partei überhaupt zugelassen werden. Da müssen Langfristigkeit des Projekts und auch dessen Ernsthaftigkeit von uns als „Chance 2000“ glaubhaft gemacht werden – nicht so einfach.



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