Tricky: Brown Punk


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Die Haare sind kräftig gewachsen seit dem letzten Album, aber „Vulnerable“ ist ja auch schon fünf Jahre her. Tricky trägt heute an den Seiten ausrasierte Dreadlocks, die er am Hinterkopf zu einer Art Dutt zusammengedreht hat. Der 40-jährige Musiker und Produzent ist von fast professio­neller Freundlichkeit, entschuldigt sich mehrfach für die kleine Verspätung und hat nichts mehr von dem übel gelaunten Querkopf von einst. Tricky möchte heute nicht mehr als grimmiger schwarzer Mann porträtiert werden, als durch die Mühlen rassistischer Klischees gedrehte Entsprechung einer Musik, die in den finstersten Ecken gräbt, wühlt und trommelt, weil es auch dort so etwas wie Schönheit, Gnade und Würde zu entdecken gibt.

„Die Leute halten mich für einen Hardcore-Typen. Aber wenn man mich trifft, bin ich ein ziemlich lustiger Kerl. Ich bin etwas tapsig und nehme mich selber nicht ernst“, behauptet er und betont dabei fast jedes Wort mit einem Ausrufezeichen. Nun ja, der Mann ist ausgesprochen sympathisch, aber ein Spaßvogel ist er ebenso wenig, wie „Knowle West Boy“ ein babyblauäugiges Pop-Album ist. Zum Glück! Knowle West ist das Arme-Leute-Viertel Bristols, in dem Tricky bis zu seinem 15. Geburtstag gelebt hat – inzwischen wohnt er in L.A.. Dass hier nicht die üblichen Rapper-Räuberpistolen erzählt werden, sondern sehr persönliche und bisweilen tragische Geschichten, macht „Knowle West Boy“ zu einem aufregenden und stilistisch ungeheuer vielseitigen Album – vom mit christlichen Motiven aufgeladenen Semi-Folksong „Cross To Bear“, über die Kylie Minogue-Coverversion „Slow“, bis zur rasenden Specials-Hommage „Council Estate“. „Kaum jemand spricht heute über die schlechten Bedingungen, unter denen viele Menschen leben. Niemand tut etwas dagegen, niemand beschwert sich. The Specials haben tolle Musik gemacht, und trotzdem war ihnen klar, dass die Welt voller Probleme steckt.“

„In den Blogs des Internets sieht man den Krieg, sieht, wie Menschen in die Luft gesprengt werden. All die Dinge, die von den TV-Sendern ausgeblendet werden“, schnaubt der bekennende Linke. Die 13 Songs seines zum Teil von Switch (M.I.A., Santogold) co-produzierten Albums sieht Tricky als Rollenspiele und höchst unterschiedliche Facetten einer komplexen Persönlichkeit. Sein sonnigstes Ich zeigt der Künstler beim unwiderstehlich balzenden Duett „C’mon Baby“: „Jeder sagt: Super Single! Aber alle beim Label haben Angst, sie zu herauszubringen – weil ich Tricky bin.“ Der brown punk und Knwole West boy ist zurück, und sein neues Album ist so faszinierend und verwirrend wie seine Person. Lenny Kravitz und Massive Attack können da nicht mithalten.