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Tschö mit Ö

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Erinnert sich noch jemand an Walter Momper, SPD? Fleischmütze, roter Schal, Tempolimit auf der AVUS? Ach ja, und er war auch dabei, als die Mauer fiel. Doch der Spuk dauerte nur zwei Jahre, dann kam der andere Spuk – Eberhard Diepgen, CDU – wieder. Die Regierung zog zurück in die Hauptstadt, und weil das Leben plötzlich so teuer war, ließ sich der Senat bestechen. Deswegen musste Diepgen den Platz Klaus Wowereit überlassen, der nun gerne beschimpft wird. Weil er den Abflug nicht geschafft hat.

Drei Bürgermeister in den vergangenen 30 Jahren Berlin. In dieser Zeit ist, neben Mauerfall, Sparmaßnahmen und gescheiterten Olympiabewerbungen, Gentrifizierung, Gemeinschaftsschule und Mietsteigerungen der städtische Coolness-Faktor ins Unermessliche gewachsen. Was natürlich nur die nach 2000 Zugezogenen behaupten: Altberliner und -innen wissen, dass sie schon immer cool waren, cooler als die Bartträger heute sogar, denn ihre Coolness stand nicht in „Marco Polo“-Reiseführern, und schon gar nicht im „Lonely Planet“. Ihre Coolness war so gut getarnt, dass sie … na ja … sozusagen … nicht ganz so auffiel.

Aber Klaus Wowereit, dem man als Politiker viel, eigentlich alles vorwerfen kann, hatte dieses Potenzial seiner Stadt als Hotspot früh erkannt, und darum von Anfang an eher das Großmaul als den Macher raushängen lassen. Und hat versucht, sich als ältester Vorzeigehipster der Stadt zu behaupten: Queerness ist selbstverständlich, und arm sein ist sexy. Dass man die eigene Partei ruhig richtig reinreiten kann, wenn einen der Hafer sticht, fällt vielleicht etwas raus. Aber andererseits unterstreicht Wowereit so seinen Unterschied zum Parteisoldaten.

Wer auch immer nun der/die/das Regierende in der Hauptstadt verkörpert, wird diese Vermischung von Politik und Image weiterführen, so wenig sie auch inhaltlich aussagen mag. Denn was von Wowereit übrig bleibt, sind neben einer schwächelnden und unbeliebten Berliner SPD, katastrophalen Zuständen für arme, aber sexy Wohnungssuchende und den im unbenutzten Rollfeld versenkten Penunzen, vor allem die auf Leinentaschen und T-Shirts gedruckten Sprüche. Und so eine Leinentasche bleibt bestehen, in Zeiten des Recyclings! Die hängt noch ausgebeult, aber lesbar über Schultern, wenn die SPD längst weg vom Fenster des Roten Rathauses ist! Zudem darf man getrost in Betracht ziehen, dass auch der nächste Bürgermeister den Flughafen nicht aufschließt – angeblich soll der Termin zur definitiven Eröffnung am 12. Dezember, also einen Tag nach der angepeilten Nachfolgerwahl, bekannt gegeben werden. Aber das klappt ja eh nicht. Und wer weiß, wie lange sich so ein schnell hineingewurschtelter SPD-Mensch, den keiner kennt, als Bürgermeister halten kann. Nachher hat der sich schon wieder rausgewurschtelt, bevor ein neuer Aufsichtsrat bestimmt wird. Und kann somit nicht mal mehr mit irgendwelchen Sprüchen zu sexuellen Präferenzen, sondern ausschließlich mit diesem Milliardengrab im kollektiven Gedächtnis bleiben.

Clever wäre jedenfalls, wenn Klaus Wowereit den Flughafenirrsinn in den verbleibenden Wochen seiner Amtszeit noch etwas von sich abschütteln würde, und stattdessen öffentlichkeitswirksame Bonuspunkte sammeln könnte. Etwa, indem er sich schnell ein paar neue, flughafenbezogene Leinentaschenbonmots ausdenkt, die er dann gekonnt in den letzten Pressekonferenzen unter die Leute werfen kann. Etwa: „BER wurde auch nicht an einem Tag erbaut“. Oder „Wer langsam geht, kommt auch zum Ziel“. Oder „Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird aus dem Ei ein Küken“. (Letzterer ist eventuell ein bisschen zu lang für den Taschendruck, aber dafür niedlich.)

Außerdem wartet man momentan noch auf Tipps für den Nachfolger, die aus ominösen, skrupellosen und werbeagenturnahen Politikberaterkreisen veröffentlicht werden könnten. Wahrscheinlich wird dort schon längst an einer Image-Mischung aus dem New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio, der einen coolen Namen und eine enorm coole Familie hat – inklusive Afro (Sohn) und Flesh Tunnel (Tochter) – und einem Berliner Sympathieträger gefeilt. Einer, der die Partyhauptstadt glaubhaft verkörpern kann. Zum Beispiel so einer wie Harald Juhnke. Der hatte ja auch etwas für die Wirtschaft übrig.

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