TV-Ereignis: Ein „Tatort“ wie Tarantino


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Was war da denn los? Dass der „Tatort“, der Deutschen liebste Krimisendung, schon öfter einmal ästhetisch über die Strenge schlägt und mit großem Einsatz von Gebührengeldern versucht, am Sonntagabend auch mal etwas Außergewöhnliches zu liefern, ist nicht neu. Die Münsteraner Ausgabe um Thiel und Börne, gestärkt durch aberwitzigen, zuweilen sogar zynischen Humor, ist gekonnter Slapstick. Der Hamburger „Tatort“ mit Til Schweiger an der Front gibt sich als Actioner. Und aus Frankfurt und München kommen authentische Polizeifilme mit beängstigender Konsequenz.

Aber am Sonntag (12. Oktober) hat der hessische Kriminaleinsatz mit dem schön-schaurigen Titel „Im Schmerz geboren“ einen neuen Höhepunkt im „Tatort“-Genre gesetzt. Als wilde Melange aus Krimi, Actionkracher, Familiendrama, Theater, Oper und Zitatekino, das sich unermüdlich an Vorbildern wie Leone, Truffaut und vor allem Tarantino abarbeitet, begeisterten in den Hauptrollen Ulrich Tukur und Ulrich Matthes, zwei der auffälligsten Schauspieler in diesem Land, durch nuanciertes Spiel.

Schon die erste Szene macht klar, dass es sich hier um ein fiktionales Spiel im Geiste Shakespeares handelt. (Die Schlusspointe krönt sie mit einem artifiziellen Grußwort an all die Toten aus diesem irr gewordenen Fernsehstück.) Alexander Held begleitet uns als subtiler Erzähler, der dem Zuschauer tief in die Augen blickt und in poetischen Worten ein unerhörtes Drama ankündigt. Warum versucht sich das Fernsehen nicht häufiger an solchen kleinen Abstechern in die Hochkultur? Dazu spielt das HR-Sinfonieorchester Sibelius und Verdi – ein Kinosoundtrack, nicht weniger.

Die Handlung beginnt wie ein Italo-Western und setzt sich fort als luzide Auseinandersetzung mit dem Bösen: Es ist schon 30 Jahre her, da waren Felix Murot (Ulrich Tukur) und Richard Harloff (Ulrich Matthes) beste Freunde auf der Polizeischule, unglücklich verliebt in die gleiche Frau. Der „Tatort“ zeigt uns das in einer zartrot gefärbten Rückblende, die mit voller Absicht an „Jules und Jim“ von Francois Tuffaut erinnert. Irgendwann trennten sich die Wege der beiden Männer. Harloff verschlug es nach Bolivien, wo ihn Drogen, Waffen und die alltägliche Wirklichkeit einer absurden Gewalt zu verschlingen drohten. Nun ist er zurück in Deutschland – mit seinem Sohn David, der längst das Töten in Perfektion beherrscht. Harloff will Murot herausfordern: „Ich will, dass Murot töten muss, um zu überleben, wie ich töten musste!“ Klar, die Faszination des Bösen – aber Matthes lässt keine Minute zu, dass sein Harloff zur Witzfigur verkommt. Zärtliche Gespräche über Kaffee (Tarantino!), eine Ballerszene in Zeitlupe und mit Comic-Reliefs (Tarantino!!) verbinden sich mit einer niemals langweiligen, immerzu verspielten Erzählung, die als Kammerspiel angelegt ist.

9,29 Millionen Zuschauer verfolgten den ungewöhnlichen, von der Kritik hoch gelobten Ausnahme-Krimi. Sogar das junge Publikum zog mit und versäumte es, auf „Spiderman“ umzuschalten. Manche Zuschauer haben vielleicht gestern zum ersten Mal seit 15 Jahren einen „Tatort“ gesehen – und einige pikierte Gewohnheitstiere seit einer Dekade möglicherweise zum ersten Mal einen Sonntagskrimi bewusst abgeschaltet. Aber hoffentlich gibt es in Zukunft häufiger solche Abstecher ins Absurde und vor allem cineastisch Ausgefeilte. Der hiesigen Fernsehlandschaft, die seit Jahren von einem deutschen „Breaking Bad“ träumt (und es vielleicht in einigen Monaten mit dem geplanten Großprojekt „Berlin Babylon“ geschenkt bekommt), wird es gut tun.

Schon nächste Woche wird dieses Qualitätsfernsehen am Sonntagabend eine Fortsetzung finden: der „Polizeiruf 110: Smoke On The Water“ wurde von Dominik Graf inszeniert. Der Ausnahmeregisseur hat mit der Mini-Reihe „Im Angesicht des Verbrechens“ eigentlich den einzigen größeren und relevanten deutschen Beitrag zur derzeit glänzenden europäischen Serienkost geliefert.