TV-Kritik: „Schimanski: Loverboy“ – ranzige Klischees, beknackter Film


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Was könnte schlimmer sein als das Ende von Schimanski? Dass Schimanski noch nicht zu Ende ist – und man es nicht merkt. Natürlich kann Götz George nach einem Film wie „Loverboy“ nicht Schluss machen. Andererseits müsste er sich nach einem solchen Film verabschieden. Natürlich sind die Budgets kleiner geworden, die Action wurde auf Laufen und Springen reduziert, und Ulrich Mattschoss, Eberhard Feik und Peter Fitz sind nicht mehr da. Aber weshalb schreibt und inszeniert Hajo Gies nicht mehr, warum übernimmt nicht Dominik Graf einen Film oder Roland Suso Richter? Es ist so einsam geworden um George, dass auch „Hänschen“ Chiem van Houwenige als lebendige Reminiszenz verloren wirkt.

Die „Loverboys“ mögen in Holland ein virulentes Problem sein und wurden auch in Deutschland vielfach beschrieben – aber glaubhaft wirkt in dem Film nach Jürgen Werners Drehbuch weder die Verliebtheit noch die spätere Hörigkeit. Muriel Wimmer als 14-Jährige Jessica sieht aus wie 24; Vladimir Burlakov hilft nicht bei den Hausaufgaben; und die Entführung im offenen Sportwagen ist eine vollkommen unlustige Angelegenheit. Wieder einmal wird ein Schimanski-Film nach Rotterdam verlagert, wo die Loverboy-Opfer an den unwahrscheinlichsten Orten auf eine spätere Bestimmung warten: Zugedröhnt und apathisch sitzen sie in ewig dämmerigen und staubigen Zimmern neben irgendwelchen Asylanten und Halbweltsgestalten. Statt freiwilligem Dienst für den Loverboy: Zwangsprostitution im Wachkoma. Und der garstige Liebhaber neuen Stils ist doch bloß der alte Zuhälter und Loddel, der die große Freiheit verspricht und dann kassiert.    

Bei so vielen ranzigen Klischees wirkt auch Schimanski besonders hölzern. Mit dünn-heiserer Stimme wiederholt er, was man allmählich sieht: dass er alt ist und nicht mehr so kann, wie er will. Sein Ex-Kollege Julien Weigend hasst ihn schon mehr als jeden Verbrecher, und auch Hänschen ist schwer genervt von dem Rentner. Anna Loos als sorgenzerfurchte  Mutter muss alle Fakten zum Casus „Loverboy“ aufsagen, damit sie Schimanski und dem Zuschauer vermittelt werden. Sie hat zwar einen Verein für betroffene Familien gegründet und hält Kontakt nach Rotterdam, ist aber in zehn Jahren nicht einmal dorthin gefahren. Kaum ist sie vor Ort, entdeckt sie ihre entführte, wenn auch entrückte Tochter.

Manchmal hilft ja, wenn sonst nichts geht, eine sehr junge oder sehr alte Schauspielerin in einer überraschenden Nebenrolle. Aber die Mädchen tapern nur abwesend herum oder liegen betäubt in der Ecke, und einen knorrigen Gastauftritt gibt es nicht. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Götz George alle überlebt hat. Andererseits war vor zehn Jahren noch einer der besten Schimanski-Filme überhaupt möglich: das Roadmovie mit Christoph Waltz als Variation von „Midnight Run“. Und da war George auch schon alt, und Waltz war Waltz. Wenn Schimanski geht, dann bitte nicht leise in die gute Nacht.  Und bitte nicht mit so einem, ‚tschuldigung: beknackten Film.