TV-Kritik: „Sing meinen Song“ – Die ganze Skala aller Emotionen

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TV-Kritik: „Sing meinen Song“ – Die ganze Skala aller Emotionen

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Der Schauplatz gemahnt an jene wildschönen Landschaften, in denen Bachelorette und Bachelor balzen: die südafrikanische Küste, ein Condo in der Natur, Swimmingpool inbegriffen. Xavier Naidoo lobt „die Lichtverhältnisse, den Strand, das Meer“, das Essen wird auch nicht übel sein. Die lauschige Veranda, auf der die Tauschsänger sich zur Sendung zusammenfinden, hat die Künstlichkeit eines Studios, und es stehen mehr Musiker herum als auf einer Konzertbühne.

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Es tauschen diesmal Naidoo, Hartmut Engler zwei Prinzen, Andreas Bourani, Christina Stürmer und William Fitzsimmons – und zuerst tauschen sie die Songs von Yvonne Catterfeld, die allerdings manchmal Dieter-Bohlen-Songs und ein Xavier-Naidoo-Song sind, was zu dem lustigen Paradox führt, dass Xavier Naidoo ein Lied singt, das er selbst geschrieben hat, und auch erklärt, weshalb er es geschrieben hat (Apartheid).

Yvonne Catterfeld ist das Seelchen des deutschen Befindlichkeitsliedes

In den fünf Minuten des unglaublich ausführlichen Vorspanns ist bereits die gesamte Sendung enthalten, weshalb man umso gespannter darauf ist, wie wohl die Sendung sein wird, die man eben gesehen hat. Die Sendung ist vor allem noch länger, es wird geredet zwichen den Songs, und die Songs sind auch lang, und vor allem ist alles sehr EMOTIONAL. „Die ganze Skala aller Emotionen“ hat Naidoo tautologisch versprochen, und es wird wahrhaft geil abgeliefert: Yvonne Catterfeld ist das Seelchen des deutschen Befindlichkeitsliedes, sie ist „die schauspielernde Sängerin“, so Naidoo, sie kommt einerseits „aus dem Nichts“, ist aber andererseits „das Mädchen aus dem Thüringer Wald, obwohl du ja gar nicht aus dem Thüringer Wald kommst“.

Zeit zum „entbohlen“

Jedenfalls habe sie „ein Riesen-Repertoire“, was insofern verblüfft, als nur zwei Songs bekannt sind, die auch beide gleich gesungen werden: „Für Dich“ (Bourani) und „Du hast mein Herz gebrochen“ in der Schrabbel-Version von William Fitzsimmons, der aber gar nicht William Fitzsimmons ist, sondern Daniel Wirtz, ein „Alternative Rocker“, so Naidoo, der das Stück („Musikalisch nicht meine Baustelle – aber sie ist ein süßes Mädchen“) natürlich kräftig „entbohlen“ musste.

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Weil die frühen und bekannten Songs von Dieter Bohlen stammen, muss sich die Catterfeld von ihenn distanzieren, ohne sich von ihnen zu distanzieren. Auf dem Klo des Tonstudios habe sie aus zehn Bohlen-Kompositionen eine ausgewählt, nämlich „Für dich“, die dann aufgenommen wurde – freilich geradezu Kitsch, wie die Catterfeld findet, die später naturgemäß andere Songs aufnahm, in denen sie sich jetzt erkennt, anders als in „Für dich“, das sie ja nur neben der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sang, in der sie nur mitspielte, um ihr Studium zu finanzieren, woraufhin sie noch fünf Alben aufnahm, aber nicht mehr, um ihr Studium zu finanzieren.

Ich find‘ ja Kitsch ganz gut, ne

„Ich find‘ ja Kitsch ganz gut, ne“, versetzt vom Sofa aus Andreas Bourani, wenn es halt ehrlich empfundener Kitsch sei – und Gott, Andreas Bourani empfindet den Kitsch so ehrlich, dass er keiner mehr ist. „Es ist dann auch kein Kitsch mehr“, sagt Yvonne Catterfeld, was ja heißt, dass „Für dich“ bei ihr noch Kitsch war, aber in Bouranis bebender Interpretation nicht mehr.

Catterfeld gibt zu, dass sie zuletzt 2005 richtige Aufmerksamkeit hatte

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„Fühl‘ dich geehrt, genieße es!“, ruft Xavier Naidoo gönnerhaft, und sie fühlt sich geehrt und genießt es so was von, dass sie bald weinen muss, und zwar, als sie selbst eines ihrer jüngeren Lieder singt. Naidoo insinuiert, sie sei ja sehr lange weg gewesen, obwohl im Jahr 2013 eine Platte erschien, und Catterfeld gibt zu, dass sie zuletzt 2005 richtige Aufmerksamkeit hatte, aber seitdem sei die Musik eben nicht „im Mittelpunkt“ gewesen.

Dagegen habe sie beim Verfassen von „Blau im Blau“ ihre Mitte gespürt, sei in der Mitte gewesen, und Hartmut Engler kennt dieses Gefühl, wenn er auch von „Zufriedenheit“ spricht, während es nur wenige Momente des Glücks gebe. An „Blau im Blau“, das ihn sofort ansprach, hat er einige Änderungen vorgenommen – man denkt, er werde gleich „Korrekturen“ sagen, aber dann belfert er das Lied mit üppigem Damenchor, und es hat gar nichts mehr von der Zartheit, mit der die Catterfeld es gesungen hat, und Blau ist plötzlich eine schreiende Farbe.

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Die beiden Frauen sind das Liebespaar des Abends

„Wir singen alle gern und schön und gut“, findet Engler, der vor allem gern singt, während Christina Stürmer auch gut singt und sich biegsam bewegt und die Catterfeld dabei anschaut. Die beiden Frauen sind das Liebespaar des Abends, obwohl sie sich erst im vergangenen Jahr, bei der Fernseh-Feier zum 80. Geburtstag von Udo Jürgens, kennengelernt haben, weil sie bei „The Dome“ noch aneinander vorbeigingen.

Die Neunziger waren eigentlich die Prinzen

Catterfelds Lesart folgend, nennt Stürmer deren Hits beiläufig „das alte Zeug“. Stürmer kann nicht gut auf Stöckelschuhen gehen, Catterfeld aber kann es. Die Prinzen (Naidoo: „Die Neunziger waren eigentlich die Prinzen“) sitzen auch auf dem Sofa und zeigen, dass die Zehner nicht die Prinzen sind, und William Fitzsimmons, der Daniel Wirtz ist, trinkt Bier aus der Flasche.

Alles gut also. Alle fühlen sich geehrt, sind gerührt von sich selbst und genießen es, wenn sie auch aufgeregt waren, weil sie nicht wussten, ob es Yvonne Catterfeld gefallen würde. Aber wenig hat Yvonne Catterfeld je so gefallen wie dieses Tauschsingen, das darf man wohl sagen.

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Gefühlsbesoffen, empfindsamkeitsduselig, sauer-sentimental

„Und auf einmal kommt jemand um die Ecke und macht was ganz anderes daraus“, behauptet Naidoo über das Prinzip der Sendung. In Wahrheit kommen alle um die Ecke und machen das Gleiche daraus: das gefühlsbesoffene, empfindsamkeitsduselige, sauer-sentimentale Was-macht-das-mit-mir-Gestammel, das heute der einzigmögliche Ausdruck von deutschem Pop-Schlager ist. Sie tauschen, um das zu bekommen, was sie brauchen: Bestätigung.

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