TV-Kritik ‚Tatort‘: Geistesdämmerung am Bodensee

Es ist eine Pflichtübung für den Bodensee-„Tatort“, dass irgend etwas auf dem Wasser passiert: ein Mord oder Selbstmord, der Täter flüchtet, eine Geldübergabe findet statt oder auch nicht, es wird geschmuggelt, versenkt oder entführt. Diesmal schluckt ein Leukämiekranker eine Todespille in einem Auto auf der Fähre zwischen Deutschland und der Schweiz, bedrängt von einer leukämiekranken, erotomanischen Studentin und beobachtet von einem schweizerischen Kommissar, der zunächst mit der jungen Frau auf die Toilette verschwindet und dann Beweise aus dem Fahrzeug des Toten verschwinden lässt.     

„Letzte Tage“ ist der 25. Film mit Eva Mattes als Klara Blum – und wieder einmal wünscht man der Schauspielkünstlerin, sie würde diese Rolle aufgeben. Sie wäre keine Fehlbesetzung, wenn ihre Gestalt mehr Privatleben hätte, wenn die Fälle und die Figuren annähernd realitatsnah wären und nicht so papieren und amateurhaft inszeniert. Roland Koch, immerhin Burgschauspieler, soll als Ermittler mit dem goldigen Namen Matteo Lüthi an Reto Flückiger anknüpfen, der mittlerweile glücklos in Luzern tätig ist – doch zunächst muss er von der Blum verhaftet werden. Die Handschellen, die sie miteinander verbinden, haben die komische Komödie „Midnight Run“ hervorgebracht – hier lenken sie bloß davon ab, dass Lüthi ein Guter ist.

Oliver Wnuk schwäbelt mit niedlicher Schiebermütze als verzweifelter Vater so auffällig gutmenschelnd, dass sofort Tatverdacht besteht. Der hölzerne Blum-Adlatus Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) mimt die Zweifel an seinem Beruf wie im Schülertheater, noch übertroffen von Natalia Rudziewicz als nasenblutender, brünstiger Femme fatale Mia, die den bräsigen Polizisten in einem vollkommen leeren Kinosaal verführt. Ein Pharmazie-Unternehmen in der Schweiz führt natürlich fragwürdige Testreihen durch, denen die letzte Hoffnung der Krebskranken gilt. Und der todkranke Selbstmörder verabschiedet sich noch pathetisch per Videobotschaft von seiner wie entkernt dasitzenden Familie, die dann nicht einmal die Lebensversicherung ausgezahlt bekommt.

Man muss an die Laienspielschar der täglichen Billig-Soaps denken, wenn Sebastian Bezzel einem Arzt unvermittelt Menschenversuche mit Profitmaximierung vorwirft. Mia, die Medizin studiert, um ihr Leiden zu begreifen, werde ihren Abschluss nicht erleben, heißt es pathetisch. Natalia Rudziewicz legt ihre Rolle großäugig-märtyrerhaft als schuldige Unschuld an, so als spielte sie die Elektra. Zum sauren Kitsch kommt hier das Klischee, dass die Todgeweihte als lüsterner Vamp die Polizeibelegschaft vernascht.

Wird Kai Perlmann es verkraften? Oder lässt er sich nach Stuttgart versetzen? Schalten Sie auch beim nächsten Mal nicht wieder ein.


Podcast Freiwillige Filmkontrolle: Das ist dran am „Joker“-Hype

Joaquin Phoenix als Psychopath Joker – müssen wir Angst vor dem Clown haben? Todd Phillips' Comicverfilmung „Joker“ erzählt den Werdegang Arthur Flecks, der vom Straßenclown zum Antagonisten Batmans wird. Sassan Niasseri und Arne Willander über den meistdiskutierten Film des Jahres – und warum Fleck sein Herz nicht unbedingt am „rechten“ Fleck hat. Freiwillige Filmkontrolle – das Podcast-Gespräch über „Joker“: Weiterhören: Once Upon a Time in Hollywood“ und „Apocalypse Now – Final Cut“ „Mindhunter“ und „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ „Der Dunkle Kristall – Ära des Widerstands“: Wer versteht den Puppenklamauk? Rambo 5: Doch, der lohnt sich! „Tschernobyl“ und „The Spy“ 
Weiterlesen
Zur Startseite