Uwe Kopf: „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“

Wer Uwe Kopfs texte aus „Szene Hamburg“ und „Tempo“ kennt oder später seine Sprachkolumne in „Faces“ gelesen hat, die TV-Tipps in der „B.Z.“, die Alltagsbetrachtungen im ROLLING STONE oder irgendwas in einer der mehr als 70 Zeitungen und Zeitschriften, für die er außerdem schrieb, wartet wahrscheinlich schon lange auf ein Buch von ihm. Ich beneide jeden, der jetzt „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ zum ersten Mal lesen darf – machen Sie sich darauf gefasst, dass dieser Roman Sie lange nicht mehr loslassen wird. (Objektivität, die es ohnehin nicht gibt, spare ich mir hier – nicht weil Uwe mein Freund war, sondern weil sein Werk keine Distanz zulässt. Es berührt den Leser so unmittelbar, dass es manchmal kaum auszuhalten ist.)

Uwe Kopf (1956-2017)

Es geht um den Tod, aber viel mehr noch geht es um das Leben. „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ beginnt mit einem Selbstmord. Tom ist 40, seine Idealfrau hat ihn gerade verlassen, sonst hat er nichts, keinen richtigen Beruf, keine Freude, nur Leere und das Gefühl: „Da kommt nichts mehr.“ Er erhängt sich. Vorher blickt er zurück auf die Katastrophen der Kindheit im Hamburger Elendsviertel Berne, ein bisschen Liebe und viele gescheiterte Versuche, einen Platz in der sogenannten Gesellschaft zu finden. Sein Bruder Sören versucht ihm zu helfen, aber oft ist eine Flasche Jever der einzige Trost, der bleibt. Diese Geschichte könnte ein Trauerspiel sein, aber sie stammt ja von Uwe Kopf, der Gedankensprünge macht wie niemand sonst, mit einfachen Worten die größtmögliche Wirkung erzeugen kann und immer mehr sieht als andere Menschen. Deshalb gibt es in der „Raupe“ – neben Ausflügen in die Popmusik und die Philo­sophie – so viele faszinierende Nebenfiguren, auf Minigolfplätzen und in Puffs, an Mutters Küchentisch und in Kneipen, manchmal auch nur in der Fantasie.

Taoismus, Sex, Horrorfilme, Gott

Die Begegnung von Sören und Tom mit Rory Gallagher, die Sie hier lesen, ist weitgehend erfunden und enthält doch mehr Wahrheit als all die Interviews, die den Wortlaut wiedergeben. So ist der ganze Roman: Uwe Kopf erzählt die Geschichte seines Bruders, der 1998 starb, verlässt sich bei der Suche nach der Wahrheit aber nicht nur auf Tatsachen. Zwischendurch wollte er den Titel in „Der Idiot“ ändern, trotz und wegen Dostojewski. In diesem Buch steckt alles, was Uwe ausmachte: sein Herz und seine Wut, seine Direktheit und sein Witz, seine Urteilskraft und Leidenschaft. Es geht um Taoismus, Sex, Horrorfilme, Gott, unter anderem. Und um ein Ungeheuer, das zwei Leben zerstört hat, und eine Mutter, die das nicht verhindert hat, um Sadismus und Solidarität, Kleinbürgertum und Großherzigkeit – es geht um alles.

Uwe Kopf schloss „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ in der Blutmondnacht im September 2015 ab, das Manuskript schickte er mir später unter einer Bedingung: „Du sagst nix“, er wollte keine Kritik hören, Lob noch viel weniger. Das war schwer, denn die Geschichte zerreißt einem das Herz. Sie ist jetzt auch sein Vermächtnis: Uwe starb im Januar 2017 in Hamburg, die letzten Korrekturen mussten wir ohne ihn machen, aber viel zu tun gab es nicht – er bedachte immer jedes Wort und jedes Satzzeichen, das er hinschrieb.

„Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ erscheint am 11. April bei Hoffmann und Campe (320 Seiten, 20 Euro).

Anja Jenkner


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