Väter und Versöhnung: Walter Kohl und Xavier Naidoo im Gespräch


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Es dauert ungefähr vier Sekunden, da sind die beiden per Du: Walter Kohl, Kanzlersohn, Bestsellerautor, einst stolzer Besitzer der ersten selbst gekauften Dire-Straits-LP in seinem Ludwigshafener Gymnasium, und Xavier Naidoo, Deutschlands erfolgreichster Soulsänger aller Zeiten, Ex-Türsteher, früherer Kickboxer und Hausherr in diesem nüchternen Zweckbau am Stadtrand von Mannheim. Hier befindet sich das kleine Musikimperium rund um Naidoo und die Band Söhne Mannheims. Verlag, Management, Probebühnen, alles an einem Ort. In den Studios entstehen Hymnen wie „Alles kann besser werden“, „Dieser Weg“ oder „Das hat die Welt noch nicht gesehen“. Gleich geht es dort für Naidoo weiter mit den letzten Abmischungen für das neue Album der Söhne Mannheims. Zwei Mal die Woche kommt Naidoos 76-jährige Mutter vorbei, kocht für das gesamte Team samt Gästen und schaut, ob alle auch genug geschlafen haben bei der vielen Arbeit. Und wehe, einer raucht! „Wir sind hier eine Familie“, sagt Naidoo. „Dazu gehören auch die Älteren, die uns alle ein bisschen erden.“

Dass seine Familie ihn „geerdet“ hat, kann man von Walter Kohl nicht behaupten. In seinem autobiografischen Buch „Leben oder gelebt werden“ beschreibt der 47-Jährige seine Kindheit im Schatten des Vollblutpolitikers Helmut Kohl, dessen eigentliche Familie die CDU gewesen ist. „Im Grunde habe ich nie in sein Denken gepasst“, heißt es an einer Stelle. Dass Walter so gut wie keine Zuwendung oder gar Wärme von seinem berühmten Vater zuteilwurde, hinderte andere nicht daran, ihn schon zu Grundschulzeiten stellvertretend für dessen Politik zu beschimpfen oder zu verprügeln. Doch das Buch ist keine wütende Abrechnung mit der übermächtigen Vaterfigur geworden, eher eine Art Mutmacher mit großem Trostpotenzial. Anrührend, aber ohne Kitsch erzählt der „Sohn vom Kohl“ von seinen Ängsten, seinen Lebenskrisen und von seinen Selbstmordgedanken nach dem Freitod von Mutter Hannelore. Vor allem aber schreibt er über seinen Weg, sich aus diesem „Opferland“ zu befreien; Passagen, die sich lesen, als hätte Xavier Naidoo den Soundtrack dazu geschrieben.

Mit seinem melodischen Tonfall, seiner massigen Gestalt und dem gelegentlichen Augenzwinkern erinnert der 1,90-Meter-Mann Walter Kohl bisweilen frappierend an seinen Vater. Xavier Naidoo, in Jeans und Kapuzenpullover, spricht leise und sehr konzentriert. Beide waren trotz voller Terminkalender sofort zu diesem Treffen bereit. Vor dem Gespräch verschwinden sie zu zweit erst mal auf dem Balkon. Ein kurzes Kennenlernen, schließlich werden gleich sehr persönliche Themen behandelt. Als sie wieder reinkommen, lächeln die beiden Kurpfälzer Jungs. Man versteht sich auf Anhieb.

Obwohl Sie sich gerade zum ersten Mal getroffen haben, wirken Sie sehr vertraut und drohen auch noch an, in diesem Gespräch nur noch Dialekt zu „babbeln“. Hat das Heimatgefühl so eine verbindende Kraft für Sie?

Walter Kohl: Die Kurpfalz ist meine Heimat, der Speyrer Dom ist mein spiritueller Ort. Wenn ich hier bin, denke ich an die Weinstraße, die Weinfeste, den Pfälzer Wald…

Xavier Naidoo: Da bin ich sofort bildlich bei dir!

Kohl: Die Südpfalz, überhaupt der Südwesten, hier gibt es eine besondere Lebenskultur, eine Einstellung, die auch ein wenig an Frankreich erinnert. Wir liegen im Zentrum Westeuropas mit dem Rhein als Achse, hier verbinden sich Kulturen.

Naidoo: Wir haben vielleicht einen Dialekt, aber wir sind auch wer. Viele Leute hier haben sich immer so unter den Scheffel gestellt. Ich dachte schon in der HipHop-Zeit immer „Representing Mannheim!“, das ist meine Heimat! Und jetzt freue ich mich, wenn ich etwas zurückgeben kann.

Sie beide haben Ihre Heimat für einige Zeit Richtung Amerika verlassen. Als Sie, Herr Kohl, zwischen 1985 und 1992 dort lebten, haben Sie da eigentlich etwas vom Siegeszug der HipHop-Kultur mitgekriegt?

Kohl: Na klar! Man kann nicht Ende der 80er-Jahre in New York leben und das nicht mitbekommen. HipHop war überall in der Stadt. Ich bin allerdings eher ein Hardrock-Fan, Cinderella, Deep Purple zum Beispiel. Aber (wendet sich Xavier Naidoo zu) was mir auch gut gefällt, das ist deine Musik, weil sie so viele Inhalte vermittelt, und das sage ich jetzt nicht, weil du hier sitzt. Das ist ganz wichtig für mich: Musik ist entweder richtig zum Tanzen oder sie ist etwas, was dich innerlich trägt.

Herr Naidoo, in Ihren Liedern erzählen Sie oft von extremen Lebenssituationen, von Trauer oder Krankheit und von Wegen, den Schmerz zu überwinden. Lieder wie „Dieser Weg“, „Halte durch“, „Abschied nehmen“ oder „Alles kann besser werden“ haben für viele Menschen eine beinahe therapeutische Funktion. Was bedeutet Ihnen das?

Naidoo: Bei „Alles kann besser werden“ habe ich die stärksten Reaktionen erlebt. Es kam vor, dass uns Leute erzählten: „Ich habe euren Song gehört, da bin ich wieder vom Stuhl gestiegen, anstatt mich aufzuhängen.“ Vergangenes Jahr kam ein Vater mit seinem autistischen Sohn, der war 17, 18, auf uns zu. Der erzählte, dass sein Sohn Sascha all die Jahre nicht ansprechbar gewesen ist. Seit er immer wieder „Alles kann besser werden“ gehört hat, habe er sich innerhalb kürzester Zeit gewandelt und sei endlich aus sich herausgekommen. Das hat mich extrem bewegt. Das ist ein riesiges Geschenk, dass man an so etwas teilhaben kann.

Kohl: Ich denke, deine Hörer spüren bei dir einfach eine Verbindlichkeit und viel Kraft.

Ihr Buch, Herr Kohl, hat ähnliche Reaktionen ausgelöst wie die Musik von Xavier Naidoo. In Ihren Lesungen sieht man erwachsene Männer, die sich Tränen aus den Augen wischen. Wie gehen Sie mit solchen Reaktionen und dem großen Erfolg des Buchs um?

Kohl: Es ist für mich eine positive Überraschung, dass das Buch sich ganz schnell von dem Thema Nachname abgekoppelt hat. Der Umgang mit den eigenen biografischen Themen tritt zunehmend in den Vordergrund. Ich habe Briefe und Mails bekommen mit teilweise ganz außergewöhnlichen Aussagen. Jemand hat mir auf meine Gästeseite im Internet geschrieben: „Ich habe die Medikamente, die ich für meine Selbsttötung bereitgelegt habe, weggeschmissen. Danke Ihnen für Ihr Buch.“ Für mich ist es schön zu spüren, dass mein Gedanke einer nach innen gerichteten Versöhnung ein Thema ist, das alle Altersklassen, alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Zudem hat das Buch auch für mich selbst eine unglaublich heilende Wirkung erreicht.

Die Lebenswege von Ihnen und Ihrem Vater, Herr Kohl, haben sich getrennt. Sie haben, Stand heute, keinen Kontakt mehr. Auch Sie, Herr Naidoo, hatten eine nicht gerade unkomplizierte Beziehung zu Ihrem Vater.

Naidoo: Mein Vater ist 1992 gestorben. Er war ein Heimkind, hat also nie wirklich Liebe von seinen Eltern bekommen und konnte mir das auch nicht so geben. Er war zuckerkrank, schnell aufbrausend und Schichtarbeiter. Ich musste also immer sehr leise sein zu Hause, und wenn wir laut waren, dann hat er auch mal meine Freunde beschimpft. Da habe ich doch immer recht schnell Probleme mit ihm gehabt. Ich glaube, ich bin auch Künstler geworden, weil ich keinerlei Anerkennung von meinem Vater bekommen habe.

Sie waren sehr jung, als er gestorben ist. Ist Ihnen die Versöhnung mit ihm geglückt?

Naidoo: Mein Vater ist bald nach seiner Pensionierung sehr schnell richtig schwer krank geworden. Ich habe mit 18 den Führerschein gemacht und ihn immer zur Dialyse gefahren. Damals war er nur noch eine halbe Portion Mann, da war es einfach nicht mehr angebracht, diesen Groll gegen ihn zu hegen. Er hat dann eine Entscheidung gefällt, die mir viel Respekt abgenötigt hat, die uns wirklich noch einmal zusammengebracht hat, als er sagte, er will nicht mehr zur Dialyse. Die Ärzte haben gesagt, dann ist er in drei Tagen tot.

Haben Sie nicht versucht, ihn davon abzuhalten?

Naidoo: Nein, ich habe das respektiert. Er hatte keine Lust mehr, künstlich am Leben gehalten zu werden. Aus diesen drei Tagen wurden dann elf, weil er doch ein sehr starkes Herz hatte. Das war eine sehr intensive, fast beengende Zeit, auch weil mein Vater bei uns zu Hause gestorben ist. Die letzte Nacht, als er nur noch ein paar Kilo wog, setzte so ein Schluckauf ein, der den ganzen Leib auseinanderzureißen drohte. Meine Mutter wollte tatsächlich noch versuchen, neben diesem halb toten Menschen zu schlafen, und ich lag in meinem Zimmer nebenan wach wegen dieses Schluckaufs, der ging durchs ganze Haus. Da habe ich gesagt: „ Mutter, leg dich ins Wohnzimmer, ich leg mich jetzt zu ihm“, und habe meinen Vater in den Arm genommen und ihm alle Lieder vorgesungen, die mir eingefallen sind, die ganze Nacht lang. Vielleicht war es das erste wirkliche Zusammenkommen, und ich merkte, mein Vater wollte und hätte gern noch was gesagt, aber er konnte nicht mehr. Das war für mich das, worunter ich Versöhnung verstehe, die wichtige Versöhnung zwischen Vater und Sohn. Mein Vater ist am Morgen nach dieser Nacht gestorben.

Herr Kohl, Sie schreiben in Ihrem Buch viel über Versöhnung. Die große Versöhnung zwischen Ihnen und Ihrem Vater hat aber nie stattgefunden. Glauben Sie daran, dass Sie diesen Moment noch er­leben werden?

Naidoo: Es liegt ja nicht an ihm, dass das nicht stattgefunden hat, oder?

Kohl: Versöhnung bedeutet ja zuerst einmal, dass man in seinem Herzen klar, frei und vor allem auch schmerzfrei ist. Versöhnung gibt es in so vielen Formen, wie es Situationen zwischen Menschen und Erfahrungen von Menschen gibt. Dabei steht für mich nicht das Was-ist-passiert im Vordergrund, sondern das Wie-gehe-ich-damit-um: Ganz wichtig ist die Bereitschaft, über seinen inneren Tellerrand zu steigen und sich selbst gegenüber die Dinge offen einzugestehen. Im zweiten Schritt gilt es dann, das Erlebte wertfrei zu akzeptieren und über diese wertungsfreie Akzeptanz eine neue, innere Toleranz zuzulassen. Schließlich, im dritten Schritt, kann man dann frei über die Dinge sprechen, sei es in Form eines Buchs oder einer persönlichen Begegnung oder in welcher Form auch immer. Bezogen auf meinen Vater bin ich mir sehr, sehr sicher, dass es zwischen uns noch Bewegungen und Klärungen geben wird.

Sie beschreiben in Ihrem Buch ein Nicht-Verhältnis zu ihm, das einen fast frieren lässt. „Er bleibt mein Vater, aber er ist weit weg“, heißt es da zum Beispiel. Aber Sie haben keine Abrechnung mit ihm verfasst. Warum eigentlich nicht?

Kohl: Mein Vater ist ein politisches Ausnahmetalent, vielleicht vergleichbar mit einem Weltklassesportler oder einem extrem begabten Musiker, egal ob Cellist oder Rapper. Seine politische Lebensleistung spricht für sich. Dieser Mann hat als Kanzler den NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt, wie ich glaube, seine größte und mutigste Leistung, da er damals alles riskiert hat. Er war zentraler Gestalter der Wiedervereinigung und bei der politischen Einführung des Euro. Das gilt es zu respektieren, zu würdigen und das tue ich auch. Es ist aber auch wahr, dass es auf anderen Feldern eben schwieriger für ihn war. Genau an diesem Punkt beginnt mein Ansatz der Versöhnung, nämlich in der Akzeptanz aller Seiten eines Menschen und in der Definition einer eigenen Sicht, die ohne Schmerz ist und von innerem Frieden geprägt wird.

Das macht Ihre Kindheit im Nachhinein nicht einfacher.

Kohl: Das kann man als Kind auch nicht alles verstehen. Heute bin ich 47, da ist man natürlich schon in einem anderen Betrachtungshorizont, auch durch eigene Kinder. So wie du es gesagt hast, Xavier, finde ich es genau richtig. Wichtig ist, dass sich dieser Kreis schließt, dass dieser innere Frieden entsteht. Wenn ich das mal altbacken sage, bin ich bei den Worten von Hildegard von Bingen aus dem Mittelalter: „Wunden zu Perlen machen“.

Erinnern Sie sich beide denn noch an Ihren ersten Schultag? Sie wa­ren der Sohn des Ministerpräsidenten und Sie waren einer der wenigen Dunkelhäutigen an Ihrer Schule. Beides Fremde, wenn man so will.

Kohl: Anderer unter Gleichen, nenne ich das.

Naidoo: Am ersten Schultag hatte ich Angst, als würde man zum Schlachter kommen. Es gab natürlich ein paar Freunde, die ich kannte, aber ich war sehr ruhig, sehr verträumt. Ich war vielen Sachen ausgeliefert. Da waren Jungen, zu denen musste ich hingehen, wenn die mich gerufen haben, die Hand aufmachen und dann haben sie da reingespuckt. Ich hieß bei denen „Lenor“ – leibeigener Neger ohne Rechte.

Waren Sie da nicht wütend? Hatten Sie keine Lust zurückzuschlagen?

Naidoo: Das kam erst später. Da habe ich dann auch Kickboxen gelernt, um vorbereitet zu sein. Ich wollte eigentlich immer erst einmal Frieden. Und, wie gesagt, ich hatte ja eh schon Freunde und in diesem kleinen Mikrokosmos war alles super. Ich war mit meinen Eltern mal im Urlaub in Südafrika, da habe ich erlebt, dass schwarze Menschen an Sandstrände müssen, die lebensgefährlich sind und die Hunderte Kilometer weit weg waren, so kam es mir jedenfalls vor. Treppen waren für Schwarze, Rolltreppen nur für Weiße, Toiletten gab es nur für Weiße. „Nur für Weiße, nur für Weiße“ – mit sechs oder sieben Jahren war ich da schon verstört und sehr getroffen. Hier in Deutschland hatte ich ja immer gedacht, derjenige weiß es nicht besser, wenn mich einer angriff.

Was haben Ihre Eltern Ihnen dazu gesagt?

Naidoo: Meine Mutter hat mir immer sehr gut vermitteln können, dass ich mich meiner Herkunft nicht zu schämen brauche. Da habe ich gedacht, okay, darauf baue ich auf und reagiere einfach nicht so, wie die Leute vermutet haben. Ich wollte immer entgegengesetzt handeln. Das ist mir dank meiner Mutter auch immer gelungen. Meine Mutter war schon eine Kraftspenderin, was das anbelangt.

Kohl: Bei mir war die Situation so, dass ich ja äußerlich nicht unterschiedlich war. Ich wurde unterschiedlich gemacht durch die Projektion dessen, was von anderen als Sohn vom Kohl eben bei mir abgeladen wurde. Wenn ich eine Mathe- oder Englischarbeit geschrieben habe, wurde ich ganz normal bewertet wie alle anderen Schüler auch. Gleichzeitig bin ich von Polizeibeamten, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren, in die Schule gebracht worden. Wir lebten in einem Hochsicherheitsumfeld. Als Kind konnte ich damit nicht umgehen. Erst viel später, da war ich vielleicht zwölf, dreizehn, habe ich angefangen, Zeitungen zu lesen, Nachrichten zu hören und diese politische Welt, die da so nebulös jenseits meines damaligen Wahrnehmungshorizonts war, allmählich begreifen zu können.

Naidoo: Da war dein Vater aber schon Ministerpräsident, oder?

Kohl: Mein Vater wurde Ministerpräsident rund zehn Wochen vor meiner Einschulung. Ich war gerade aufs Gymnasium gekommen, da wurde er CDU-Parteivorsitzender. Am Ende der Unterstufe, 1976, erlebte ich meinen ersten Bundestagswahlkampf mit ihm als Kanzlerkandidaten. Als er im Oktober 1982 Kanzler wurde, war am Freitag das Misstrauensvotum, und am folgenden Montag rückte ich zur Bundeswehr ein. In all den Jahren war für mich unverständlich, warum Menschen mich für Dinge in Haft nehmen, mit denen ich ja offensichtlich überhaupt nichts zu tun hatte. Dies steigerte sich immer mehr, besonders durch die Parteispendenaffäre. In meiner Lebenskrise in den Jahren 2002, 2003 wurde dann klar, dass ich einen neuen persönlichen Anfang brauche.

Ein Weg aus dem „Opferland“, wie Sie es im Buch nennen. Gab es so ein „Opferland“ auch bei Ihnen?

Naidoo: Ich wollte gar nicht rein ins „Opferland“. Ja, man kann das machen, man kann sagen: „Weil ich schwarz bin, wird mir dies erschwert und das.“ Wenn ich es als Problem sehe, schwarz zu sein, dann wird es auch jemand anders als Problem sehen. Und ich wollte es nie als Problem sehen. Meine Mutter hat das auch nicht akzeptiert. Wenn ich mich mal beklagt habe: „Mama, heute hat mich jemand Neger genannt“, dann hat sie – also schon mit Liebe – gesagt: „Ja, und? Sticks and stones can break your bones, but words can’t do that.“ In Wahrheit tut es natürlich furchtbar weh, wenn dir jemand so einen Spruch an den Kopf drückt. Ich hätte gern den Männern oder wem auch immer, die mich damals so in die Ecke gestellt haben, einen guten Spruch entgegengesetzt. Erst jetzt, so langsam, ist mir dieses Geschenk zuteilgeworden. Der Ausdruck „Wortschatz“ ist das beste Wort dafür.

Kohl: Das ist ein Punkt, unter dem ich als Kind auch sehr gelitten habe. Ich konnte die Dinge nicht ausdrücken. Ich konnte sagen: „Die haben mich geärgert“, aber ich konnte nicht sagen, warum sie mich geärgert haben, wie sehr mich das innerlich traf.

Sie haben, Herr Naidoo, in einigen Interviews von einem Erlebnis in Südafrika erzählt, das viele andere Kinder für immer in ein „Opferland“ eingesperrt hätte. Was ist damals genau passiert?

Naidoo: Ich war als Neunjähriger wegen meines Asthmaleidens länger bei meiner Tante in Südafrika. Meine Eltern waren nicht dabei. Bei uns arbeitete ein indischer Gärtner, ungefähr 60 Jahre alt, dem habe ich eines Tages gesagt, dass er mich an meinen Vater erinnert. Da hat er mich in seine Hütte eingeladen. Nachmittags bin ich vorbeigekommen und dann saß ich neben ihm auf seinem Bett und er hat die Tür zugemacht. Da habe ich schon gemerkt, irgendwas ist jetzt anders als sonst. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Da hat er gesagt: „Ja, wenn ich dich so an deinen Vater erinnere, dann kannst du mich doch auch mal küssen“ – dabei wolltest du doch schon deinen eigenen Vater gar nicht mehr küssen in dem Alter! Er hat mir die Zunge in den Hals gesteckt und ein paar Dinge gemacht, wo ich gedacht habe: „O mein Gott, hoffentlich komme ich hier lebend raus!“ Ich bin innerhalb von ein paar Minuten erwachsen geworden.

Was haben Sie dann getan?

Naidoo: Der Gärtner hat gesagt, das soll unser Geheimnis bleiben, das komplette Klischee. Mir war das superpeinlich. Ich habe auch gewusst, wenn ich das meiner Tante erzähle – die hatte drei Söhne, solche Brocken! –, dann hätten die den einfach zerstückelt und im Garten vergraben. Ich wusste, wenn ich das denen sage, dann überlebt der die Nacht nicht. Also habe ich denen nichts gesagt. Ich habe jahrelang niemanden davon etwas erzählt, auch nicht meiner Mutter. Das alles war für mich wie ein kurzer Blick in den Abgrund. So kann ich heute sehr gut nachempfinden, wie sich ein Kind fühlt, das in diese Situation gerät. Ich fühle mich auch ein Stück weit für diese Kinder mit verantwortlich, weil ich einfach denke, jetzt habe ich die Möglichkeit, hie und da etwas zu ändern.

Herr Kohl, Sie haben einen Sohn. Wie gehen Sie mit diesem Thema um? Wie vermittelt man einem Kind diese Gefahr?

Kohl: Ich will die Frage etwas breiter beantworten, nicht nur auf das Thema Missbrauch ausgerichtet. Kinder sind sehr, sehr zarte Seelen. Und es geht einerseits darum, diese zarte Seele zu beschützen, und andererseits darum, diese Seele auf die Welt auch ein Stück vorzubereiten. Man kann eigentlich nur versuchen, so eine Art Grundverständnis und vor allen Dingen Offenheit zu entwickeln. Ein Kind muss einfach wissen: Egal, was passiert, ich kann zu meinen Eltern kommen, ich muss mich nicht schämen, es ist mir nicht peinlich. Und ich kann mit diesen Dingen zu jemandem kommen, dem ich vertraue und ohne Angst zu haben. Wenn man das erreicht, als Eltern, dann ist man schon ziemlich weit, so glaube ich.

Ihr Vater war in Ihrer Kindheit fast nie für Sie da. Versucht man es da selbst besonders gut zu machen?

Kohl: Die Beziehungen zu Kindern sollten über das Herz laufen und nicht über den Kopf. Kinder erziehen, Kinder begleiten, das ist ja keine mechanische Tätigkeit wie das Einstellen eines Motors. Kindererziehung ist ein permanenter Prozess der Findung, der Selbstfindung und des immer wieder neuen Gleichgewichts. Kinder müssen auch erleben, was es heißt, wenn es Situationen gibt, in denen sie in der Sackgasse sind oder im Abseits stehen. Und manchmal muss man auch als Kind die Erfahrung machen, dass man mit der Nase an die Wand schlägt. Aber Kinder müssen wissen, es gibt für sie immer diese Heimat, immer diese Wurzel, zu der sie zurückkehren können. (Zu Xavier Naidoo) Du hast ja genau das gerade beschrieben, mit deiner Mutter.

Ihre Mutter, Herr Kohl, hat sich im Sommer 2001 das Leben genommen. Hannelore Kohl war immer sehr zurückhaltend, was ihr Privatleben anbelangt. Was, glauben Sie, hätte sie zu Ihrem Buch gesagt?

Kohl: Ich glaube, das Buch hätte ihr gut gefallen.

Sie hätte sich nicht ausgestellt gefühlt, mit Ihrem ganzen schwierigen Familienleben?

Kohl: In dem Buch steht ja nichts drin, was ich nicht irgendwann einmal mit meinem Vater oder meiner Mutter besprochen hätte. Und ich habe bewusst viele Dinge im Buch nicht angesprochen.

In einer der eindringlichsten Szenen aus Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie den Abschiedsbrief Ihrer Mutter über ihrem Grab verbrennen. In dem Brief hatte Ihre Mutter Sie gebeten, sich nach ihrem Tod um Ihren Vater zu kümmern, was Sie zunächst auch beinahe bis zur Selbstaufgabe getan haben.

Kohl: Das habe ich nicht aus voyeuristischen Gründen hineingeschrieben, sondern um zu zeigen, dass Versöhnung auch bedeuten kann, Verantwortung und Entscheidung zu übernehmen. Und das bedeutet eben manchmal auch, „Nein“ zu sagen, heißt: Jetzt habe ich meine Aufgabe erfüllt, jetzt gehe ich meinen eigenen Weg.

Sie arbeiten als Unternehmer in der Automobilzuliefererindustrie, eine Welt, die nicht für den besonders offenen Umgang mit Gefühlen bekannt ist. Wie reagiert eigentlich Ihr berufliches Umfeld auf „Leben oder gelebt werden“?

Kohl: Ich habe es mit Einkäufern von großen Automobilzulieferern zu tun. Das sind ja Leute, die durchaus hart verhandeln können. Ich habe von mehreren großen Einkaufschefs ein sehr persönliches, fast sensationelles Feedback bekommen.

Was sagen die so?

Kohl: Sie sagen, sie finden es toll, dass ich den Mut und die Offenheit hatte, dieses Buch zu schreiben. Es ist schön zu sehen, dass auch die sogenannten „harten Jungs“ am Ende ganz anders reagiert haben, als mancher es erwartet hätte. Diese erwachsenen Männer haben genauso Gefühle wie alle anderen auch. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich meine, wir sollten diese Gefühle doch einmal einfach zulassen, ohne Scham und Imageverlust zu fürchten. Die Fähigkeit, ehrlich und ohne Kitsch über Gefühle zu reden, ist ein großes Entwicklungsgebiet in Deutschland, auch weil wir uns gerne so unglaublich sachlich, so unglaublich rational, aufgeklärt, intellektuell und dann auch noch dogmatisch in manchen Bereichen geben.

Naidoo: Das ist letztlich ja auch Teil der Emanzipation des Mannes, seine Gefühle zu offenbaren.

Kohl: … und haben zu dürfen.

Naidoo: Diese Entwicklung ist eigentlich auch bei allen Rappern zu sehen. Erst fangen sie alle ganz hart an, dissen alle, haben eine unglaubliche Fäkalsprache, und später sind das tolle Poeten, die alle wunderbare Geschichten aus ihrer Stadt, aus ihrem Viertel erzählen.

In Ihren Texten spielt der Glaube eine große Rolle, weniger in einem kirchlich-dogmatischen, eher in einem spirituellen Sinn. Fühlen Sie sich manchmal wie ein Missionar?

Naidoo: Ich singe von meinem Glauben nicht, weil ich missionieren will, sondern weil er das ist, was mich ausmacht. Wir haben in Deutschland ein Problem, von Gott zu sprechen. Ein Teil dessen, was ich heute bin, hat damit zu tun, dass ich Gott noch mal ganz anders gefühlt habe als vielleicht in der katholischen Kirche, sondern ich habe ihn für mich in meinem Leben entdeckt. Das ist ein großer Bestandteil meiner Musik gewesen, weil ich mich befreien musste aus den kirchlichen Dogmen.

Kohl: Glaube findet erst einmal zwischen dem Einzelnen und Gott statt. Und dieser Glaube kann auch in einer kirchlichen Variante gelebt werden. Das ist die Freiheit des Einzelnen. Für mich ruht Glaube auf einem klaren Grundmuster: Mein Glaube ist nicht dogmatisch und ich bin nicht besser, weil ich glaube. Ich bin im bes­ten Fall ein Kind Gottes, aber kein Herr Gottes. Das ist ein großer Unterschied für mich. Verstehst du, was ich meine?

Naidoo: Absolut.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Mutter sieht Ihnen heute „von oben“ zu?

Kohl: Ja. Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Mutter, und ich werde auch nach diesem Gespräch in Ludwigshafen am Grab vorbeikommen, es liegt ja keine zehn Kilometer von hier.

Man bleibt immer Kind?

Kohl: Irgendwie schon. Ich war zwar ein erwachsener Mann mit Familie, aber sie hat immer wieder mit mir geredet, wie man mit einem 13-Jährigen spricht. Ich glaube, in den Augen seiner Mutter wird man nie ganz erwachsen … (lacht) Ich habe in New York in meiner Zeit als Investmentbanker einmal eine herrliche Szene erlebt. Da hatte ein Senior Managing Director, also einer der gefürchteten Fürsten von der Wall Street, einen kleinen Skandal. Wir waren in einer Sitzung, und da rief seine Mutter an und ließ sich in die­se Sitzung telefonisch reinstellen.

Naidoo: Wow!

Kohl: Und er saß da als der große Tribun und hatte den Hörer am Ohr und sagte: „Yeah, Mama, I didn’t do it, I didn’t do it! I promise you, you don’t have to worry.“ Und alle haben am Tisch gesessen und wussten, wer jetzt lacht, hat verloren und kommt nie wieder auf die Beine. Und er saß da mit rotem Kopf. Doch dann, Telefon aufgelegt, und Wrrrummm!, Wall Street pur. Der Mann war Ende 50. Mit zweistelligem Millionengehalt. Ein Mann der großen Deals, mit Exxon und so weiter, aber wenn Mama anruft … „I didn’t do it, I didn’t do it! I promise you!“ In uns ist eben immer auch ein Stück Kind. Und mein Buch plädiert dafür, dieses innere Kind anzunehmen. Besonders wenn dieses Kind Verletzungen hat und mit Ecken und Kanten ausgestattet ist, sollte man es annehmen und nicht irgendeinem Idealbild hinterherhecheln. Die Frage lautet: „Wie kann ich mein Glück trotzdem finden, mit dem, was mir gegeben ist? Wie kann ich aus meinen Wunden Perlen machen?“ Und diese Botschaft wird verstanden.