Verkannte Meisterwerke: Waylon Jennings – „Honky Tonk Heroes“


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Outlaw Country war noch keine überbeanspruchte, abgenutzte Marke, stand für Ferne von Nashvilles Oligarchie und für Nähe zum musikalischen Erbe des Lone Star State, als Waylon Jennings dieses wegweisende Album aufnahm, in den „Nashville Sound“-Studios seiner Plattenfirma RCA. Subversion und Kameraderie waren zwei Stützpfeiler dieser Sessions, zwei andere waren die Songs von Billy Joe Shaver und eine vielköpfige Musiker-Crew aus Jennings’ Touring Band, den Waylors, plus befreundeter Cracks wie Steve Young und David Briggs.

Der zentrale Pfeiler freilich, die Statik sichernd, war Waylons Stimme. Ein Bariton mit beachtlichem Resonanzkörper, nicht mehr so smooth wie in den Sixties, an den Rändern ein wenig in Mitleidenschaft gezogen, aber noch nicht zum Knödeln neigend wie schon wenige Jahre später. Eine Stimme wie geschaffen für Shavers gelebte Songs über verlebte, illusionslose Vagabunden, über „old five and dimers, loveable losers and no-account boozers“. Tröstlich, dass sich der Autor dieser Songs, dessen eigenen Platten, wiewohl sehr hörenswert, kein vergleichbarer Erfolg vergönnt war, hiermit finanziell gut stellte. Schade indes, dass der Fluch des Geldes eine weitere Zusammenarbeit Waylons mit dem kongenialen Produzenten Tompall Glaser verhinderte.

„We Had It All“, die dankbar resümierende Southern-Soul-Ballade von Troy Seals und Donnie Fritts, beschließt gravitätisch walzernd ein großes Album, dem mit „Dreaming My Dreams“ 1975 ein noch größeres folgen sollte, jedoch nicht mehr als  Ausdruck des Outlaw-Credos, sondern als dessen Abgesang. Dann der Ausverkauf: Jennings, Nelson, Kristofferson und Cash als Wegelagerer.