Verlorenes Manhattan: Martin Scorseses „Die Zeit nach Mitternacht“

In den frühen 1980er-Jahren hatte Martin Scorsese in Hollywood zu kämpfen. Seine Mediensatire „The King Of Comedy“ mit Robert De Niro in einer Rolle als Stalker fiel bei Kritik und Publikum durch – dabei war die Komödie über die Gier der Fernsehsender nach tragischen Geschichten meilenweit der Zeit voraus. Und sein Lieblingsprojekt „Die letzte Versuchung Jesu Christi“ über das vermeintliche (Liebes-)leben des Sohn Gottes, bekam er nicht finanziert. Scorsese, der letzte rebellische Vertreter des New Hollywood der Siebziger, war plötzlich ein Regisseur ohne Einfluss.

Der Schauspieler Griffin Dunne wiederum, kein echter Star, aber mit einer eigenen Produktionsfirma im Rücken, wollte ein Drehbuch verfilmen lassen, mit ihm in der Hauptrolle. Daraus wurde „After Hours“ (dt.: „Die Zeit nach Mitternacht“): Die Geschichte eines New Yorker Yuppies, der nach dem Date mit einer schönen Unbekannten nachts in SoHo strandet, und in einer Welt irgendwo zwischen Punk-Club, Weirdo-Künstlern und aggressiven Ladenverkäufern um sein Leben fürchten muss.

Kein Sex, kein Schlaf, dafür Paranoia

Als Wunsch-Regisseur Tim Burton gehört hatte, dass auch Scorsese sich für den Stoff interessiere, soll er sofort verzichtet haben. Scorsese ist schließlich New York, so wie Woody Allen New York ist: Sie lieferten die aufregendsten Bilder ihrer Stadt, der Times Square oder die 59th Street Bridge erschienen bei ihnen in neuem Licht. Griffin Dunne und Scorsese wurden sich demnach schnell über ihren Film einig. Vor den Dreharbeiten soll der Regisseur seinen Darsteller noch gebeten haben, auf Sex und Schlaf zu verzichten, damit sich bei ihm ein Gefühl der Paranoia einstelle.

Ohne Geld – sein einziger 20-Dollar-Schein ist ihm aus dem Taxifenster geweht – landet der Programmierer Paul (Dunne) in der Wohnung von Marcy (Rosanna Arquette) und macht dort Bekanntschaft mit der Bildhauerin Kiki (Linda Fiorentino). Über das gemeinsame Interesse an den Werken des Schriftstellers Henry Miller versucht Paul noch Eindruck zu schinden, schnell aber wird klar, dass er in Lower Manhattan in der Zeit nach Mitternacht aufgeschmissen ist. Bis zum frühen Morgen wird der Bürohengst eine Reihe von Etappen hinter sich bringen müssen: Ein Mob scheucht ihn durch SoHo; Marcy begeht Selbstmord; er muss vor einem wohl deutschen Lederfetischisten namens Horst flüchten; schafft es völlig indisponiert in einen Punk-Club; wird wie eine Skulptur eingegipst und droht darin zu ersticken. Am Ende des wie ein Uhrwerk laufenden Films schafft es Paul pünktlich wieder dahin, wo alles seinen Anfang nahm: an den Büro-Schreibtisch. Die fremde Nachtwelt hat ihn wieder ausgespuckt, die vergangenen Stunden waren wie ein böser, aber auch wilder Traum.



Der King der Traurigkeit: Joy-Division-Sänger Ian Curtis

Er war der James Dean der „blank generation“, der Trostlosen aus den frühen Achtzigern, die keine Lust hatten auf den derben Bierbüchsen-Krawall der Punks: Ian Kevin Curtis aus der Region Greater Manchester; jener damals noch komplett maroden mittelenglischen Industriezone zwischen Mersey und Midlands, die sich seit dem Niedergang so ziemlich aller dortigen Industrien (von der Kohle bis zur Tuchweberei) im Zustand der Daueragonie befand. Zu seinen Lebzeiten blieb Curtis ein Indie-Maestro innerhalb einer kleinen Gegenkultur. Sein Selbstmord am 18. Mai 1980 erhöhte den depressiven Sänger schließlich zu einer legendären Gestalt der Popkultur. Die Platten „Unknown Pleasures“ (1979) und das tiefmelancholische…
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