Vom Herzchirurg zum Regimekritiker: ROLLING STONE-Middle-East empfiehlt Bassem Youssef


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Vor seinem rasanten Aufstieg zum bekanntesten Night Talker der arabischen Welt arbeitete Bassem Youssef als Herz-Chirurg in einem Krankenhaus in Kairo. Die Wende in seinem Leben kam, als er während der ägyptischen Revolution im Jahr 2011 verletzte Demonstranten in der Nähe des Tahrir-Platzes behandelte und dabei jeden Abend feststellen musste, wie verzerrt Mubaraks staatliche Medien im Nachhinein über die Ereignisse berichteten. „Die 18 Tage der Revolution waren unglaublich“, sagte Youssef später, „man ging an den Tahrir-Platz und sah, was alles passierte. Später hat man dann den Fernseher eingeschaltet, und eine ganz andere Welt vorgeführt bekommen. Es war erstaunlich.“

Youssef entschied daraufhin, selbst als medialer Berichterstatter in Erscheinung zu treten: Am heimischen Schreibtisch drehte er fünfminütige Videos im Stil von Jon Stewarts „Daily Show“ (auf der auch die ZDF-Heute-Show basiert) und lud sie anschließend auf Youtube hoch. Jedes seiner Satire-Stücke erreichte innerhalb weniger Wochen 500.000 bis eine Millionen Klicks – und der Arzt und Comedy-Fan Youssef erhielt plötzlich Angebote von mehreren großen TV-Sendern wie Al Jazeera, MBC und eben auch vom kleineren unabhängigen Sender ONtv, für den er schließlich seine Erfolgs-Sendung „El Bernameg?“ („Das Programm?“) kreierte. Mittlerweile steht Youssef für den Unterhaltungssender CBC vor der Kamera, und macht – einmalig in der Region – vor reichlich Studio-Publikum eine Sendung, die sich mit Stand-Up-Comedy und Video-Einspielern dem politischen Tagesgeschehen widmet.

„So was gab es davor noch nie im arabischen Fernsehen“, sagt der ROLLING STONE-Middle-East. Dabei ist das Format erwartungsgemäß nicht von jedem gern gesehen. Die Anfeindungen gingen dabei sogar so weit, dass man im März 2013 von offizieller Stelle einen Haftbefehl gegen Bassem Youssef erließ. Begründung: Der Comedian habe den Präsidenten beleidigt, den Islam verleumdet und falsche Behauptungen verbreitet. Der bekennende Muslim Youssef nahm es mit Humor und erschien zur Gerichtsverhandlung im übergroßen Hut in Anspielung auf Mursis Aufmachung bei einem Staatsbesuch in Pakistan. „Wir sind doch nicht diejenigen, die den Islam beleidigen. Wir stellen nur jene bloß, die den Glauben missbrauchen und ihm mehr Schaden zugefügt haben als jeder sonst“, erklärte er vor den Kameras.

Angesichts der jüngsten Geschehnisse um den militärischen Sturz von Präsident Mohammed Mursi setzt die Show bis auf weiteres aus. „Diese Dinge sind keine Angelegenheit zum Lachen“, soll Youssef die Pause von „El Bernameg?“ begründet haben.

Auf seinem Youtube-Kanal kann man alle Episoden von „El Bernameg?“ mit englischen Untertiteln mitverfolgen, in diesem Video sieht man Youssef als besonderen Gast in der Show seines Vorbilds Jon Stewart:

Der ROLLING STONE-Middle-East erschien zum ersten Mal im November 2010 und seitdem einmal monatlich. Und auch wenn er in vielen Gegenden außerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate wegen der Zensur nicht erscheinen kann, beschäftigt er sich doch mit der Popkultur des gesamten arabischen Raums (die jenseits von „bubble-gum-pop“ überschaubar ist, wie man uns berichtete). Aktuelle Phänomene aus dem Westen sind ebenfalls ein großes Thema, einige kommen sogar manchmal zu Besuch, so druckte man zum Beispiel exklusive Interviews mit Hurts, Slash und 30 Seconds to Mars. In der Online-Version des ROLLING STONE-Middle-East findet man politische Artikel, Berichte über in letzter Zeit immer beliebter werdende Stand-Up-Comedians wie Maz Jobrani und eine Seite mit Konzertankündigungen, von denen die meisten in Abu Dhabi stattfinden (Depeche Mode, Rihanna u.a.).