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Warum die Beach Boys alles falsch machten außer ihrer Musik


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Falsch, falsch, falsch. So grauenhaft falsch! Bei dieser Band ist fast alles falsch gelaufen, was falsch laufen kann. Allein dieser Name: „The Beach Boys„? So bescheuert eindimensional dürfen nur One-Hit-Wonder heißen, die einen einzigen Hit für einen einzigen Sommer produzieren. Und sind diese käsigen, steifen Vorstadtjungs überhaupt eine Band?

Nein! Diese „Band“ hat nie einen Rock’n’Roll-Club von innen gesehen, ist nie in Kellern und Striplokalen vor Matrosen, Rockern und Zuhältern aufgetreten. Sie sind das Gegenteil einer Rock’n’Roll-Band. Sie sind eine Familie. Und wenn sich die Eltern in die Ferien verabschieden, wird im Wohnzimmer geübt. Der kleine, pummelige Gitarrist sieht aus wie der dickliche Typ in Collegefilmen, den sie alle „Porky“ nennen und der noch nie ein Mädchen hatte. Der Sänger hat schon mit Anfang 20 zu wenig Haare und wirkt ungefähr so aufregend und interessant wie der picklige Typ hinter der Supermarktkasse.

Und dann der Bassist und Bandleader. Warum muss dieser schüchterne, ängstliche, zu groß und zu ungelenk geratene Junge unbedingt auf eine Bühne? Holt den armen Kerl da weg! Der fühlt sich dort nicht wohl, das sieht doch jeder. Taub auf einem Ohr. Dazu dieses linkische, forcierte Lächeln, das bis heute wie ein stummer Schrei nach Hilfe wirkt. Und dazu noch diese mädchenhafte Falsettstimme, für die er sich schon in der Highschool immer etwas geschämt hat. Sexy ist etwas ganz anderes.

Der Manager dieser merkwürdigen Truppe mit zu engen Hosen und gestreiften Hemden ist ausgerechnet der gestörte Vater. Ein schrecklicher Tyrann, der jeden dritten Tag zur Plattenfirma rennt und den dortigen Managern in ausschweifenden Vorträgen ausführt, wie man seine Jungs noch berühmter machen kann. Er hält sich natürlich auch musikalisch für viel begabter als seine Söhne – und erzählt das auch noch jedem, der es nicht hören will. Auch immer wieder seinem hochbegabten, hochsensiblen Ältesten.

Einen großen Einfluss auf ihre Musik haben ausgerechnet die Four Freshmen. Geölter und frisch gebügelter 50er-Jahre-Charme, den auch Mutti ganz prima findet. Die Jungs werden nicht müde, unter Anleitung ihres Chefs diese komplizierten Gesangsharmonien immer und immer wieder zu üben. Am heimischen Klavier, im Auto. Überall.

Die frühen Hits handeln von Sonne, Meer und Mädchen. Die nächsten Hits handeln von Autos. Tja, was kann jetzt überhaupt noch kommen? Der Bandleader, der sich in Wirklichkeit weder für Sonne noch für schnelle Autos interessiert, lässt seinen Texter nun von persönlichen Befindlichkeiten schreiben. Der schüchterne Mann, der eben noch so getan hat, als ob hübsche kalifornische Mädchen, tolle Autos und hohe Wellen seine Welt wären, singt davon, dass er sich in diesem Klischee, das er selber konstruiert hat, für völlig deplatziert hält.

Im Studio dirigiert er eine Mannschaft von ausgebufften Profis, die an seinen Lippen hängen und ihn für ein musikalisches Genie halten. Der Rest seines Umfeldes hält ihn für begabt, aber vor allem für durchgedreht. Für das Cover der überraschend ruhigen und persönlichen Platte fährt er mit seinen Jungs nicht ans Meer. Diesmal geht es in den Zoo, und man füttert wenig dekorativ die Ziegen. Die Plattenfirma ist konsterniert, schickt nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung dieser merkwürdigen Platte aus kühlen wirtschaftlichen Überlegungen eine Best-of-Zusammenstellung hinterher und entwertet so das bis heute gültige Meisterwerk ihres Musterschülers.

Der wunderliche Großmeister werkelt weiter im Studio. Produzent, Arrangeur, Musiker, Sänger – alles in Personalunion. Alles soll noch erstaunlicher, fantasievoller und großartiger werden. Doch alles wird immer anstrengender, unübersichtlicher und wahnsinniger. Das mögliche Meis­terwerk erscheint nicht und ist trotz aller Wiederveröffentlichungen und Fundstücke eine klaffende Wunde im Leben dieser Band geblieben. Die Beach­ Boys sind eigentlich schon am Ende, bevor sie richtig begonnen haben.

Es gab keine Rettung, es kam keine Hilfe – kein Produzent, kein Manager, keine göttliche Fügung. Nur noch Stückwerk, Brüche, Zusammenbrüche. Von Anfang an ist bei den Beach Boys fast immer alles falsch gelaufen. Bis heute. Auf ihrem gerade erschienenen Album zum 50. Geburtstag können wir das Drama noch einmal nachhören. Die ersten neun Songs brechen unter der Last des eigenen Mythos zusammen. Übrig bleibt ein seelenloser, am Computer konstruierter Sound eines Sommers, den wir hoffentlich nie erleben werden.

Doch dann, ganz am Ende, gibt es drei Songs, die zeigen, was die Beach Boys in den vergangenen 50 Jahren richtig gemacht haben. Dieser merkwürdige bleiche Mann, der Brian Wilson heißt, hat auch heute noch eine Verbindung zu einem geheimnisvollen Land, das in keiner Karte verzeichnet ist. In dem es offenbar Melodien und Harmonien in Hülle und Fülle gibt, die für den normal Sterblichen in einem ganzen Menschenleben nicht erreichbar sind. Es war nicht alles falsch.

The Beach Boys live: „Celebration – The Beach Boys‘ 50“
03.08. Berlin, o2 World
04.08. Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle

In unserer aktuellen Ausgabe können Sie bereits alle zehn Texte inklusive eines aktuellen Interviews mit Mike Love lesen.

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