„What’s Going On“ von Marvin Gaye: Das wichtigste Album der Soulmusik

Selten hat sich ein persönlicher Befreiungsschlag so nachhaltig auf die Entwicklung eines ganzen Genres ausgewirkt wie im Fall von Marvin Gayes Black-Conciousness-Meilenstein „„What’s Going On“: Gaye, der als Studio-Drummer seine ersten Sporen bei Motown verdient hatte und in der Folgezeit als romantischer Soulcrooner zu einem der Superstars des Labels aufgebaut wurde, fühlte sich von Berry Gordys strengem Regiment in der schwarzen Hitfabrik zunehmend eingeengt. Hinzu kam, dass der sensible Sänger nach dem tragischen Krebstod seiner jungen Duettpartnerin Tammi Terrell, mit der er Kassenschlager wie „Ain’t No Mountain High Enough“ zelebriert hatte, immer häufiger die Sinnfrage stellte.

Ohnehin war Gaye ein Mann von fragiler psychischer Balance. Die Gründe dafür wurzelten in seiner Kindheit: Sexueller Missbrauch und heftigste Auseinandersetzungen mit dem Vater, Reverend Marvin Sr., einem Priester der Pfingstgemeinde „Church Of God“, die letztlich in die tragischen Ereignisse vom 1. April 1984 mündeten, als dieser seinen Sohn erschoss. Obendrein (und wohl auch gerade wegen seiner mentalen Hypotheken aus der Kindheit) erwies sich der vermeintlich ruhige Hafen der Ehe in Gayes Leben gleichsam als das Auge des Hurrikans – das Leben mit Ehefrau Anna, Schwester von Labelboss Gordy und 17 Jahre älter als Marvin, war alles andere als harmonisch.

Dass Gaye aus Gordys Zwangsjacke ausbrechen würde, war folglich nur eine Frage der Zeit – 1971 war es schließlich soweit. Auf „„What’s Going On“ nahm er einen radikalen Rollenwechsel vom samtstimmigen Sexsymbol zum Songautoren mit gesellschaftlicher Botschaft vor – damals eine neue Rolle für Performer in der schwarzen Popmusik, die (von Billie Hollidays Klassiker „Strange Fruit“ mal abgesehen) bis 1971 noch nicht viel an Politkommentaren geliefert hatte.

Sozialer Statusbericht für das schwarze Amerika

Es ist kein Zufall und auch kein Druckfehler, dass hinter dem Albumtitel nicht das grammatikalisch erwartbare Fragezeichen steht – „What’s Going On“ war hier nicht als Frage gemeint, sondern als programmatische Ansage für ein Album, das als sozialer Statusbericht für das schwarze Amerika angelegt war: Will man verstehen, was dem Sänger unter den Nägeln brannte, muss man sich die dunklen Seiten der oft so verklärten sechziger Jahre vergegenwärtigen – den Vietnamkrieg, die Verelendung der schwarzen Ghettos und die Gewalt, auf die die Bürgerrechtsbewegung stieß, wo immer sie auf die Straße ging. Ein wichtiger Auslöser war zudem das Schicksal von Gayes Bruder Frankie, der 1967 von einem dreijährigen Vietnam-Einsatz zurückgekommen war – die neun Songs des Longplayers sind suitenartig aus der Sicht eines Kriegsveteranen erzählt.



Die 60 besten Soundtracks aller Zeiten

Ich freute mich darauf, dass er mir etwas Melodisches vorspielen würde“, sagte Steven Spielberg. „Aber John Williams“, und dabei streckte der Regisseur zwei Finger von sich, als wären es zwei alte Socken, „hämmerte mit diesen beiden hier einfach nur auf den tiefen Tasten herum, immer schneller.“ Spielberg sei damals in Lachen ausgebrochen. Dies sollte das Titelthema von „Der weiße Hai“ werden? Heute zählt diese Melodie von Williams zu den Klassikern der Filmmusik. Das Jagdmotiv verursacht noch immer Unwohlsein, mehr als 40 Jahre nach der Kinopremiere. Es ist ein Meisterwerk der Effektivität. Musik nimmt Einfluss auf die Beurteilung eines Geschehens. Sie…
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