Wie gefährlich und wie profitabel ist KI für die Musikindustrie?
Bei der Kulturkonferenz des Bundesverbandes der Musikindustrie diskutieren Branchenvertreter, Kreative und Politiker über Chancen und Risiken beim Einsatz von KI – und wie dieser reguliert werden kann. Es ist das große Zukunftsthema, und diese Zukunft hat längst begonnen.
Die Glasmalereien an den großen Fenstern, die Wandbilder im Saal zeigen heitere Werktätige verschiedenster Berufe: Bauern, Krankenschwestern, Ingenieure. Musiker:innen sind nicht darunter.
Die diesjährige Kulturkonferenz des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI) findet im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR statt, heute Sitz der European School of Management and Technology, einer Berliner Privatuni. Abgesehen vom realsozialistischen Kitsch ist es ein betont sachlicher Rahmen für ein höchst emotionales Thema: Musikproduktion, Urheberrecht und künstliche Intelligenz. Oder genauer: Wie lässt sich musikalische Wertschöpfung in einem Zeitalter sichern, in dem künstliche Intelligenz immer stärker in kreative Prozesse eingreift?
In seiner Eröffnungsrede versichert Sony-Music-Deutschlandchef Christoph Behm, dass die Musikbranche weiterhin kontinuierlich in den Aufbau neuer Karrieren und kreativer Inhalte investiere. Er erinnert an deutsche Popstars seines Labels wie Johannes Oerding oder Nina Chuba, die ohne diese auch kostenintensive Aufbauarbeit heute nicht dort stünden, wo sie nun stehen – auf den wichtigen Playlisten der Streamingdienste und in den Verkaufscharts. Oder, wie jüngst Oerding, open air vor 40.000 Fans in Hamburg. Damit solche Investitionen auch künftig möglich seien, brauche es verlässliche politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie Planungssicherheit für Unternehmen.
Politik und Branche suchen Antworten
Branchenvertreter, Politiker und Juristen diskutieren alljährlich bei der BVMI-Konferenz über die Zukunft des Musikgeschäfts: ein Gespräch über technologischen Fortschritt, regulatorische Herausforderungen und den Schutz geistigen Eigentums. In diesem Jahr ist es Barbara Gessler, Leiterin der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland, die auf Behms Wunsch nach politischer Sicherheit in Urheberrechtsfragen und in Fragen des Umgangs mit KI antworten kann. Sie verweist auf die laufenden Gesetzgebungsverfahren und sagt: Entscheidend sei jedoch nicht nur die Existenz von Regeln, sondern auch deren praktische Durchsetzbarkeit. Deshalb sei in einer Zeit wachsender politischer und gesellschaftlicher Unsicherheiten eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Kreativwirtschaft wichtiger denn je.
Bereits zur Eröffnung hatte BVMI-Vorstandsvorsitzender Florian Drücke auf die zahlreichen Umbrüche hingewiesen, mit denen Wirtschaft und Gesellschaft derzeit konfrontiert seien. Wachstum sei längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Musikindustrie habe allerdings wiederholt gezeigt, dass sie mit tiefgreifenden Veränderungen umgehen könne. Innovation sei für die Branche Teil ihres Geschäftsmodells.
In zwei Panels werden diese Fragestellungen vertieft und teils kontrovers diskutiert. Naturgemäß sieht Ella Rohwer die Möglichkeiten einer Einhegung und Regulierung von KI etwas kritischer als die insgesamt eher optimistische Musikindustrie. Rohwer ist Geschäftsführerin von Pro Musik, der Verband setzt sich für die Interessen unabhängiger und freischaffender Künstler:innen ein. Diese würden weiterhin weniger vom Streaming profitieren als die großen, bei Majorlabels unter Vertrag stehenden Acts und schlechter vergütet. Auch das Modell, Rechte an der eigenen Musik oder Stimme gegen Vergütung an KI-Anwender zu übertragen, sieht sie kritisch. Sie selbst würde es nicht tun, sagt die Cellistin.
Zwischen Experimentierfreude und Regulierung
Holger Christoph, bei Universal Europe für das Digital Business zuständig, plädiert für ein Ausprobieren. Die Politik könne nur einen möglichst weiten Rahmen setzen, innerhalb dessen Musiker:innen und Fans im Wechselspiel mit KI experimentieren sollten, solange die Künstler:innen dem zustimmen. Allerdings seien die zunehmenden Manipulationsversuche auf Streamingplattformen eine Herausforderung für die Branche.
Anschließend richtet sich der Blick auf die juristische Dimension des Themas. Vertreter der IFPI, des Europäischen Parlaments und des Bundesjustizministeriums diskutieren darüber, wie das Urheberrecht auf die rasante Entwicklung generativer KI reagieren sollte. Dabei geht es um mögliche Anpassungen bestehender Regelwerke, um praktikable Lizenzmodelle und um die Herausforderung, technologische Innovation zu ermöglichen, ohne die wirtschaftlichen Grundlagen der Kultur- und Kreativbranche zu untergraben.
Die gute Nachricht: Die Branche boomt und machte im vergangenen Jahr 2,42 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland. Rund 86 Prozent durch Streaming, 14 Prozent mit physischen Tonträgern, darunter gut 6 Prozent Vinyl. Auf Vinyl ist übrigens Musik aus dem Fach „Rock“ mit 48 Prozent am gefragtesten, bei den Streams sind es „Pop“ und „Hip-Hop“.