Wilde Gitarrensoli, hypnotische Querflöten – der Freitag beim ROLLING STONE Weekender 2013


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Der gar nicht mal so geheime Geheimtipp des Abends ist Steven Wilson, der mit seiner Band im Baltic Saal auftritt. Zu Beginn des Konzertes ist der Raum randvoll mit Menschen, die dem Prog-Rock des Porcupine-Tree-Masterminds lauschen wollen. Der erfordert mit seinen ausgedehnten Soli und komplexen Klanggebilden jedoch etwas Durchhaltevermögen, sodass sich einige Gäste bereits nach kurzer Zeit verabschieden und sich die Reihen lichten. Der harte Kern bejubelt dafür jedoch umso mehr die epischen Werke des Autodidakten und Multi-Instrumentalisten. Der Auftritt wird zum Gesamtkunstwerk aus Piano-getragenen Balladen und elegischen Ausbrüchen mit wilden Gitarrensoli, in die immer wieder fast schon hypnotisch die Querflöte einsetzt. Und inmitten dieser Inszenierung der unscheinbare Steven Wilson, der seine Songs wie Gedichte rezitiert und das Publikum in seinen Bann zieht. Oft wird ihm die Show jedoch von seinem Gitarristen gestohlen, der sich als großartiger Virtuose herausstellt. Wer sich die Zeit nahm, sich auf diese musikalische Reise einzulassen, dürfte hier den besten und vielseitigsten Auftritt des Abends erlebt haben.

Mit Gitarre und einer Flasche Jameson betritt am Abend Kieran Leonard die Bühne des Witthüs. „Did you have a good time so far? Yes? That’s good because I’ve written some really depressing songs“, scherzt er zu Beginn seines Akustik-Sets. Die bereitgestellten Hocker im Zuschauerraum erweisen sich schnell als überflüssig, da das Publikum bereits vor der Show dicht gedrängt vor der Bühne steht. Ganz so depressiv wie angekündigt wird der Auftritt jedoch nicht, denn Leonard erweist sich nicht nur als talentierter Singer/Songwriter in der Tradition von Bob Dylan und Leonard Cohen, sondern auch als charmanter und humorvoller Storyteller, der trotz seiner Herzschmerz-Songs für zufrieden lächelnde Gesichter im Publikum sorgt.

Während Junip auf der Zeltbühne stehen, versammeln sich vor den noch geschlossenen Türen des Rondells bereits zahlreiche Besucher, um The Autumn Defense zu sehen. Auch wenn der Bandname einem nichts sagt, so sind die Mitglieder des Duos doch wohl bekannt: The Autumn Defense ist ein Nebenprojekt von Wilcos John Stirratt und seinem Bandkollegen Pat Sansone. Mit ihren bereits vier Alben scheinen sie so begeistert zu haben, dass nun mehr Besucher den Auftritt sehen wollen, als das Rondell fassen kann. Wer reinkommt, kann in kuscheliger Atmosphäre die ruhigen und melancholischen Akustik-Songs des Duos genießen. Trotz der zahlreichen Besucher herrscht während des Auftritts andächtige Stille, die einen starken Kontrast zum regen Treiben außerhalb des Rondells bildet.

Unabhängig davon legte der Rolling Stone Weekender den sanftesten Festivalstart des Jahres hin. Zu verdanken hatten wir das Junip. Genauer gesagt der markanten Stimme José Gonzales’, mit der er ihren herbstlich düsteren Folk-Pop versüßt. Die wiederholenden Songstrukturen und der Krautrock-Einfluss laden schon zu Beginn des Festivals zum Träumen ein. Eine schöne Mischung, die sich perfekt in die Szenerie an der Ostsee einfügt.

Etwas heiterer ging es dann mit den Shout Out Louds weiter. Den letzten Tourtermin, bevor sie in den Winterschlaf gehen, konnte man auf der gut besuchten Zeltbühne erleben. Ihr Indie-Pop macht ihnen wohl genau so viel Spaß wie dem Publikum, denn von Ermüdungserscheinung einer langen Tour merkt man noch nichts. Auf der Weltbühne sind sie immerhin schon fast zehn Jahre unterwegs, das erkennt man den junggebliebenen Schweden aber nicht an. Ihr Set bestand aus vielen älteren Songs wie „The Comeback“, „Hard Rain“ und dem Hit „Please Please Please“.

Im Rondell wurde es nach den ruhigen The Autumn Defense erst einmal richtig laut. Youth Lagoon aus Amerika putzten mit ihrem unkonventionellen Psychedelik-Rock alle Ohren erst einmal richtig durch. Ihr Sound ist eine Mischung aus viel Hall und geloopten Synthie-Samples, die mal im Walzertakt daherkommen und gerne in ausufernde Post-Rock-Stücke enden. Klingt genau so verrückt und aufregend, wie es sich liest. Später sah man Sänger Trevor Powers vor dem Rondell mit einer Frauenmaske alleine auf der Wiese zu Dinosaur Jr die Luftgitarre schwingen. Wunderbar abgedreht.

Für Matthew E. White musste man sich das erste Mal anstellen. Zu Recht, denn der Auftritt des bärtigen Amerikaners zählt zu Höhepunkten des Abends. Seine Version des Blues-Rock trägt er so hingabevoll vor, dass man schnell vergisst, wie voll es doch geworden ist. Matthew spielt sitzend, sodass man ihn auf der niedrigen Bühne im Rondell nur in den ersten Reihen sieht. Das stört nicht, denn zu dieser Musik die Augen zu schließen und den Kopf zu nicken ist absolut angebracht. Dass ein solch traditionelles Genre noch in so frischem Gewand daherkommen kann überrascht und macht glücklich.

Coney  Island. Weißenhäuser Strand. Coney Island? Weißenhäuser Strand! Als die New Yorker von They Might Be Giants die Bühne des kleinen „Baltic Saals“ betreten, diesen lampenbehangenen Raum mit seiner tiefen Decke, ist die Schiff-Atmosphäre perfekt – man fühlt man sich tatsächlich wie in einem Dampfer auf dem Hudson River, auf dem Weg zu einer Party in New York; eine Kaffefahrt, bei der die Herren allerlei witzige Sätze dem Publikum entgegen schleudern. „Dies ist das Vogelhaus in Deiner Seele“, sagen sie in Anspielung auf ihren 1990er-Hit „Birdhouse In Your Soul“.

Die Fotografen, die auf normalen Konzerten drei Lieder lang knipsen dürfen, holen They Might Be Giants aus praktischen Gründen (sowie Platzgründen) gleich auf die Bühne. Für sie werfen sich die Musiker in Pose, verrenken ordentlich Arme und Beine, stoppen dafür gar ihre eigene Musik. Das Leben ist eine Pose, alles ist Entertainment.

Wie witzig John Flansburgh und John Linnell noch nach all den Jahren sind. „You’re Older Than You’re Ever Been And Now You’re Even Older“, singt Flansburgh zur Begrüßung des Publikums, spielt auf dem Keyboard diese wunderbar schrägen Töne, wie man sie seit den Achtzigern leider viel zu selten hört, während Linnell Gitarrenakkorde spielt, die auch von Kurt Cobain hätten stammen können, erinnert Linnell mit seiner Weste und dem Bart nicht eher an einen Schriftsteller aus Greenwich Village. „Lauter!“ ruft einer aus dem Publikum, den der Song-Slogan anscheinend sehr berührt hat. Apropos Älterwerden: Die Rosa-Kopfhörer-Quote war bei dieser Band besonders hoch – Eltern brachten ihre Kleinkinder mit, die für den Schallschutz große, bunte Dinger für die Ohren bekamen. Auf den Schultern ihrer Eltern gaben sie das lustigste Bild des Abends ab.

Was die Kleinen wohl zum Schall bei Dinosaur Jr. gesagt hätten? Meterhoch türmten sich beim Trio die Marshall-Lautsprecher-Wände in der Zeltbühne, fast fühlte man sich erinnert an die legendären Konzerte von Neil Young, als es ihm darum ging den Wert des Krachs neu zu definieren. Auch J Mascis und Lou Barlow üben sich seit ihrer Wiedervereinigung an dieser Strategie der Nulltoleranz für Stille. Das optimal abgepasste Greatest-Hits-Set ließ dafür keine Wünsche offen: „Freak Scene“, „Out There“, „Feel The Pain“, „The Wagon“, „Litle Fury Things“, das The-Cure-Cover „Just Like Heaven“ … wer dazu noch diese alten Zausel auf der Bühne sah, den schlohweißhaarigen J Mascis und den Lulatsch Lou Barlow mit seiner Tingeltangel-Bob-Frisur,  der erkannte schnell, dass für sie vielleicht die Zeit verstreichen wird – die Zeitlosigkeit ihrer Lieder bleibt bestehen. Und J Mascis bleibt einer der wenigen Gitarristen, die spielen können wie zwei.

Letzte Band des Abends waren Suede in der Zeltbühne. Wie theatralisch Brett Anderson immer noch sein kann! Wirft sich auf den Boden, wenn er leidet, stellt sich breitbeinig hin, wenn er die Verhältnisse klarsingen will. Und schlägt sich, ganz wie früher, das Mikro an den Hintern – wenn er das Kabel nicht gerade als Lasso benutzt. „You Wake Up With A Gun In Your Mouth“ Keine Frage, Anderson ist immer noch der Entertainer des Britpop. Das Publikum dankt es ihm; unter den Festivalzuschauern sind viele Fans, die wegen Suede gekommen zu sein scheinen. Gewinner des Auftritts sind natürlich die frühen Stücke.  „Animal Nitrate“, „Still Life“, „We Are The Pigs“, „Trash“ und das herrliche, viel zu selten live gespielte „New Generation“ bringen ein wenig englische Romantik an den Weißenhäuser Strand. Mit dem Wasser im Rücken stimmte Anderson seine Lieder über Flucht und Jetzt-oder-nie-Gelegenheiten an; man sollte ihm einen Dauerplatz hier an de Ostsee einrichten.