Willy statt Wowi


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Die Münchener haben ihrer Franz Beckenbauer und sein „Schau’n mer mal“, es ist in die Alltagssprache eingegangen – auch Ostfriesen und Sachsen zitieren Beckenbauer, wenn sie sagen möchten, dass sie sich nicht vor der Zukunft fürchten. Die Berliner können auf drei Gigantensätze verweisen, sie beschwören sogar die Freiheit: 1963, Kennedy stand gegen die Mauer und verstauchte sich die Zunge, da er auf Deutsch schwor, er sei ein Berliner; der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter zitterte vor Leidenschaft, rief 1948: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“, und überwand die Blockade der Russen; der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit offenbarte seine Homosexualität, um dem Gemunkel und Geschrei seiner Feinde vorzubeugen.

Das passierte vor zwölf Jahren, der Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ gilt als Wowereits Lebensleistung: Vorher und nachher hat er nichts Bemerkenswerteres hingekriegt. Er verherrlicht Berlins Sexiness trotz Armut, befiehlt jedoch „Sparen, bis es quietscht!“, obwohl Sparen kein bisschen sexy ist. Nach seinem Geständnis, dass er nur Männer begehrt, ließ er sich zum Regierenden Bürgermeister von Berlin wählen, kein anderer Politiker seit 1951 hat die Berliner Bürger so lange am Stück gemeistert wie Wowereit – noch in 100 Jahren werden die Deutschen an Wowereits Satz denken, weil er doch die Schwulen so voranbrachte, tatsächlich jedoch würde der Satz bloß dann zum Heiligtum taugen, wenn Wowereit nach der ersten Hälfte geendet und die Wertung (inzwischen eine Redensart) weggelassen hätte. „Ich bin schwul“, okay, warum nicht, meinetwegen, aber „gut“? Am Homosein oder Heterosein ist weder was Gutes noch Schlechtes: Es ist egal. Das wollte Wowereit wohl sagen, er meinte jedoch der ersten Satzhälfte noch was Originelles hinterherschwatzen zu müssen. Wahrscheinlich war mit den Beratern nur die erste Satzhälfte abgesprochen, aber Popstar Klaus Wowereit was born to improvise.

Die Rache der Sprache: Der Kosename Wowi reimt sich auf Doofi, ähnelt im Klang aber auch dem Willy. Der Frauennehmer Willy Brandt oder Klaus Wowereit, wer ist denn nun der attraktivste Sozialdemokrat aller Zeiten? Das Krawatteninstitut wählte Brandt schon 1967 zum Krawattenmann des Jahres, diesen Titel errang Wowereit noch nie, dafür war er mal Sprachpanscher des Jahres (wegen Denglisch „Be Berlin“), auch Kommandeur der Ehrenlegion kann er sich nennen. Brandt hatte eine Mission als Politiker, er wollte die Verhältnisse verändern und verbessern (und schaffte es), Wowereit wurde Politiker, um seine eigenen Verhältnisse zu verbessern.

60 wird er im Oktober. Der Mensch muss sich erfinden, das hat Wowereit von Sartre gelernt. Es ist nicht mehr zu entscheiden, ob der Jurist Wowereit sich die Geschmeidigkeit antrainiert oder sie von der Mutter geerbt hat: Er regierte mit Kommunisten und lässt sich nun von der CDU stützen. Wer Wowereit festhalten oder ergründen will, wird stets scheitern, denn er hat 50 Gesichter, aber kein Gesicht. Viele Berliner und Restdeutsche mögen ihn, aber sie können ihn weder lieben noch achten – Willy Brandt haben sie geliebt und geachtet und auch den Berliner Ex-Bürgermeister Klaus Schütz (nach seinem Tod im November trauerten die Berliner so sehr wie beim Abstieg von Hertha BSC).

Wowereit verliert, seine Sympathiewerte sinken besonders deshalb, weil der „Willy Brandt“-Flughafen nicht fertig und immer teurer wird und Wowereit mit seiner Lässigkeit darüber lächelt: Auf Pressekonferenzen zum Thema erinnert er an Christoph Daum, der damals bestgelaunt erzählte, dass er gelogen und doch Kokain geschnupft hatte. Wowereit, heißt es, sei ein Harter und betreibe sofort Machtpolitik, wenn die Öffentlichkeit draußen bleiben muss. Seine Gegner möchten ihn auf eine heiße Herdplatte setzen, damit er sich besinnt; seine Fans glauben, dass er in zehn Jahren noch Berlin regiert. Die Richtlinien des Torwarts Oliver Kahn verfolgt jedenfalls auch Klaus Wowereit: „Weiter, immer weiter! Und wir müssen Eier haben!“. Hat er, der Wowi.