WM-Blog: Die Brasilianer sind keine Brasilianer mehr


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Der Filmjournalist, Kritiker und ROLLING-STONE-Autor Rüdiger Suchsland schreibt hier über die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Die Brasilianer sind keine Brasilianer mehr

„Wir existieren, weil wir gewinnen, und hören auf zu existieren, wenn wir verlieren. Ein besiegter Krieger ist wie ein abgestürzter Engel.“

Eduardo Galeano, Autor aus Uruguay

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„Im Gegensatz zur britischen Schule, die vorschreibt, dass der Ball von allen Stürmern bis vor das gegnerische Tor gebracht und dann aus möglichst geringer Distanz verwandelt wird, vertritt die brasilianische Schule die Ansicht, dass aus jeder Entfernung geschossen werden sollte und dass die Genauigkeit des Schusses wichtiger ist als die Nähe zum Tor. Darüber hinaus statuiert sie, dass ein gemeinsames Vorrücken aller Stürmer nicht notwendig ist; es reicht schon, wenn zwei oder drei Spieler sich mit dem Ball absetzen. Durch die Schnelligkeit und Plötzlichkeit des Angriffs wird die gesamte gegnerische Abwehr durcheinander gewirbelt.“

Américo R. Netto, Journalist, 1919

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Einst war bei Brasilien das „Jogo bonito“ Trumpf, das Angreifen mit gleich sechs oder sieben Spielern auf einmal. Bei seinen ersten drei WM-Titeln, 1958, 1962 und 1970 zeigte die Seleçao Fußball von einem anderen Stern. Wer sich immer noch fragte, was „linker Fußball“ sein könnte, fand hier Antwort. Am besten praktizierten das freilich die Brasilianer von 1982: Falcao und Socrates, Zico und Eder spielten Traumfußball. Das war „heiße Effizienz“, eine Synthese aller Fußball-Tugenden, die jede plumpe Dialektik in der erfolglose Schönheit gegen „kalte“ Effizienz ausgespielt wird, hinter sich lässt. In seinen besten Momenten spielte Brasilien schön und erfolgreich und bewies damit, dass beides kein Gegensatz sein muss.

Im Wesentlichen war der brasilianische Spielstil es eine Spielweise, bei der außerordentliches individuelles Geschick Teamtaktiken ausstach. Schöne Dribblings und schnelle Bewegungen waren wichtiger als physische Stärke oder lange Pässe. Vor allem wegen des Dribbelns, bei dem der ganze Körper beteiligt ist, wurde brasilianischer Fußball oft und gerne als Fortsetzung von Musik musikalischen Begriffen begriffen – als Samba, der Gesang und Tanz zugleich ist. Dieser brasilianische Spielstil hatte sich seit 1970 international durchgesetzt, und war zugleich verwässert worden.

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Wenn Berti Vogts einst kontrafaktisch behauptet hat, der Star sei die Mannschaft, dann ging es ihm um Sekundärtugenden wie Einordnung, Disziplin, „Verzicht auf Alleingänge“. An solch fordistisch-funktionalem Verständnis von Teamwork kann nichts sympathisch sein. Einst zeigte Brasilien die Alternative, das, was heute die Niederlande, Frankreich und die Mexikaner auszeichnet: Das Zusammenspiel von Individualisten, das nur dadurch zustande kommt, weil jeder seine Funktion zwar kennt, aber die Freiheit (und die Fähigkeit) hat, aus ihr auszubrechen.

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Nichts davon bei den Basilianern von heute. Man spielt kalkulierenden Zweckfußball, der Angstschweiß vorm Verlieren steht ihnen auf der Stirn und die typischen brasilianischen Tugenden wie Technik, Improvisation und spielerische Klasse sind systematisch unterdrückt worden. Wer mag, kann hierin erkennen, das Globalisierung auch vor dem grünen Rasen nicht Halt macht: Gleichschaltung, Anpassung an den Stil des europäischen Nordens prägt Staaten wie Brasilien in allen Bereichen. Das paradoxe Ergebnis ist dann: Holland und Frankreich spielen bisland den schöneren, weil mutigeren und riskanteren Fußball.

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Heute sind die Brasilianer ausgerechnet da am stärksten, wo es einst die Deutschen und die Italiener waren: In der Abwehr. Die wahren Helden heißen David Luiz, Dani Alves, Marcelo und Thiago Silva. Während das Mittelfeld, das Ideenlabor des Spiels, bei Brasilien auf dem Stand der 1990er Jahre stehengeblieben ist. Luis Gustavo und Paulhinho sind schlechter als Schweinsteiger und Khedira,

Gerade auf den so wichtigen Flügeln hat man noch überhaupt keine überzeigende Lösung gefunden, das brasilianische Spiel keinerlei Eleganz und Überraschungselemente. Oscor ok, aber weder Hulk (immerhin mal ein Name für eine Offensivkraft, der aber mehr einem Briten anstehen würde), noch Ramires, die sich auf ihrer Position nach undurchschaubarem Muster abwechselten, brachten die nötige Durchschlagskraft. Im Sturm bevorzugt Trainerfuchs Scolari das schon veraltete System mit einer Spitze: Neymar – der Superstar mit Ansage, hat zwar Tore gebracht (halt gegen Kamerun und Kroatien), aber kein Genie.

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Neymar trägt schwer an der Last der 10, die Dirigent und Solist in einem sein soll. Er soll aus einem schlechten Anspiel noch als Sieger hervorgehen, zwei, drei auf sich ziehen, und so Räume schaffen.

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Wenn es mit rechten Fußball-Dingen zugeht, muss Brasilien trotzdem klar gewinnen. Ihr heutiger Opponent, der Außenseiter aus Chile hat auf dem Weg in dieses Achtelfinale einer der solidesten Leistung gebracht, ohne je Genie zu zeigen. Mit den im archaischen Sepp-Herberger-Stil auftretenden Chilenen werden die Brasilianer trotzdem nicht wenig Schwierigkeiten haben. Mexiko hat vorgemacht, wie man das Jogo-Möchtegern-bonito stillstellt. Und Chile konnte gegen Spanien und Holland (wo erst zwei späte Tore entschieden) üben, wie man einen überlegenen Gegner bekämpft. Mit den Spaniern wurde das „objektiv“ stärkste europäische Team aus dem Turnier entsorgt, während die Brasilianer schon mit den unkreativen kroatischen Dreschflegeln Probleme hatten. Das chilenische Kollektiv spielt gescheit, und sollte das Spiel lange offen halten können.

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Für das Turnier wäre ein brasilianisches Ausscheiden ein Unglück, für Brasilien wäre es politisch wie fußballkulturell ein Glück. Während Brasilien verzweifelt versucht, „europäisch“ zu sein, und damit womöglich sogar das Penta-Campeonato gewinnen wird, liegt die Zukunft der Fußballkunst entweder in Holland, oder möglicherweise sogar bei den anderen Lateinamerikanern. Ein Ausscheiden würde eine Rückbesinnung zu Besserem einleiten.

Tippen wir also mal unbrasilianisch zweckpessimistisch: 1-0 für Brasilien.